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Döbeln Zugestochen mit großer Wut: Wie kam das Messer in die Wohnung?
Region Döbeln Zugestochen mit großer Wut: Wie kam das Messer in die Wohnung?
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14:47 22.03.2019
Ronny S. vor Beginn der Verhandlung auf der Anklagebank. Quelle: Harry Härtel
Geringswalde

Der als Nebenkläger auftretende Vater der Getöteten stellt am zweiten Verhandlungstag, am 19. März, eine für den Fortgang stark relevante Behauptung auf: Ein solches Keramikmesser, wie es während der Beweisaufnahme als Tatwaffe präsentiert wird, habe es im Haushalt seiner Tochter gar nicht gegeben.

Die vorsitzende Richterin Simone Herberger hält es für plausibel, dass der Vater das einschätzen kann. Die Bindung der Familie zur Tochter sei sehr eng gewesen.

Würde sich die Behauptung des Vaters als Tatsache erhärten lassen, könnte das bedeuten, der Angeklagte habe das Messer mit in die Wohnung gebracht – vielleicht am Tag der Tat.

Sollte das nachweisbar sein und sich auf eine konkrete Intention zurück führen lassen, wäre der Tatvorwurf unter Umständen um die Tötungsabsicht zu erweitern. Die Behauptung des Vaters belastet demnach den Angeklagten. Bisher ist Totschlag angeklagt – ohne das Vorhandensein von Mordmotiven.

Die Verteidigung konterte nach kurzer Verständigung mit dem Angeklagten mit einem Antrag: Eine bereits vernommene Zeugin, die beste Freundin der am 17. Oktober Getöteten, solle erneut in den Zeugenstand gerufen werden. Sie habe in der Wohnung gelegentlich Speisen zubereitet und kenne demnach das Messer als zum Haushalt dazugehörig.

Die Richterin entschied: Dem Antrag solle nicht stattgegeben werden. Auch werde zur Herkunft des Messers nicht weiter geforscht. Das Gericht geht davon aus, bei dem in der Verhandlung präsentierten Messer handle es sich um die Tatwaffe. „Wir eröffnen sonst eine neue Baustelle, die die Urteilsfindung nur verzögert“, so Herberger.

Allerdings will das Gericht das Blutspurenmuster vom Tatort detailliert auswerten lassen. Festgehalten ist alles auf digitalen Fotos vom Tatort. In der Küche, dem Ort der Bluttat, hat es nach Aussage des mit der Spurensicherung beauftragten Polizeibeamten mannigfach Blutspritzer in verschiedenster Form gegeben. Eine CD mit den Aufnahmen wird nun dem Rechtsmediziner Dr. Carsten Babian zur Auswertung zur Verfügung gestellt.

Als Gutachter wohnt der Forensiker der Verhandlung bei. Der leitende Oberarzt des Institutes für Rechtsmedizin der Universität Leipzig soll nun auswerten, ob beziehungsweise in welcher Weise die Blutspritzer Auskunft geben können, in welcher Position sich die Attackierte zu dem Täter im Moment des Angriffs befand. Stand sie? Oder hat sie gesessen? Dies ist letztlich für das Strafmaß entscheidend. Für Totschlag kommen fünf bis 15 Jahre in Frage.

Dass mit viel Wut zugestochen wurde, geht aus der Schilderung des Polizeibeamten hervor, der den Tatort kriminaltechnisch bearbeitete. Mit Details hielt er sich angesichts der Anwesenheit von Familienangehörigen zurück, äußerte jedoch: In zwanzig Jahren seiner Arbeit habe er kaum mit einem derart zugerichteten Leichnam zu tun gehabt.

Nach seiner Einschätzung könnten die Blutspuren am Tatort auch darauf hindeuten, dass der Mann auf seine Lebensgefährtin einstach, während sie am Küchentisch saß. Hier soll nun die Einschätzung des Forensikers Babian Klarheit bringen. Er absolvierte eine Zusatzausbildung in der Analyse von Blutspurenmustern.

Am zweiten Verhandlungstag gegen den Messerstecher von Geringswalde wurden außerdem die Feuerwehrleute und Polizisten als Zeugen vernommen, die als erste am Tatort waren. Einer der Helfer betrat um 21.24 Uhr die Wohnung. Er fand die Frau vor und versuchte als Erster festzustellen, ob sie noch am Leben war. Der Mann versuchte, am Hals den Puls zu fühlen. Es sei nichts mehr festzustellen gewesen.

Auch sei das Blut bereits geronnen gewesen, sagte er aus. Rettungskräfte versuchten dennoch, die Pads für das EKG am Oberkörper der Frau anzubringen und stellten hierbei fest, dass der Körper mehrere Messerstiche aufwies. Man habe daraufhin von der Frau abgelassen und auf den Notarzt gewartet. Nur dieser kann beziehungsweise darf den Tod feststellen. Dieser stellte dann auch die vorläufige Todesbescheinigung aus. Todesursache: Stich- und Schnittverletzungen im Thoraxbereich.

Angehörige der Getöteten hatte die Polizei am Abend vom 17. Oktober 2019 benachrichtigt und dabei bereits von einem Beziehungsstreit berichtet. Während Polizei, Rettungskräfte sowie Notarzt in der Wohnung waren, musste die Familie draußen ausharren. Was vom ersten Verhandlungstag am 12. März berichtet wurde:

Ronny S. aus Mittweida muss sich vorm Landgericht Chemnitz wegen Totschlags verantworten. Unter Vorsitz von Simone Herberger, Richterin am Landgericht Chemnitz wird seit Dienstag verhandelt. Als Nebenkläger treten der Vater sowie die Schwester der getöteten Frau auf.

Seit 2013 unterhielt er nun mit seiner Partnerin eine Beziehung. In Geringswalde bewohnten sie gemeinsam die Wohnung, in welcher sich am 17. Oktober 2018 die Bluttat ereignete. 18 Stich- und mehrere Schnittwunden fügte er nach Ansicht der Staatsanwaltschaft seiner Freundin zu. Sie trug Wunden in der Brust, im Bauch, im Kopf davon. Zwei Stiche ins Herz öffneten die rechte Herzkammer. Daraufhin verblutete die Frau.

Vier Verhandlungstage angesetzt

Wie es zu diesem Drama kommen konnte, soll jetzt in vier Verhandlungstagen geklärt werden. Der Angeklagte selbst beschreibt, dass seine Freundin im Streit in der Küche ein Messer aus einer Schublade genommen habe. Nach der Befragung des Angeklagten wurden als Zeugen zunächst die Schwester und die Mutter der Opfers vernommen.

Es stellt sich so dar, als habe der Mann wegen Geldproblemen – unter anderem hatte er beim Spiel Geld verloren – größere Geldsummen aus einem offen zugänglichen Briefumschlag nahm. Sie waren für die Finanzierung einer Urlaubsreise bestimmt. Wie der Angeklagte schildert, habe er das Geld zurückzahlen wollen.

Doch im Verlaufe der Verhandlung deutete sich an: Der Angeklagte war auch extrem eifersüchtig sowie misstrauisch. Seine Freundin hat er sehr stark kontrolliert. Am Tage des Verbrechens, bei dem letzten Gespräch, war es um Trennung gegangen – allerdings nicht zum ersten Mal.

Angehörige der jungen Frau hatten am 17. Oktober vergeblich versucht, die 30-Jährige telefonisch zu erreichen und alarmierten die Polizei. Rettungskräfte konnten in den späten Abendstunden nur noch den Tod der Frau feststellen. Eine Bluttat wie in Geringswalde ist das wohl tragischste Ende einer Beziehung, die einst mit viel Liebe und der Planung einer gemeinsamen Zukunft begann. Am ersten Verhandlungstag versuchte das Gericht, die Beziehung des Angeklagten zu seiner späterhin getöteten Partnerin auszuleuchten.

Auch wenn der Angeklagte selbst schildert, bis zuletzt sei bis auf Kleinigkeiten wie das Aufräumen alles harmonisch verlaufen, stellt sich die Beziehung im Verlaufe der Verhandlung differenziert dar.

Zeugen aus dem familiären Umfeld sowie Freundeskreis und Nachbarn, schildern den 32-Jährigen als freundlich, umgänglich und liebenswürdig, wenngleich ihm gelegentlich eine gewisse Großspurigkeit eigen sei. Seiner Freundin gegenüber habe er sich stets sehr liebevoll verhalten. Das sagt zum Beispiel die Schwester der Getöteten. In der Beziehung sei er seinem Charakter gemäß der dominantere Part gewesen, sie die Zurückhaltende.

Wie sich weiterhin darstellt, hat die Frau in ihrer Zurückhaltung einiges am Verhalten ihres Partners lange geduldet. Das mündete in eine längere Phase, in der sie die Beziehung bereits hätte beenden wollen. Das geht aus der Aussage der besten Freundin der Frau hervor. Eine Trennung deutete sich demnach schon länger an. Die Zeugin sagt: „Meine Freundin hatte weder Angst vor ihm noch vor der Trennung. Doch sie sorgte sich darum, wo er denn dann bleibt.“ Gemeldet war nur die Partnerin in der Wohnung in Geringswalde, er bei seinem Stiefvater in Mittweida. Seine eigene Wohnung hatte der Mann gekündigt, als er zu seiner Partnerin in die Wohnung in Geringswalde gezogen war. Nun hatte die Frau vor, sich beruflich zu verändern und dafür nach Leipzig zu gehen. Auf Nachfrage ihrer Mutter habe sie bereits geäußert: „Dann werde ich mich wohl von ihm trennen müssen.“

 Die Partner hatten offenbar zuletzt unterschiedlich intensiv in den Erhalt ihrer Partnerschaft investiert. Dabei geht es zum einen um Geld, es geht um Vertrauen, letztlich um eine gewisse Fürsorge. Das Vertrauen hat der nun Angeklagte im wahrsten Sinne des Wortes verspielt. Mit seiner Leidenschaft fürs Geldspiel belastete der Schichtleiter einer Logistikfirma die eigenen finanziellen Ressourcen – und das, obwohl er noch unterhaltspflichtig für seine Tochter ist.

Dann bediente er sich hinterrücks am Geld seiner Freundin, nahm sich in kleineren Beträgen insgesamt einen vierstelligen Betrag. In einem Briefumschlag verwahrt, als Weihnachtsgeschenk seiner Schwiegermutter, war das Geld eigentlich für die Finanzierung einer Kreuzfahrt gedacht. Erst als die Freundin die Urlaubsreise bezahlen wollte, bemerkte sie, dass Geld fehlte. Von 2600 Euro, die er sich nach und nach genommen hatte – mal hundert Euro, mal zweihundert – zahlte er bis Sommer 2018 etwa 1800 Euro zurück.

Irgendwann hatte er seiner Freundin schon bei einer Autofahrt zu Mc Donalds in Döbeln gestanden, was sie schon wusste: Dass er das Geld genommen hatte. Es war wohl der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen hätte bringen können. Aus Zeugenaussagen geht auch hervor: Am Bestreiten der gemeinsamen Lebenshaltungskosten hatte sich der Mann zuletzt kaum noch beteiligt – zum Unmut seiner Partnerin. Trotzdem traten die zwei noch im September eine Reise nach Mexiko an, zusammen mit der besten Freundin. Da sei es für die beiden Frauen schon klar gewesen, dass es auf eine Trennung hinaus läuft. Die körperlichen Zuwendungen von ihr ihm gegenüber seien schon nahezu am Nullpunkt gewesen.

 Zum Schluss waren beide nicht mehr in gleicher Stärke auf das Fortbestehen der Beziehung fixiert: Er wollte die Partnerschaft nach zwei großen Enttäuschungen unbedingt aufrecht erhalten, während sie sich innerlich bereits von ihm entfernt hatte. Das schien er zu erspüren. Als er zu einem familiären Gasthausbesuch beim Griechen in Waldheim am 16. Oktober, am Vortag der Bluttat, nicht eingeladen war – wie übrigens sein Schwager auch nicht – wurde er extrem misstrauisch, suchte die Familie in dem Gasthaus auf, stellte seine Freundin zur Rede, verließ das Gasthaus wieder. Sie habe ihm zu verstehen gegeben, die brauche einfach Zeit, sagt er selber vor Gericht.

Das war am Abend vorm Tag des tödlichen Dramas. In der gemeinsamen Wohnung gab es anschließend einen skurrilen Vorfall: Er versteckte sich im Küchenschrank in der Absicht, seine Freundin und die Familienmitlieder, die sie vom Gasthausbesuch nach Hause bringen würden, zu belauschen. Die Schwester sagt dazu: „Vielleicht wollte er herausbekommen, ob wir schlecht über in reden.“ Doch ihre Schwester sei allein nach oben in die Wohnung gegangen und extrem erschrocken, als sie ihren Freund im Küchenschrank vorfand.

Am Abend vom 16. Oktober verließ der Mann die Wohnung, gab zuvor seine Schlüssel ab, übernachtete im Auto. Am Morgen vom 17. Oktober war er jedoch in der Hauseinfahrt an der Dresdener Straße zur Stelle, um seine Freundin wie gewohnt mit dem Auto zum Arbeitsplatz in Geringswalde zu bringen. Sie wollte jedoch lieber zu Fuß gehen. Am Nachmittag wiederholte sich das: Er wollte sie wie gewohnt mit dem Auto von der Arbeit heim bringen, sie lehnte ab und ging zu Fuß. Sie selbst fuhr nicht Auto und besaß auch keins.

Am Nachmittag fand er sich an der gemeinsamen Wohnung ein. Doch seine Freundin habe ihn nicht mit hoch in die Wohnung nehmen wollen, schildert er selbst. Auch die als Zeugin aussagende Schwester bestätigt das. Sie stand per Smartphone-Chat mit ihrer Schwester in Verbindung. Irgendwie setzte er sich dann doch durch, habe mit ihr reden wollen. „Auf der Treppe nach oben haben wir beide nur geweint“, schildert der Angeklagte, „weil sich andeutete, dass es keine Chance mehr gibt.“

Wie genau es zu der Auseinandersetzung in der Küche und den Messerstichen kam, ist noch teilweise unklar, zumal es heißt, das Messer habe sie aus einer Schublade genommen. Die letzte Nachricht an die Schwester war nach deren Aussage vor Gericht: „Er macht sich noch kurz frisch und ich hoffe, er geht dann.“ - „ich hoffe.“ Die Empfängerin ist sicher: Das waren schon nicht mehr die Worte ihrer Schwester.

Heute verständigten sich Gericht, Staatsanwaltschaft und Pflichtverteidiger darauf, auf die Anhörung einiger weiterer Zeugen zu verzichten. Zudem gab es vonseiten noch zu hörender Zeugen zwei Anträge auf Ausschluss der Öffentlichkeit sowie Ausschluss des Angeklagten aus der Verhandlung. Den Anträgen sollte nicht statt gegeben werden. Daraufhin werde erwartet, dass dann die Zeugen von ihrem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch machen. Am 19. März soll die Verhandlung fortgesetzt werden.

Von Steffi Robak

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