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Döbeln Harthas Oberschüler vertrauen ihrer Sozialarbeiterin
Region Döbeln Harthas Oberschüler vertrauen ihrer Sozialarbeiterin
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08:04 07.03.2019
Juliane Wargel ist Schulsozialarbeiterin an der Pestalozzi-Oberschule in Hartha. Jeden Tag steht ihre Tür offen bei Problemen. Inzwischen vertrauen ihr die Schüler, was ihrer Arbeit , wie sie selbst sagt, „ungemeinen Aufwind“ gibt. Quelle: Lisa Schliep
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Hartha

Ihr Büro ist inzwischen so, wie sie es sich vorgestellt hat. Ein paar Vorhänge von zu Hause hängen vor den Fenstern, die uralte Couch hat sie gegen zwei weich gesessene gelbe Ledersofas getauscht. Ein farbenfrohes Graffiti hängt an der Wand. Am Ende des Gangs der ersten Etage der Pestalozzi-Oberschule liegt das Büro von Juliane Wargel. Die junge Frau ist Schulsozialarbeiterin in Hartha. Vor knapp einem Jahr und vier Monaten wurde für sie eine Stelle geschaffen. Seitdem nahmen schon viele Jugendliche in ihrem Zimmer Platz. Helfen konnte sie, wie sie zufrieden feststellt, bisher jedem einzelnen. Wargel ist angekommen, wird von den Jugendlichen als Vertrauensperson akzeptiert und gebraucht. Mit der DAZ sprach die 30-Jährige über pubertäre Eltern-Kind-Beziehungen, ein neues Projekt für soziales Lernen und die Bedeutung intensiver Jugend- und Sozialarbeit.

Enge Bindung ist nicht gleich gute Kommunikation

„Ich bin keine Ersatzmama.“ Wargel betont das mit Nachdruck. Sie versteht sich als Bindeglied oder Schnittstelle zwischen dem Kosmos Schule und Zuhause. Zwischen Jugendlichen und Eltern. Schülern und Lehrern. „Ich bin in erster Instanz für die Kinder da, eine vertraute Person, jemand, der sie immer ernst nimmt und Zeit aufbringt.“ Bedingungslos. Manchmal sei es so, dass Eltern im Alltag über die Probleme ihrer Kinder hinweg gehen, begründet Wargel die Betonung des Wörtchens „immer“. An diesem Punkt versucht sie die Jugendlichen aufzufangen. „Wie sagt man so schön: Es brauch ein Dorf, um ein Kind zu erziehen.“ Schlechte oder missverständliche Kommunikation zwischen Eltern und Jugendlichen in der Pubertät sei generell ein großes Thema. Wargel erklärt sich das so: „Eltern denken oft, dass ihre Kinder sich ihnen in der Pubertät bewusst entziehen und die Freunde wichtiger sind. Aber das ist nicht so. Die Jugendlichen sind hin- und hergerissen, wollen Aufmerksamkeit. Können es aber oft nicht einfordern.“ Dabei versucht sie zu helfen.

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„Kinder sind Experten für ihr Leben“

Wargel gibt den Kindern Kommunikationsstrategien mit an die Hand. Sie spricht in diesem Zusammenhang von „Ich-Botschaften“ und davon, bei geäußerter Kritik oder einem Problem immer einen konkreten Wunsch mitzuäußern. Lösungen gibt sie keine vor, das entspräche nicht ihrer Philosophie. „Kinder sind Experten für ihr Leben“, ist die 30-Jährige überzeugt. Die Antwort stecke meist schon in ihnen. Die Schulsozialarbeiterin gibt lediglich einen Anstoß. Gerade in den vergangenen Monaten habe sie gespürt, wie wichtig ihr Angebot für die Schule ist und freut sich, dass das nach und nach auch auf Landesebene anerkannt wird. Seit August letzten Jahres gibt es mehr Fördermittel für die Schulsozialarbeit, sodass flächendeckend an allen sächsischen Oberschulen mindestens eine Vollzeitkraft pro Schule eingesetzt werden kann. „Ich hätte mir zu Schulzeiten so einen Ansprechpartner gewünscht.“

Losgelöst vom Klassenraum

Wargel hat nach ihrem Studium der Sozialpädagogik zunächst in einer Kindereinrichtung gearbeitet und strandete dann an einer Lernförderschule als Inklusionsassistentin. Dort merkte sie, dass sie mehr sein will, als eine helfende Hand im Unterricht. Über einen Tipp kam sie in Kontakt mit der Kindervereinigung Leipzig e.V., Träger der Schulsozialarbeit an der Oberschule in Hartha. Bevor sie da war, schenkten Lehrer und Schulleiterin Kerstin Wilde den Kindern ein offenes Ohr – als eine Art Vertrauenslehrer. Für Wargel ein wichtiges Amt, dem aber eine Krux anhaftet: „Die Jugendlichen begegnen der Person auf zwei Ebenen, im Unterricht und privat. Da entsteht dann mitunter Scheu, sich zu öffnen. Sie wissen nicht, ob die Lehrer differenzieren können.“ Ihr Vorteil sei es, dass sie den Schülern unvoreingenommen begegnet, losgelöst vom Klassenraum und schulischer Leistung.

Konflikte im Elternhaus und unter Freuden

Der häufigste Grund, warum die Pestalozzi-Schüler ihre Hilfe suchen, ist die Sorge um die eigenen Eltern. „Sie sind beunruhigt, wenn Mama und Papa viel streiten oder es jemandem gesundheitlich schlecht geht. Kinder bekommen viel mehr mit als viele Elternteile ahnen.“ Wargel ist zudem häufig Versöhner. Denn Konflikte unter Freunden sind an der Tagesordnung. „Sie schließen einander aus, manchmal kommt es vor, dass sie sich beleidigen oder sogar bedrohen.“ Dann gibt es noch die Fälle, die nicht in einer oder einer Hand voll Sitzungen zu lösen sind. Geschichten, für die Wargel „ein erweitertes Hilfesystem“ hinzuzieht. Damit gemeint sind in erster Instanz Beratungsstellen für Familien. In letzter das Jugendamt – aber nie ohne vorherigen Kontakt mit den Eltern. „Jugendamt“ sei für viele Eltern ein Reizwort, erzählt die Schulsozialarbeiterin. Viele hätten durch die mediale Berichterstattung ein verzerrtes Bild, denken, man nehme ihnen sofort die Kinder weg. Die 30-Jährige versucht an dieser Stelle die Angst zu nehmen.

Soziales Lernen auf dem Lehrplan

Bisher beschränkte sich ihre Arbeit auf die Sprechzeiten und einzelne Klassenklima-Workshops. Jetzt steht Wargel sogar mit auf dem Lehrplan der fünften und sechsten Klassen. Neben Mathe, Deutsch und Co. Das neue Pilotprojekt: Soziales Lernen. Sie möchte den Kindern nützliche Kommunikations-Werkzeuge an die Hand geben. Viel reden, ohne dabei den Spaß aus den Augen zu verlieren. „So erreiche ich nicht nur einzelne, sondern die gesamte Klasse. Das ist eine wichtige Chance.“ Das direkte Gespräch suchen, wie sie weiß, nämlich eher die Mädchen.

Zum Tag der offenen Tür im Februar erklärte sich ein Schüler bereit, zu erklären, was Juliane Wargels Job an der Schule ist. „Er sagte dann, dass es seitdem ich hier bin weniger Streit untereinander gibt.“ Das zu hören, macht sie stolz. Auch wenn das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist.

Von Lisa Schliep