Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Döbeln Kinder erforschen: Bürgermeister Reschke an Typhus gestorben
Region Döbeln Kinder erforschen: Bürgermeister Reschke an Typhus gestorben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:01 09.06.2018
Die Grundschüler graben die junge Gedenklinde ein. Quelle: Fotos: G. Schlechte
Anzeige
Leisnig

Der Höhepunkt des Tages: Selber eine Schaufel Erde an die junge Linde schippen. Als die junge Linde vor der Leisniger Grundschule Sigismund Reschke eingegraben wird, will von den Grundschülern jeder mal schaufeln. Den Baum pflanzen sie für den Namensgeber der Schule, aus Anlass seines Geburtstages, der sich am 10. Juni zum 200. Mal jährt.

Lebensgroß im Klassenzimmer

In einem Klassenzimmer sitzt Reschke sogar selber: Die lebensgroße Figur in der Kleidung wie vor 200 Jahren sitzt sonst in einer Zelle im Gefängnis der Burg Mildenstein. Für den Projekttag ist sie an die Schule ausgeliehen. Die Kinder betrachten den Mann in der altertümlichen Kleidung.

Anzeige
Nach mehrmonatiger Projektarbeit zu Sigismund Reschke stellen die Grundschüler ihre Forschungsergebnisse vor, pflanzen einen Baum und schließen auf ungewöhnliche Art Bekanntschaft mit dem früh verstorbenen Bürgermeister.

Bisschen gruselig, bisschen traurig

„Er ist ein bisschen traurig und gruselig“, flüstern sie. Das Gesicht des Mannes ist sorgenvoll und ausgezehrt. Die Kinder sind neugierig: „Sah er wirklich so aus, und sind das seine richtigen Kleider? Und wie sind die Haare am Kopf festgemacht?“ Ein Mädchen möchte dem armen Mann auf dem Stuhl gern einen offenen Schnürsenkel zubinden.

An Typhus gestorben

Die Grundschüler wissen: Reschke ist am 1. Juni 1850 gestorben, in seinem 33. Lebensjahr, und zwar an einer Krankheit namens Typhus, wovon man starke Bauchschmerzen bekommt. „Armer Bürgermeister", sagt ein Junge. Dass der Mann für kurze Zeit dieses Amt in Leisnig inne hatte, das haben die Kinder herausbekommen.

Opa der Schulleiterin ging hier zur Schule

Das Größte: Sogar schon der Opa von Schulleiterin Therese Bretschneider, Horst Schmidt, lernte an der Sigismund-Reschke-Schule. Die hieß damals Volksschule. „In der DDR trug die Schule den Namen Hans Beimler, und wir hätten gern gewusst, wann und unter welchen Umständen sie schon zuvor nach Reschke benannt wurde. Doch das war bisher nicht herauszufinden“, so die Schulleiterin.

Blumen für Reschkes Grab

Monatelang forschen die Grundschüler. Alle rund 150 Mädchen und Jungen sind beteiligt. Manche von ihnen pflanzen Blumen auf sein Grab auf dem Leisniger Friedhof. Zum Projekttag stellen alle ihre Forschungsgebnisse vor, präsentieren selbst gestaltete Plakate, tragen historische Daten zu Informationsblättern zusammen.

Vorträge von Schülern für Schüler

Am Projekttag halten einige sehr souverän Vorträge über ihre Ergebnisse. Davon überzeugen sich Mitglieder vom Geschichts- und Heimatverein sowie der heutige Leisniger Bürgermeister Tobias Goth (CDU). Über Reschke ist wenig herauszufinden. Er ist nur kurze Zeit Bürgermeister, vom Oktober 1848 bis zum Frühjahr 1849. Dann wird er verhaftet.

Als Aufrührer verhaftet

Während der bürgerlichen Revolution in Deutschland, auch Märzrevolution genannt, sympathisiert er mit fortschrittlichen Kräften, die unter anderem ein demokratischeres Wahlrecht und ein einheitliches Deutschland statt die Herrschaft adliger Fürsten fordern. Die Revolution scheitert. Reschke gerät in die Mühlen des Gesetzes. Seinen Gefängnisaufenthalt überlebt er nicht.

Von Mirus zum Bürgermeisteramt ermuntert

Wie Reschke nach Leisnig kam: Gebürtig in Markneukirchen, hat der studierte Jurist eine Stelle bei Dr. Carl Moritz Mirus. Der war von 1833 bis 1848 Leisnigs Bürgermeister. Bei ihm arbeitet Reschke als Schreiber für die Stadt. „Mirus ermunterte Reschke zum Bürgermeisteramt, führte ihn in Leisnig ein“, weiß Uwe Reichel vom Geschichts- und Heimatverein. Damals bestimmten nicht wie heute die Bürger, wer ihr Stadtoberhaupt wird, sondern Ratsmitglieder. Wahlen wie heute gab es damals nicht.

Von Steffi Robak