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Döbeln Naturfotograf Heiko Anders: „20 Jahre Wolf – und nicht ein Kratzer“
Region Döbeln Naturfotograf Heiko Anders: „20 Jahre Wolf – und nicht ein Kratzer“
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13:50 19.05.2019
Wölfin beim Trinken: 220 solche Aufnahmen der Tiere in scheinbar unbeobachteten Momenten hat Heiko Anders in seinem Bildband verewigt. Mit diesem will er den Tieren den Schrecken nehmen.
Wölfin beim Trinken: 220 solche Aufnahmen der Tiere in scheinbar unbeobachteten Momenten hat Heiko Anders in seinem Bildband verewigt. Mit diesem will er den Tieren den Schrecken nehmen. Quelle: Heiko Anders
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Taura/Döbeln

Heiko Anders ist viel beschäftigt derzeit. Das trifft auf den Gastronomen aus dem Örtchen Taura in der Dahlener Heide von Berufs wegen eigentlich immer zu. Aber seitdem er Mitte April seinen Fotoband „Das Leben unserer Wölfe“ gemeinsam mit dem Naturschutzbund (Nabu) veröffentlicht hat, kommt er kaum zur Ruhe: Buchvorstellung in der Nabu-Zentrale in Berlin, Fernsehinterviews beim RBB und MDR und nun das Gespräch mit dieser Zeitung. „Derzeit ist es verrückt. Die Anfragen nehmen kein Ende. Aber wenn jemand will, dass ich komme und das Buch vorstelle, mache ich das“, sagt der 52-Jährige.

Er sei zwar kein Nabu-Mitglied, setze sich aber seit Langem für den Naturschutz und speziell den Schutz der Wölfe ein. In Brandenburg ist er Wolfsbeauftragter des Landesumweltamtes, in Sachsen-Anhalt arbeitete er für die gleiche Behörde am Monitoring mit – ebenso in Sachsen für das Wolfsforschungsinstitut Lupus.

Mit dem Buch wolle er ein anderes Bild der Wölfe in Deutschland zeigen, als das des bösen Isegrim aus dem Rotkäppchen-Märchen. „Für mich war von vornherein klar: Wenn ich mich auf Wölfe konzentriere, macht das Buch nur Sinn, wenn diese Botschaft rüberkommt“, sagt er. „Den meisten Menschen in Deutschland ist der Wolf egal. Dennoch gibt es täglich etwas zu lesen über den bösen Wolf. Wenn Politiker sich für den Wolfsabschuss aussprechen, folgt immer im Nebensatz ,um Menschen zu schützen‘. Fakt ist aber, dass wir seit 20 Jahren wieder Wölfe in Deutschland haben und es hat weder einen Kratzer, geschweige denn einen Biss an Menschen gegeben“, erklärt Anders.

220 solche Aufnahmen der Tiere in scheinbar unbeobachteten Momenten hat Heiko Anders in seinem Bildband verewigt. Quelle: Heiko Anders

Er selbst habe bereits mehr als 500 Begegnungen mit dem grauen Vierbeiner erlebt und dabei nie Angst verspürt. „Das sind beeindruckende Tiere, keine Frage. Ich habe Respekt, aber keine Angst“, sagt Heiko Anders.

Der erste Wolf ist ihm vor sieben Jahren in der Lausitz vor die Linse gelaufen. „Ich lief in der Dämmerung einen Waldweg entlang, da kamen mir zwei junge Wölfe entgegen. Die haben mich aber gar nicht mitgekriegt und erst die Auslösergeräusche gehört“, erzählt er. Dass junge Tiere in so einem Moment nicht sofort weglaufen, sei nicht ungewöhnlich. „Sie reagieren oft neugierig auf den Auslöser. Ich sitze ja auch dort als Busch getarnt und habe in dem Moment nicht die typische Menschengestalt. Ihnen fehlt noch der Instinkt. Daher kann es durchaus passieren, dass sie stehen bleiben, die Ohren groß werden und sie ein paar Schritte näherkommen. Sie flüchten dann auch eher panisch, wenn man sich als Mensch zeigt“, berichtet er.

Seit der ersten Begegnung hat er Wölfe in den verschiedensten Situationen fotografiert, sich schrittweise angenähert. Angefangen hat er aber mit Pilzen. „Ich bin seit 20 Jahren in der Freizeit als Fotograf unterwegs. Damals bin ich Pilz-Sachverständiger geworden und habe Pilze kartiert und fotografiert. Dabei trifft man automatisch auf Wildtiere. Das hat mich fasziniert und ich habe nach und nach meine Ausrüstung angepasst.“

Heiko Anders ist inzwischen ein Meister der fotografischen Tarnung und technisch auf die Wildtierfotos ausgerichtet. Quelle: Tilo Schroth

Mit Tarnanzug und Teleobjektiv gelingen ihm viele Fotos der damals noch selteneren Tiere. „Ich habe relativ schnell Erfolg gehabt. Damals gab es noch nicht so viele Fotos von lebenden Wölfen in Deutschland. Als ich die ersten Welpen nachweisen konnte, haben sich Türen geöffnet. Als Wolfsbeauftragter darf ich zum Beispiel auch einen noch aktiven Truppenübungsplatz betreten“, erklärt Anders.

Heute betreut er acht Reviere in neun Wolfsgebieten. In Sachsen gehört die Gohrischheide bei Zeithain nahe Riesa dazu. In noch nicht besiedelten Gebieten sei noch viel Platz für die Ausbreitung der Tiere. „Es ist logisch, dass sich zwischen Gohrischheide, Dahlener und Dübener Heide etwas tun wird. Das alles entscheidende ist das Wild. Sie werden nicht im Stadtpark auftauchen, aber Feld- und Waldflur funktionieren sehr gut als Reviere. Die Wölfe können uns dort gut aus dem Weg gehen. Nur der Verkehr ist ein Problem“, sagt er.

Heiko Anders erklärt sehr bestimmt, dass erfahrene Wölfe, erwachsene Tiere von mehr als zwei Jahren, dem Menschen sehr konkret aus dem Weg gingen. „Die wollen uns nicht begegnen. Durch Habituierung, zum Beispiel durch Füttern, kann man allerdings erreichen, dass die Tiere ihre Scheu verlieren“, meint er und fügt hinzu: „Wölfe werden angefüttert von Fotografen und von Leuten, die Problemwölfe schaffen wollen. Sie vertreten persönliche Interessen, die mit dem Tierschutz nicht übereinstimmen.“

Seiner Auffassung nach herrsche um das Thema zu viel Hysterie. „Angst ist das beste Mittel, um die Leute aufzurühren. Von allen Umweltproblemen, die wir haben, ist der Wolf das kleinste. Aber bei einigen Parteien steht er ganz oben auf dem Wahlzettel“, beklagt er und fordert: „Wir müssen alles dafür tun, dass der Schutzstatus nicht gesenkt wird. Sonst wird auf jeden Wolf geschossen.“

Dabei sei ein gut abgestimmter Herdenschutz aus leistungsstarken Elektrozäunen und gut ausgebildeten Herdenschutzhunden der perfekte Schutz für Landwirte, die Tiere in Wolfsgebieten halten.

Gut trainierte Herdenhunde und Elektrozäune seien der beste Wolfsschutz, meint Heiko Anders. Quelle: Nabu/Klemens Karkow

Erlaubte Abschüsse von Wölfen – egal in welchen Grenzen – seien seiner Ansicht nach sogar kontraproduktiv. „Vom Kuchsland-Rudel in Niedersachsen wurden beide Leitwölfe getötet. Danach wurde ein erhöhter Anstieg von Nutztierrissen verzeichnet, weil sich die verbliebenen Jungtiere auf dem einfachsten Weg versorgt haben. Alttiere erziehen die Jungen. Und wenn die dann in ein eigenes Revier abwandern, haben sie das gelernt und geben es weiter.“

Zudem könne der Abschuss des Leittiers für eine Erhöhung der Population sorgen. „Ein neuer Rüde unterliegt keiner Inzestsperre wie das Alttier, dass nur eine Partnerin hat. Der Neue paart sich im Zweifel mit mehreren Fehen, sodass es mehr Jungtiere gibt“, erklärt Anders. Wissenschaftliche Studien gibt es für diese wie auch für die gegenteilige Sichtweise. Einen klaren Beleg für die Wirkung von Wolfsabschüssen dagegen bislang nicht.

Das oft als Vorbildland herangezogene Schweden mit seinem Wolfsmanagement, das Abschüsse in Grenzen erlaubt, sieht Anders rechtlich auf der falschen Seite. „Schweden verstößt gegen EU-Richtlinien und hat deswegen auch ein Verfahren am Hals. Dort geht es um die Tradition der Elchjagd. Und bei uns wollen die Jäger nichts von ihrem Rotwild abgeben. Vieles derzeit ist wohl Geklapper vor den Landtagswahlen. Oder man geht wirklich das Risiko ein, sich mit der EU anzulegen“, vermutet er.

Ein Wolf in der Heide: Das Bild zeigt, dass die Tiere nicht nur auf Wald als Lebensraum angewiesen sind. Quelle: Heiko Anders

Tatsächlich hat die EU im Juni 2015 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Schweden eingeleitet. In Finnland und Frankreich gibt es eine Bestandsobergrenze, die am Erhaltungsstand der Art orientiert ist. Jedoch muss laut EuGH-Urteil von 2007 vor präventiven Abschüssen wissenschaftlich nachgewiesen sein, dass damit ein schwerwiegender Schaden verhindert wird. Jeder Abschuss ist genehmigungspflichtig.

Dafür, dass es nie einen Zusammenstoß zwischen Wolf und Mensch geben wird, kann aber auch der Tierschützer nicht die Hand ins Feuer legen. „Es gibt in der Historie für Angriffe belegte Beispiele. Aber das ist auch bei anderen Wildarten wie Wildschweinen oder Hirschen so. Das ist aber verschwindend gering. Und nur, weil wir nicht ausschließen können, dass so etwas in Zukunft passiert, können wir nicht alle Wildtiere abschießen. Im seltensten Fall müssen wir Menschen vor Wildtieren schützen, eher ist es andersherum der Fall.“

Buch: „„Das Leben unserer Wölfe“

Heiko Anders/Nabu (Hg.), „Das Leben unserer Wölfe. Beobachtungen aus heimischen Wolfsrevieren“, Haupt Verlag, 224 Seiten mit 220 Farbfotos, 29,90 Euro. Heiko Anders ist mit dem Buch am 19. Mai in Torgau und demnächst in Döbeln zur Lesung zu Gast.

Von Sebastian Fink