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Döbeln Millionenprojekt: Ex-Thomaner will Villa Bauch zu einem Ort der Musik machen
Region Döbeln Millionenprojekt: Ex-Thomaner will Villa Bauch zu einem Ort der Musik machen
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19:02 15.07.2019
Lukas Lomtscher kennt die Villa Bauch noch von seinen Besuchen in Kindertagen. Schon damals war dem Marbacher klar, dass man aus dem Haus irgendwann etwas machen muss.
Lukas Lomtscher kennt die Villa Bauch noch von seinen Besuchen in Kindertagen. Schon damals war dem Marbacher klar, dass man aus dem Haus irgendwann etwas machen muss. Quelle: Gerhard Dörner
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Rosswein

Lukas Lomtschers Augen leuchten. Die Erinnerungen an seine Kindheit vor Augen, führt uns der 30-Jährige durch die alte Villa Bauch. Viel dunkles Holz, originale Wandvertäfelungen, ein herrschaftlicher Empfangsraum. Jede Menge Räume. Alte Familienfotos in Sepia. Und Spinnweben, die ihr Dasein im Geländer des Treppenaufgangs fristen. Seit knapp zehn Jahren steht die Villa leer.

Die Zeit ist stehengeblieben in der Villa Bauch in der Gersdorfer Straße 6. Die alten Wandvertäfelungen aus dunklem Holz sind noch original erhalten. In der großen Empfangshalle wird auch das Benefizkonzert stattfinden. Quelle: Gerhard Dörner

Lukas Lomtscher, der in Marbach aufgewachsen ist, war als Kind regelmäßig in der Villa zu Besuch, als Luise Bauch noch lebte. „Schon damals hab ich immer gedacht, aus diesem Haus müsste man mal was machen“, erinnert sich Lomtscher, dessen Familie mit Luise Bauch befreundet gewesen ist. Heute lebt Lomtscher in Leipzig, hat nach neun Jahren Mitgliedschaft im Thomanerchor auch beruflich eine musikalische Karriere eingeschlagen und ist als Bass Teil des preisgekrönten Vokalquintetts „Ensemble Nobiles“.

Ensemble Nobiles

Das Ensemble Nobiles ist mit seinem mehr als zehnjährigen Schaffen in der deutschen A-cappella-Szene fest etabliert. Nach zahlreichen Auszeichnungen bei nationalen und internationalen Wettbewerben ersangen sich die fünf jungen Musiker im Juni 2019 einen 1. Preis bei einem der renommiertesten Contests für Vokalensembles, dem Tampere Vocal Music Festival.

Das Benefizkonzert ist der Auftakt für eine Reihe von Veranstaltungen, die auf die unter der Schirmherrschaft des Vokalensemble Nobiles geplante Umnutzung der 1906 erbauten bürgerlichen Villa in eine Ensembleakademie aufmerksam machen soll. In mehreren Phasen soll ein Ort geschaffen werden, an dem Konzerte, Proben, Workshops, Meisterklassen, Tonaufnahmen und mehr in einer ungestörten und inspirierenden Umgebung möglich sind.

www.ensemblenobiles.de

Die Villa Bauch in der Gersdorfer Straße 6 liegt versteckt, am Fuße des Hartenbergs. Ab vom Schuss, und doch mittendrin. Idyllisch ist es hier, umgeben von Wald und Grün wirkt die Villa fast wie ein Märchenschloss. Bis zum Bahnhof sind es nur ein paar hundert Meter.

Die Gersdorfer Straße 6 ist eine von drei Villen der Roßweiner Fabrikantenfamilie Bauch und als einzige noch im Besitz der Familie. Als die kinderlose Luise Bauch 2010 starb, ging das 1906 errichtete Gebäude an ihre Nichte Susanne von Erffa über, die selbst noch in der Villa geboren wurde. Das große Doppelbett, in dem die Nichte von Luise Bauch das Licht der Welt erblickte, steht genauso wie alle anderen Einrichtungsgenstände noch an seinem ursprünglichen Fleck. Alles hier verströmt den Duft der Vergangenheit. Die Erffas leben in Karlstadt am Main, sind nur ab und zu in Roßwein, um in der Villa nach dem Rechten zu sehen. Ein vom Rest des Hauses abgetrennter Bereich ist als Wohnung mit Praxisräumen zurzeit noch vermietet. Ansonsten steht die Villa leer.

Die Villa Bauch in Roßwein, bis zu ihrem Tod 2010 von Luise Bauch bewohnt, soll aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt werden und zukünftig als Ensembleakademie sachsenweit Musikern als Rückzugsort dienen. Quelle: Gerhard Dörner

An einem Verkauf haben die Erffas nur insofern Interesse, als dass der Charakter des Hauses erhalten bleibt. Mietwohnungen, für die der Charme der Villa verloren gehen würde, soll es hier nicht geben. Deshalb steht das Haus noch immer nahezu unberührt.

Lukas Lomtscher, der auch mit Erffas eine freundschaftliche Verbindung pflegt, ist die alte Villa nie aus dem Kopf gegangen. Bei einem seiner Konzertbesuche in Karlstadt am Main und dem anschließenden gemütlichen Abend mit fränkischem Wein wurde philosophiert, was man aus dem Haus machen könnte. Etwas, das der Schönheit der Villa gerecht wird, etwas, das ihren Charakter erhält. „So etwas muss man doch nutzen“, habe ich mir immer wieder gesagt.

Lukas Lomtscher und zwei seiner Sängerkollegen aus dem Ensemble Nobiles würden gern eine Ensembleakademie in der Gersdorfer Straße 6 eröffnen. Ein Haus, in dem Meisterklassen und kleine Ensemble, Kammerchöre Probenwochenenden verbringen können. In dem Aufnahmen von Kammerkonzerten gemacht werden können. Workshops stattfinden, Kurse gebucht werden. Ein Haus, das offen gehalten werden soll für Seminare jedweder Art und Feiern. „Hier kann man herkommen, um sich zu entspannen, zu konzentrieren“, sagt Lukas Lomtscher. Die Villa liegt im Grünen und biete alles, was für kreatives Arbeiten nötig sei. Und die Lage sei zentral. Trotz aller Abgeschiedenheit – innerhalb einer Stunde sei man nahezu überall in Sachsen. Für Musiker auf Konzertreise unschlagbar.

Seit fast zehn Jahren steht die Villa leer. Die Einrichtung ihrer letzten Bewohnerin Luise Bauch ist unberührt. In diesem Bett wurde unter anderem die aktuelle Besitzerin, Bauchs Nichte Susanne von Erffa, geboren. Quelle: Gerhard Dörner

Spätestens, seit die Erffas ihre Zustimmung zu der zunächst als Traumschloss in den Abend gebauten Idee gaben, rattern die Rädchen in den Köpfen von Lukas Lomtscher und seinen Mitstreitern. Die jungen Musiker befinden sich aktuell in der Findungsphase was die Gesellschaftsform des angestrebten Unternehmens angeht. Was den erforderlichen Umbau des Hauses angeht, sind sie schon einen Schritt weiter. Zumindest auf dem Papier.

Gleich, als die Villen-Besitzer ihre Zustimmung bekundet haben, beauftragten Lukas Lomtscher, Caroline und Sascha Hille und Paul Heller das Leipziger Architektenbüro Weis und Volkmann, die sich mit Sanierungen unter akustischen Gesichtspunkten bestens auskennen und unter anderem das Forum Thomanum in Leipzig geplant haben.

Umfangreiche Arbeiten notwendig

Denn abgesehen von dem vordergründigen Ziel, den Charme und die Atmosphäre in der Villa zu erhalten, muss für die angestrebte Nutzung viel auf den rund 700 Quadratmetern Nutzfläche passieren. Nicht nur Elektrik und Heizung bedürfen einer Sanierung, es müssen auch die Räume akustisch voneinander getrennt werden. Und das heißt, nicht nur Fenster und Wände so auszustatten, dass in zwei angrenzenden Räumen jeweils ungestört musiziert werden kann. Da der meiste Schall über den Boden übertragen wird, sind auch hier weitreichende Eingriffe erforderlich.

Vor ihrem geistigen Auge sehen die Musiker die zukünftige Akademie bereits. Die Pläne sind fertig und sehen neben Probenzimmern im Erdgeschoss und der ersten Etage im separat zugängigen Souterrain Platz für die Büros von Verwaltung der Ensembleakademie und den Empfang vor. In der großen Halle sollen Konzerte und CD-Aufnahmen möglich sein. Langfristig ist auch ein Küchenbetrieb geplant, um Vollpension anbieten zu können. Da die Musiker auch irgendwo schlafen müssen, soll auf dem großzügigen Außengelände ein Bettenhaus entstehen. Auch für das alte Kutscherhaus, das ursprünglich dafür vorgesehen war, aber aufgrund seines Bauzustandes nicht in Frage kommt, hat Lukas Lomtscher Ideen. „Vielleicht irgendwann ein kleines Café...“

Hoffen auf Sponsoren und Stiftungsgelder

Rund drei Millionen Euro kostet allein die Sanierung der Villa. Wie sie zu dem Geld kommen, dafür gibt es verschiedene Ideen. Was die öffentliche Hand angeht, machen sich Lukas Lomtscher & Co keine Illusionen. Vielleicht finden sich Sponsoren oder Stiftungen, die in das Projekt mit einsteigen. „Am liebsten wäre uns ein Mäzen“, sagt der 30-Jährige und lacht. Er weiß, dass dieses Projekt nicht heute und morgen umgesetzt sein kann. In den nächsten zwei Jahren wird nicht viel passieren – zumindest nicht an der Villa selbst. Ein Luftschloss wollen die Sänger allerdings nicht bauen. Bis er selbst Mitte 40 ist, hofft der Marbacher, läuft die Ensembleakademie in Roßwein.

Das Benefizkonzert, bei dem das Leipziger Vokalquintett geistliche und weltliche Werke von Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy und Paul Heller und anderen singen wird, beginnt am 25. Juli um 18.30 Uhr und der Eintritt ist frei. In der Konzertpause sind die Besucher bei Snacks und Getränken eingeladen, einzutauchen in den Charme der bürgerlichen Villa Bauch.

Von Manuela Engelmann-Bunk