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Döbeln Fall Morgenstern - Parallelen zu Fall Bäcker in Wesel
Region Döbeln Fall Morgenstern - Parallelen zu Fall Bäcker in Wesel
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12:30 06.07.2019
Noch immer werden Kerzen auf die Brücke gestellt, von der sich Christian Morgenstern in den Fluss gestürzt haben soll. Quelle: Steffi Robak
Leisnig

Es scheint ruhig zu sein um den ungeklärten Tod von Christian Morgenstern. Laut offizieller Mitteilung der Polizeidirektion Chemnitz stürzte sich der 20-Jährige am Neujahrstag von der Fischendorfer Brücke in Leisnig in die Mulde.

Fünf Wochen später wird der Leisniger tot aus dem Fluss geborgen. Für die Polizei spricht nichts gegen Suizid. Auf ähnliche Weise verlor Ariane Bäcker ihren Sohn. Und wendet sich deshalb an die LVZ. Auch sie zweifelt.

Was war mit Christians Handy?

Stehen anfangs auch für Morgensterns Eltern lediglich Zweifel gegen die Suizid-These, bringen eigene in Gang gesetzte Ermittlungen Details zu Tage, welche direkt dagegen sprechen: Sollte Christian Morgenstern am 1. Januar in suizidaler Absicht mit seinem Telefon in der Hosentasche in den Tod gesprungen sein, kann er sich in den Tagen darauf nicht mit genau diesem Mobiltelefon in das heimische W-Lan-Netz einzuloggen versucht haben. Mehrfache Zugriffsversuche sind belegt und der Polizei bekannt.

Zuletzt heißt es nach einer Anfrage bei der Staatsanwaltschaft Chemnitz: Über eine spezialisierte Firma sollen die Zugangsdaten des Handys entschlüsselt werden. Der notwendige Suchlauf könne noch einige Wochen andauern. Sollte die Entschlüsselung möglich sein, ist die Handyauswertung beabsichtigt.

Ähnlicher Fall in Wesel

Ariane Bäcker aus Wesel verfolgt interessiert den Fall. Die 58-Jährige sieht frappierende Parallelen zum Tod ihres Sohnes Philipp im Jahr 2016.

Philipp Bäcker mit seiner Mutter Ariane während seiner Abiturfeier. Quelle: Bäcker/privat

Der damals 20-jährige, in der Naturschutzjugend aktive Biologie-Student feiert im November mit Freunden in einer kleinen Diskothek. Er verlässt die Party am Morgen, angeblich allein, um sich in Selbstmordabsicht in den Rhein zu stürzen.

Die Mutter ist sicher: „Das hat Philipp niemals getan.“ Er hatte Grund zum Feiern: Gerade bestand er erfolgreich eine Prüfung, absolvierte einen Ausbilderkurs in Erster Hilfe. Sein beruflicher Traum: Walforschung. Sein Interesse galt der Natur, vor allem den Tieren.

Philipp Bäcker fühlte sich mit der Natur eng verbunden. Diese Dohle, als Jungvogel aus dem Nest gefallen, zog er auf und wilderte sie später aus. Quelle: Bäcker/privat

Ausgerechnet jemand aus Philipps Freundeskreis lenkt noch am Tag seines Verschwindens das Augenmerk der Polizei äußerst eifrig auf Selbstmord. Der junge Mann war erst wenige Stunden verschwunden, da verwischen angebliche Freunde Spuren im Internet, indem sie in seiner Google Drive Cloud für mehrere Wochen rückwirkend komplett die Daten löschen.

Dreieinhalb Wochen später, so schildert Ariane Bäcker, wird ihr Sohn stromabwärts aus dem Wasser geborgen, weist nach 120 Kilometern in einem Fluss mit Schiffsverkehr keinerlei äußere Verletzung auf, Kleidungsstücke sind intakt, Schnürsenkel zugebunden, sogar seine Wollmütze trägt der junge Mann noch auf dem Kopf. Mobiltelefon, Portemonnaie, Uhr hat er beim Auffinden nicht bei sich. Die Mutter kann an den Selbstmord nicht glauben.

Fragwürdige Umstände bleiben unberücksichtigt

„Die Polizei beharrt auch in unserem Fall auf Suizid. Fragwürdige Begleitumstände bleiben unberücksichtigt“, so die Mutter. Fatal sei das, weil die Vorwegnahme von Suizid alles beeinträchtige, was der Aufklärung einer möglichen Straftat dienlich sein kann.

„Es gibt keine sofortige Spurensicherung. Wertvolle Zeit verstreicht, um Telefonkontakte nachzuvollziehen. Zeugen werden nicht vernommen oder so spät, dass sie sich nicht erinnern oder untereinander absprechen können. Dass Ermittler Zeugenaussagen bereitwillig als Tatsachen annehmen, nur weil sie die Suizid-These stützen, das will man sich gar nicht vorstellen“, so Ariane Bäcker.

Der Fall Christian Morgenstern: Was zuletzt geschah

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Todesfall Christian Morgenstern: Akte wieder bei der Polizei

Trauer um Christian Morgenstern in voller Kirche St. Matthäi

Fall Morgenstern: Polizei nach Leichenfund am Ende, Familie noch lange nicht

Nicht zuletzt bekomme am Ende die Gerichtsmedizin eine „Wasserleiche nach Suizid“ zur Beschau. „Unter den Umständen, die meinen Philipp betreffen, kann ich nur zweifeln an einer objektiven Suche nach Hinweisen, die auch andere Todesumstände in Betracht ziehen.“

Die Geschäftsfrau ringt mit juristischer Unterstützung seit zwei Jahren um weitere Ermittlungen im Todesfall ihres Sohnes.

Bundesweit kämpfen Angehörige um Aufklärung

Das Schicksal der Familie Morgenstern geht ihr nicht allein aus persönlicher Betroffenheit nahe: Philipp und Christian sind keine Einzelfälle. Über die Jahre baute Ariane Bäcker deutschlandweit Kontakte auf zu Eltern, deren Kinder im jungen Erwachsenenalter unter ungeklärten Umständen starben. Die Polizei stellt allein auf Selbstmord ab, Angehörige versuchen mit viel Mühe, Ermittlungen in Gang zu bringen oder zu halten.

Der Vater hat das Spendengeld aus dem Trauergottesdienst für Naturschutzprojekte überwiesen. Im Garten von Christians Elternhaus gibt es einen Erinnerungsort für ihn.

Die Weselerin vermutet eine hohe Dunkelziffer: „Vielen anderen Betroffenen fehlen die Kräfte, um den Kampf durchzustehen, wenn die Polizei einmal sagt: Suizid und Schluss. In Trauer und Hilflosigkeit resignieren sie. Doch wer es irgendwie schaffen kann, sollte für sein verlorenes Kind kämpfen. Dafür wünsche ich den Eltern von Christian viel Kraft.“

Ariane Bäcker weist auf die Hilfsorganisation Anuas hin. Von betroffenen Eltern gegründet, vertritt sie Hinterbliebene nach zweifelhaften Suiziden und Vermisstenfällen. Der Bundesverband Anuas mit Sitz in Berlin möchte jene stärken, die sich im Kampf um Gerechtigkeit für ihre ums Leben gekommenen Angehörigen ungerecht behandelt, ausgegrenzt, diskriminiert und stigmatisiert fühlen.

Brauchen Sie Hilfe?

Betroffene, die unter einer akuten Krise leiden und Suizidgedanken haben, können Hilfe beim Leipziger Krisentelefon unter (0341) 99 99 00 00 erhalten. Am Wochenende und an Feiertagen stehen Ansprechpartner 24 Stunden bereit, unter der Woche abends und nachts zwischen 19 und 7 Uhr. Außerhalb dieser Sprechzeiten steht auch die bundesweite Telefonseelsorge bereit unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Beide Rufnummern sind gebührenfrei.

Von Steffi Robak

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