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Döbeln Opernpremiere in Döbeln zieht nur wenige Zuschauer
Region Döbeln Opernpremiere in Döbeln zieht nur wenige Zuschauer
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10:03 06.05.2019
Opernpremiere in Döbeln:  mit Frank Unger (Andrea Chénier) und  Susann Hagel (Maddalena) in den Hauptrollen.
Opernpremiere in Döbeln: mit Frank Unger (Andrea Chénier) und Susann Hagel (Maddalena) in den Hauptrollen. Quelle: Foto: Jörg Metzner
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Döbeln

Nahezu das gesamte Ensemble auf der Bühne, der Generalmusikdirektor Raoul Grüneis im Graben, die Inszenierung in den Händen der Oberspielleiterin Judica Semler – da waren alle Zutaten parat, um jene Oper, deren Musik nach Puccini klingt und deren Handlung einem abendfüllenden Film zur Ehre gereichen würde, zum Kassenrenner zu machen. Doch zahlreiche Plätze blieben zur Premiere leer, und so recht fallen einem kaum Gründe ein, warum das Publikum hier fehlt.

Jene, die trotzdem kamen, durften sich über zweieinhalb Stunden italienische Oper vom Feinsten freuen und die Beteiligten am Ende mit Bravo und Beifall überschütten. Denn er funktionierte wirklich, der Plan, diesen Meilenstein des „Verismo“ genannten realistischen Musiktheaters auf die Döbelner Bühne zu bringen. Wobei sich Semler und ihre Ausstatterin Annabel von Berlichingen auch konsequent an die Vorlage halten und das Drama um den Dichter Chénier, der die französische Revolution sehnsüchtig herbeischreibt, später ihre Auswüchse kritisiert und dafür mit dem Tod auf dem Schafott bestraft wird, an jenem Ort und zu jener Zeit spielen lassen, für das es geschrieben war.

Dabei gäbe es zweifellos genügend Ansatzpunkte, um mit einer Übertragung in die heutige Zeit zu verdeutlichen, dass sich Geschichte durchaus wiederholen könnte. Ein wenig sorgt Semler auch selbst dafür, wenn sie zwischen den vier Teilen jeweils Texte von Chenier projizieren und vortragen lässt, die einem die Kehle zuschnüren, weil man bei jeder Zeile mehr an die Wutbürger des 21. als an die Jakobiner des 18. Jahrhunderts denkt.

„Bilder“ nannte Giordano seine vier Akte, als Bilder inszeniert Semler sie auch. Da sieht man zunächst die untergehende Welt des Ancién Regime im Todesblau, das nur zu süßlichem Rosa wird, wenn der Adel seine wirklichkeitsverzerrenden Brillen aufsetzt. Was natürlich trotzdem nicht hilft, weil der Chefdiener Gérard das Volk ins Schloss holt, bevor er nach einem dramaturgisch komplizierten Sprung ins Jahr 1794 plötzlich mitten im Zentrum der Macht des Terrorregimes der Jakobiner agiert.

Auch hier finden sich jene großen Bilder, in denen Semler Massen mit eigenen Geschichten versehen und bewegen kann. Während im Vordergrund der Dichter nach seiner Liebe Maddalena sucht, jubelt im Hintergrund das Volk Robespierre zu und wird von ihm aufgeheizt, um kurze Zeit später „Tod den Girondisten“ zu skandieren. Merke: Von der Freiheit zur Tyrannei ist es nur ein kleiner Schritt, und irgendwann schwant es auch der fahnen- und fackelschwingenden Kunstfigur Marianne (Meret Kalkbrenner in stummer Rolle), dass hier was komplett falsch läuft – weswegen sie sich im Finale vom Blut der ungerecht Ermordeten besudelt angewidert zurückzieht.

Nun ist dieser Theaterabend trotz aller didaktischen Zutaten der Regisseurin keine Geschichtsstunde, sondern bleibt italienische Oper, in der der schöne Gesang im Vordergrund steht. Für den sorgt vor allem Andrii Chakov mit seinem wandlungsfähigen Bariton, der den Doppelschritt vom Freund der Armen zum Tyrannen und wieder zurück zum Menschenfreund glaubhaft wirken lässt. Susann Hagel singt sich im Laufe des Abends regelrecht frei, nach einem Start mit Handbremse wird ihre große Arie im dritten Bild zum musikalischen Höhepunkt. Das beflügelt auch Frank Unger, der als Chenier zunächst blass beginnt, im grandiosen Schlussbild aber alle Register der Stimmkunst zieht.

Von Hagen Kunze