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Döbeln Statt Blumen ist es Fleisch geworden
Region Döbeln Statt Blumen ist es Fleisch geworden
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12:58 31.01.2019
Jana Braksiek steht für die Fleisch & Wurstwaren GmbH aus Roßwein auf dem Döbelner Markt.
Jana Braksiek steht für die Fleisch & Wurstwaren GmbH aus Roßwein auf dem Döbelner Markt. Quelle: Sven Bartsch
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Döbeln

An diesem Mittwoch hält der strenge Winter Einzug. Minusgrade, klare Kälte. Auf dem Niedermarkt klafft die ein oder andere Lücke im Reigen der sonst dicht an dicht stehenden Verkaufsstände. Nur die ganz harten kampieren für ihre Kunden. Eine von ihnen ist Jana Braksiek. Mit flauschiger Bommelmütze und in vier Schichten Klamotte gehüllt, schaut sie hinter der Theke hervor. „Denn wenn die Kälte einmal reinkriecht, dann ist es vorbei.“ Mehrfach an diesem Tag macht ihr das viele Textil zu schaffen. „Ist nicht leicht sich anständig zu bewegen, wenn man so dick eingepackt ist“, lacht die 42-Jährige. Seit drei Jahren steht sie für die Fleisch & Wurstwaren GmbH Roßwein in Döbeln. Im Fleisch-Business ist sie aber schon ein alter Hase.

Von der Selbstständigkeit ins Team der Roßweiner Fleischerei

Denn Braksiek war lange Zeit ihr eigener Chef – zehn Jahre um genau zu sein. Sie führte in Hirschfeld bei Nossen eine Fleischerei, die sich auf den Verkauf von Geflügel spezialisierte. Ihr Laden war Teil des Hofes, auf dem das Fleisch für ihre Auslage produziert wurde. Nachdem ihr Mietvertrag gekündigt wurde, beschloss die Nossenerin die Selbstständigkeit aufzugeben. „Ich hatte einfach keine Lust, eine Immobilie zu suchen, wieder von vorne anzufangen.“ Gesagt, getan. Jetzt gehört sie zum Team der Roßweiner Fleischerei und ist zufrieden mit ihrer Entscheidung. Nicht mehr selbst das Ruder in der Hand zu haben, sei zu Beginn dennoch eine Umstellung gewesen, gesteht die 42-Jährige. „Aber in meinem Verkaufswagen habe ich auch eine Menge Freiheiten.“ Ihr redet niemand rein. Außerdem steht sie jetzt nicht mehr früh bis spät unter Strom. Nach Feierabend ist auch wirklich Feierabend.

Bei Jana Braksiekt ist die Auswahl groß. Quelle: Sven Bartsch

Schwein, Rind, Kalb, Lamm und Kaninchen stehen im Verkaufswagen zur Wahl – die letzten drei bezeichnet Braksiek als exotisch. Den Rest gebe es ja immer. Hinter ihrem Kopf baumeln noch diverse Knacker, Mett- und Teewurst von den Fleischerhaken. Mehrfach befreit sie eine nach der anderen mit dem Messer von der Würstchenkette.

Wurstbrühe von Oktober bis Ostern

Die 42-Jährige weiß, was die treue Kundschaft bevorzugt auf das Wurstbrot legt oder in der Pfanne wälzt. Bei den Döbelnern sind vor allem Leber- und Blutwurst der Renner. Ein Klassiker der kälteren Jahreszeit: Wurstbrühe. Die verkauft sie, eingeschweißt in Plastik, ohne alles und mit Einlagen aus Herz und Niere. Von Oktober bis Ostern. Im Laufe des Tages kommt noch ein Kollege, der Miniatur-Fleischaufläufe („Wiegebraten“) vorbeibringt. Braksiek muss kaum dafür werben, da werden die Augen vor der Theke groß genug, um zuzuschlagen.

Die gelernte Fleischfachverkäuferin berät gern und ist überzeugt von der Qualität der Produkte. Die Berufswahl aus heutiger Perspektive: goldrichtig für sie. Ursprünglich zog es die Nossenerin aber eher zur bunten Farbenpracht der Blumen. Floristin wollte sie werden. Da sie dafür aber ihre Heimat hätte verlassen müssen und das nicht wollte, brauchte Braksiek einen Plan B. Der Papa gab den Anstoß, sich auf eine offene Stelle bei einem lokalen Fleischereibetrieb zu bewerben. Der Rest ist Geschichte.

Wurstbrühe kommt bei den Kunden in der kalten Jahreszeit besonders gut an. Quelle: Sven Bartsch

Sie findet es schade, dass ihr Lehrberuf so wenig Anklang in der heutige Generation findet. „Kaum jemand möchte noch einen Handwerksberuf lernen.“ Woran das liegt, kann die 42-Jährige nur erahnen. Als sie jung war, habe ihre Familie, wie sie sagt, „einen Haufen Viecher gehabt“ und selbst geschlachtet. „Wer kann das heutzutage noch von sich behaupten?“ Die Fleischer machen nicht nacheinander zu, weil niemand mehr frisches und gutes Fleisch braucht, da ist sie sich sicher. Es gibt nur keinen, der die Betriebe übernimmt. „Eine ungelernte Kraft kann man bei uns schlecht hinter die Theke stellen und sagen: Mach mal. Hier kannst du nicht einfach eine Rinderlende als Schmorfleisch verkaufen.“

Eher Familie statt Konkurrenz

Drei Fleischer stehen am Markttag auf dem Platz. An jenem Mittwoch sogar zwei unmittelbar nebeneinander, einer davon ist der Stand von Jana Braksiek. Konkurrenzkampf? Für die Nossenerin ein Fremdwort. „Hier kratzt keiner dem anderen die Augen aus. Ist mehr wie Familie.“ Mit den Kunden fühlt es sich ebenso vertraut an für die Fleischfachfrau. Man ist per Du. Wenn sie in Döbeln unterwegs ist, bestimmen klar die Älteren den Kundenstamm. An den Wochenenden rotiert sie aber auch regelmäßig über Natur- und Bauernmärkte, die „richtig gut im Kommen sind“. Dort bedient sie eher Familien und junge Leute. Eine super Mischung für die 42-Jährige.

Braksiek ist bekennende Fleischnärrin. Es gibt fast nichts, was sie nicht isst. „Außer Flecke. Da komme ich nicht ran. Die Leute hier aber mögen es.“ Und das ist für sie die Hauptsache.

Die DAZ-Marktserie:

Wer sind die Händler auf den Wochenmärkten in der Region? In der Reihe zum „Marktplatz Döbeln“ stellen wir diese vor.

Bryan Brückner: „Das Geschäft mit der Wurst und dem Eis“

Jana Braksiek: „Statt Blumen ist es Fleisch geworden“

Von Lisa Schliep