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Döbeln Müll im Gewerbegebiet: Brummifahrer redet Klartext
Region Döbeln Müll im Gewerbegebiet: Brummifahrer redet Klartext
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18:03 15.03.2019
Nicht immer landet der Müll im Mockritzer Gewerbegebiet im Papierkorb. Quelle: Sven Bartsch
Mockritz

Uwe Lange sitzt seit 20 Jahren hinterm Brummi-Steuer. Der Obergoselner kann sich mit dem Vorwurf von ansässigen Firmen und der Großweitzschener Verwaltung, LKW-Fahrer würden an den Wochenenden das Gewerbegebiet Mockritz vermüllen, nicht anfreunden und redet in der DAZ Klartext über die Verhältnisse auf Rastplätzen, Autohöfen und Firmenparkplätzen.

„Das Problem hat jedes Gewerbegebiet in Deutschland

„Ich bin die ganze Woche bundesweit unterwegs, auch in Österreich und der Schweiz und parke am Wochenende meinen LKW im Gewerbegebiet Mockritz. Das genannte Problem gibt es hier zumindest an den Wochenenden nicht. Ich bin zuletzt extra noch mal hingefahren. Da standen inklusive mir vier LKW, davon zwei ausländische“, sagt der 38-Jährige – während des Gesprächs über die Freisprechanlage seines Brummis gerade wieder auf einer Autobahn unterwegs. Sein Foto will er nicht auf LVZ.de sehen, aber reden – das will er. Aufgeregt haben ihn die Angriffe aus seiner Heimatgemeinde Großweitzschen, die seiner Ansicht nach alle Fahrer über einen Kamm scherten.

Dass sich im Gewerbegebiet im Laufe einer Woche Müll und sogar Exkremente ansammeln, bestreitet er nicht. Auch nicht, dass es einige schwarze Schafe unter den LKW-Fahrern gibt. „Das Problem hat jedes Gewerbegebiet in Deutschland, wo LKW fahren. Und man muss sagen, viele osteuropäische Kollegen sind in Sachen Sauberkeit schmerzfreier als wir Deutschen. Das sind nicht alle, aber viele“, sagt er, der ausdrücklich kein Problem mit Ausländern habe, sondern nur Beobachtungen teile.

Wenige Papierkörbe, kein Platz auf dem Autohof

Doch die Schwierigkeiten seien zum Teil hausgemacht. „Erstmal gibt es nur vier Papierkörbe im ganzen Gewerbegebiet. Wenn die nur einmal pro Woche geleert werden, dann ist das zu wenig“, meint Uwe Lange. Dass gleich neben dem Gewerbegebiet ein Autohof steht, lässt er nur bedingt als Argument gegen das Parken im Gewerbegebiet gelten. „Wenn man spät dran ist, so ab 20, 21 Uhr, findet man auch auf dem Autohof keinen Parkplatz mehr. Dann ist man gezwungen, den LKW irgendwo abzustellen. Wir können nicht in die Hände klatschen und der 40-Tonner ist verschwunden“, sagt er trocken.

Allerdings stimme der Vorwurf, viele Fahrer wollten sich die Gebühren für den Autohof sparen. Doch das habe nicht unbedingt etwas mit Geiz zu tun. „Die Osteuropäer fahren teilweise für die Hälfte von dem, was wir verdienen. Wenn da einer zehn Euro zahlen soll, dann noch duschen und essen – das tut dem mehr weh als mir“, sagt Lange.

LKW-Verkehr hat deutlich zugenommen

Die Ursachen des Problems gehen seiner Meinung nach aber tiefer und ließen sich nicht durch von der Kommune angekündigte Parkverbote lösen. Zunächst habe der LKW-Verkehr auf deutschen Autobahnen seit 1999, als er seine Lehre zum Berufskraftfahrer mit 19 Jahren abgeschlossen hatte, deutlich zugenommen. Es boome das Transportgeschäft auf der Straße, das auf der Schiene gehe zurück. „Dass da auch viele Sinnlostransporte dabei sind, darüber müssen wir uns nicht streiten“, räumt er ein. Und: „Es ist grundsätzlich schlimmer geworden, vor allem seit der EU-Osterweiterung. Dadurch hat sich der finanzielle Druck erhöht. Und prinzipiell haben wir dadurch ein Parkplatzproblem in Deutschland“, sagt er.

Erst kürzlich hat Uwe Lange durch einen Firmenwechsel seinen alten LKW nach 1,4 Millionen Kilometern abgegeben. Für elf Jahre, die er auf diesem Bock saß, so hat er es vom Mautgerät abgelesen, habe er 145.000 Euro Maut zahlen müssen. „Das ist eine wahnsinnige Gebühr – und das für nur einen LKW. Da fragt man sich, wo das Geld hingeht. Viele kleine Parkplätze wurden geschlossen, und wenn es nur fünf Stellplätze waren. Dadurch verlagert sich das automatisch in die Gewerbegebiete. Wo sollen wir sonst noch hin?“, fragt er.

Kritik an Kunden

Selbst Firmen, die auf die Belieferung durch die LKW angewiesen sind, schlössen immer häufiger ihre Parkplätze für die Nacht. „Zum Beispiel BMW in Leipzig. Ich muss ja meine Ruhezeit einhalten und wenn ich abends nicht mehr dran komme, muss ich dann in irgendeiner Seitenstraße abstellen. Das ist eine Frechheit. Sie wollen die Lieferung, aber nicht die Konsequenzen tragen“, kritisiert er.

Auch dass es auf den Autobahnen rauer geworden ist, ist ihm nicht entgangen. „Ich habe gar kein Funkgerät mehr drin. Da wird nur noch gemault, alle sind unzufrieden. Und dann wird man überholt und der Kollege schert sechs Meter vor einem ein und bremst dann am besten noch, weil es ihm nicht schnell genug ging. Daher halte ich mich aus solchen Spielchen raus.“

Auftraggeber wollen Verlässlichkeit und Pünktlichkeit

All das plus die überschaubare Bezahlung – „Ich verdiene so viel, wie andere an einem normalen Acht-Stunden-Tag“, sagt Lange – sorge dafür, dass es mit dem deutschen Fernfahrertum bergab geht. „Manche Auftraggeber wollen nur deutsche Fahrer, weil wir immer noch für Verlässlichkeit und Pünktlichkeit stehen und die Verständigung einfacher ist. Das Problem für deutsche Firmen ist es, überhaupt noch deutsche Fahrer zu bekommen. Mir wurde gesagt, jedes Jahr gingen 50.000 Fahrer in Rente, es kommen aber nur 10.000 nach“, sagt Lange. Irgendwann werde daher der Punkt kommen, dass der deutsche Fahrer jeden Tag zu Hause ist, weil er nur noch Kurzstrecken fährt und der verfügbare und zudem noch günstigere ausländische Fahrer die Langstrecke übernimmt. So wie die EU nach Osten geht, werde sich das immer weiter nach Osten verlagern. Zugleich findet er die EU-Grenzenfreiheit gut, ist ein Freund des Schengenraumes, der nur sehr direkt mit den negativen Folgen des Ganzen konfrontiert wird.

Warum er dennoch auch nach 20 Jahren am Steuer bleibt? „Man kann den Beruf nur noch ausüben, wenn man Interesse dafür hat. Und mir macht es Spaß, immer mal woanders zu sein, andere Leute zu treffen und Neues zu lernen. Ich denke, als Fahrer ist man weltoffener als jemand, der sein Leben lang acht Stunden in derselben Firma sitzt.“

Staat kassiert und ist verantwortlich

von Olaf Büchel

Eine Medaille hat immer zwei Seiten, heißt es zutreffend. Das gilt auch für die Müll- und LKW-Problematik im Mockritzer Gewerbegebiet. Die Kritik von ansässigen Firmen und von der Gemeindeverwaltung ist berechtigt. Wenn Müll auf Wegen und in Büschen landet, ist das ärgerlich. Das gilt übrigens auch für die leeren Becher, Schachteln und Tüten des nahen Schnellrestaurants, die viele einfach achtlos aus dem Auto werfen – bei weitem nicht nur Brummi-Fahrer.

Die andere Seite schildert Uwe Lange als langjähriger Berufskraftfahrer eindrücklich. Er legt den Finger in die Wunde: Der extrem gewachsene LKW-Verkehr ist gerade noch beherrschbar, so lange die Kisten rollen. So bald sie stoppen, ist die vorhandene Infrastruktur an den Autobahnen dem Ansturm nicht mehr gewachsen – gut zu beobachten in den Stoßzeiten an der A 14. Deshalb gibt es nicht nur Müll in Gewerbegebieten, deshalb gab es auch schon Auffahrunfälle mit tragischem Ausgang an Rastplätzen. Der Staat kassiert hohe Mautsummen, der Staat muss diese Probleme lösen. Die Gemeinde müsste ein paar Mülltonnen im Gewerbegebiet aufstellen, sie regelmäßig leeren lassen und die Kosten dem Staat in Rechnung stellen können. Und zwar so lange, bis es genügend Rastplätze für LKW an der Autobahn gibt – oder wieder mehr Güterverkehr auf der Schiene stattfindet.

o.buechel@lvz.de

Von Sebastian Fink

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