Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Döbeln Über 600 Döbelner leiden an gesundheitsgefährdendem Verkehrslärm
Region Döbeln Über 600 Döbelner leiden an gesundheitsgefährdendem Verkehrslärm
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:26 23.10.2018
Die Franz-Mering-Straße passieren fast 10 000 Fahrzeuge am Tag. Sie ist Döbelns am meisten belastete Pulsader. Bis 75 Dezibel müssen die Anwohner als Lärm ertragen. Quelle: Bartsch
Anzeige
Döbeln

Welchen Krach macht der Straßenverkehr? Wieder einmal musste Döbeln eine Lärmkarte aufstellen. Allerdings blieb es nicht dabei. Die Stadt hat nun auch Vorschläge, wie der Verkehr leiser wird. Unter anderem mit Tempo-Limits.

Aller fünf Jahre muss die Stadt Döbeln Hausaufgaben machen. Diese gibt die Europäische Union auf. Grundlage ist die EU-Umgebungslärmrichtlinie. Demnach müssen die Kommunen für alle Straßen in ihrem Gebiet mit mehr als drei Millionen Fahrzeugbewegungen im Jahr eine Lärmkartierung erarbeiten. „Wir haben mit Hilfe eines Planungsbüros den Verkehr zählen und mit dem Landesamt für Umwelt und Geologie die Lärmkarten für Döbeln erstellen lassen“, sagt Maja Köhler vom Planungsamt der Stadt Döbeln. Jetzt weiß man im Rathaus schwarz auf weiß, dass jeden Tag 622 Döbelner mit gesundheitsrelevantem Verkehrslärm zwischen 55 und 75 Dezibel belastet werden. Nachts müssen 409 Döbelner noch mit Fahrzeuglärm zwischen 50 und 70 Dezibel leben.

Anzeige

Tempo 80 hilft nur begrenzt

Zusätzlich zum aller fünf Jahre zu beschriftenden Papier bei der Lärmkartierung ging die Stadt Döbeln aber diesmal noch ein paar Schritte weiter und machte einen Lärmaktionsplan samt Maßnahmenkatalog: Kurzfristig könnten beispielsweise in der gesamten Innenstadt zwischen den Kreisverkehren Bahnhofstraße und Oberbrücke ein Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde gelten. Auf der Autobahn könnte im Bereich der Ortslage Gertitzsch zumindest nachts eine Begrenzung auf Tempo 80 helfen. Das würde den Verkehrslärm von 70 auf 67 Dezibel senken. Ein Lkw-Führungskonzept könnte den Schwerlastverkehr durch die Stadt verringern. Leiser würde es auch, wenn Fahrbahnoberflächen immer glatt, Fugen und Schachtdeckel immer in Schuss wären. Zudem setzt die Stadt auf einen immer bedarfsorientierten Stadt- und Regionalbusverkehr sowie im Zugverkehr auf eine optimale Verknüpfung des Stadt- und Regionalbusverkehrs mit dem Regionalbahnverkehr in Richtung Leipzig, Chemnitz und Riesa am Hauptbahnhof Döbeln sowie die Reaktivierung der Bahnstrecke DöbelnDresden. „Wir wollen über den Lärmaktionsplan mit den Bürgern ins Gespräch kommen. Deshalb stellen wir das Ganze am kommenden Dienstag, dem 30. Oktober, um 17 Uhr in einer Bürgerversammlung im Rathaussaaal vor“, sagt Döbelns Technischer Beigeordneter Thomas Hanns.

35 000 Fahrzeuge am Tag

35 208 Fahrzeuge rollen an einem durchschnittlichen Tag zwischen den Abfahrten Döbeln-Ost und Döbeln-Nord über die Autobahn 14. Fast 11 000 Autos und Lastwagen passieren jeden Tag die B169 bei Gärtitz. Zwischen Zschepplitz und Döbeln-Masten sind an einem Durchschnittstag 9916 Fahrzeuge auf der Bundesstraße 169 unterwegs. Und zwischen Masten und den Blitzern in Neudorf rollen fast 9600 Fahrzeuge am Tag über die Bundesstraße. Doch auch im innerstädtischen Bereich hat die Stadt Döbeln für die aktuelle Lärmkartierung den Verkehr zählen lassen. Auf der Mastener Straße in Höhe der Tankstelle fahren an einem Tag etwa 9500 Fahrzeuge vorbei. Absoluter Spitzenreiter unter den meist befahrenen Straßen Döbelns ist die Franz-Mehring-Straße, die in 24 Stunden 9900 Autos passieren.

Hochgerechnet aufs Jahr belastet der Lärm von 3,6 Millionen Fahrzeugen die Anwohner der Franz-Mehring-Straße. Auf den knapp 1,8 Autobahnkilometern der A 14, die auf Döbelner Fluren verlaufen, wurden sogar fast 13 Millionen Fahrzeuge pro Jahr gezählt, die an Döbeln vorbeirollen. Die Zahlen stammen von der letzten Verkehrszählung 2017.

Mehr als drei Millionen Autos im Jahr rollen über die A 14, die B 169, die B 175 in der Mastener Straße, die Franz-Mehring-Straße und die Zschepplitzer Straße. Leipziger-Straße, Dresdner-Straße und Bahnhofstraße liegen knapp unter der drei Millionen-Fahrzeuge-Grenze.

Die Unterlagen zur Lärmkartierung liegen im Rathaus im Zimmer 205 aus und stehen im Internet: www.doebeln.de.

Kommentar: Leisere Autos statt Lärmkarten

Das Ganze ist gut gemeint. Die Stadt macht aller fünf Jahre treu und brav die Hausaufgaben, welche die EU ihr aufgibt. Man zählt Autos und kartiert fürs Stadtgebiet den Verkehrslärm. Doch was dabei herauskommt ist nicht viel mehr als geduldiges Papier.

Auch wenn das Stadtplanungsamt dieses Mal einen ganzen Maßnahmenkatalog erarbeitet hat, wie man den Verkehrslärm für die besonders betroffenen Bürger begrenzen könnte, so liegt das meiste nicht allein in der Hand der Kommune. Klar könnte man nachts die Geschwindigkeit auf der Autobahn in Höhe der besonders lärmgeplagten Gertitzscher auf 80 km/h senken. Und wenn alle durch Döbeln nur 30 fahren würden, wäre es leiser. Doch in Häuserschluchten kann man keine Lärmschutzmauern bauen und das langsamere Fahren bringt verhältnismäßig wenig. Das Pferd wird hier falsch herum aufgezäumt. So wie beim Thema Abgase, wo die Kommunen Umweltzonen einrichten sollen, ist es hier mit dem Lärm. Doch wo entsteht der denn? Wie beim Abgas gehört auch hier die Fahrzeugindustrie in die Pflicht genommen. Die Städte aller fünf Jahre den Lärm kartieren zu lassen, ist der falsche Ansatz.

th.sparrer@lvz.de

Von Thomas Sparrer