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Döbeln Obstland verliert Erdbeerernte – trotz Hagelschutzkanonen
Region Döbeln Obstland verliert Erdbeerernte – trotz Hagelschutzkanonen
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11:07 04.07.2019
Die Kirschen sehen trotz des Unwetters noch gut aus und können vermarkte werden. Die Erdbeerernte der Dürrweitzschener Obstbauern ist jedoch total verhagelt. Quelle: Sven Bartsch
Leisnig

2019 hätte ein gutes, mindestens durchschnittliches Erntejahr werden können für die Obstland Dürrweitzschen AG. Nach dem Unwetter im Juni müssen die Obstbauern den Großteil ihrer Erdbeerernte von den Feldern bei Leisnig abschreiben. Die bei Anwohnern wegen ihrer Lautstärke in der Kritik stehenden Hagelschutzkanonen konnten das nicht verhindern. Laut Vorstand Jan Kalbitz sind mehr als die Hälfte der Erntemenge ein Raub des Hagels. „Wir geben die Plantagen vorm Ernte-Zenit auf.“

Wirkprinzip Hagelschutzkanone:

Bis Wochenende werden die verwertbaren Früchte eingebracht, dann im Hofladen verkauft. Den Saisonarbeitskräften, zum großen Teil aus Rumänien, wurde signalisiert, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Es bleibe noch das Beräumen beziehungsweise Einpflügen. Die Flächen müssten gepflegt werden, damit sich keine Krankheiten beziehungsweise Schädlinge wie Insekten oder Mäuse ausbreiten und nachfolgende Kulturen gefährden. Kalbitz schaut nach vorn: Die nächste Generation an Tunnel-Erdbeeren schieben bereits neue Blütenstände. Im August sollen sie tragen. Die Sorte bringt im Minitunnel bis zum Frost Früchte.

„Die Flächen ab dem Leisniger Freibad bis hin nach Minkwitz sind am schwersten betroffen“, so Kalbitz weiter, wohingegen die Kulturen um Sornzig nahezu unversehrt blieben. Nördlich von Dürrweitzschen sind Hagelschäden zu verzeichnen, in Ablaß, mit weniger starken Schäden. Finanziell sei der Ausfall erst zu beziffern, wenn die Ernten aus Nachbarländern wie Polen auf den deutschen Markt kommen. „Durch Unwetter verursachte Ernteausfälle treiben die Preise hoch“, so der Obstbauer.

So starke Verluste zuletzt vor 25 Jahren

Zuletzt habe es derartige Ernteschäden 1993 Jahren gegeben, mit von den Bäumen abgeschlagenen Ästen. Während der Hagel 2019 die Erdbeerernte vorzeitig beendete, setzte er den Süßkirschen weniger verheerend zu. „Die Früchte weisen ein paar wenige Dellen auf, der Geschmack ist in Ordnung, die Kirschen konnten über Handelspartner normal vermarktet werden.“

Zudem stark von den Hagelschäden betroffen sind die Sauerkirschen. Als Handelsware gehen sie nicht mehr, bestenfalls für die Konserve. „Vielleicht machen wir noch Saft draus“, schildert Kalbitz eine weitere Überlegung. Für einer Entscheidung müsse der Reifeprozess noch begutachtet werden.

Äpfel oder Birnen, in denen der Hagel hauste, können als Industrieware zu Most oder Muß verarbeitet beziehungsweise als Schäläpfel angeboten werden – zu geringeren Erlösen. „Es ist absehbar, dass nur ein geringer Prozentsatz als Handelsware verwendbar ist. Die guten Früchte auszusortieren, kostet Zeit und damit Geld. Das ist wirtschaftlich nicht vertretbar.“ Schlimmstenfalls werde die Ernte gemessen am erzielbaren Erlös zu teuer.

Erneut kommt die Frage auf, welche Rolle die Hagelschutzkanonen spielen. Anwohner verteufeln diese als unliebsame Lärmquelle. Sie zweifeln deren Nutzen an, da Hagel niedergeht trotz zuvor aktiver Kanonen.

Offener Brief an die Stadt Grimma: Kritik an Hagelschutzkanonen

Folgende Zuschrift zum Thema Hagelschultzkanone, die als offener Brief an die Stadtverwaltung Grimma gesendet wurde, erreichte die Redaktion:

Seit geraumer Zeit werden zu allen erdenklichen Tages- und Nachtzeiten von der Obstland AG in Dürrweitzschen (sowie in Leisnig und Ablaß) bei Heranziehen von dunklen Gewitterwolken die Hagel-Ultraschallkanonen betätigt.

Das hat zur Folge, dass es zum einen eine enorme Lärmbelästigung für die Anwohner auch in entfernteren Dörfern darstellt. Des weiteren ist dieses Vorgehen eine enorme Umweltbelastung. Das ist nicht mit den aktuellen Diskussionen über Umwelt- und Klimaschutz zu vereinbaren. Hier setzt sich ein Unternehmen über jegliche Form von Umweltschutz hinweg! Durch das Hineinschießen in die Wolken wird erreicht, dass nun bei dieser enormen Trockenheit überhaupt kein Regen in der Region mehr fällt, sondern dass die Dichte der Wolken akut verringert wird, sodass kein Regen fallen kann. Die Folge ist eine zusätzlich herbeigeführte Trockenheit in den umliegenden Gemeinden. Gemeinden, die örtlich vor den Kanonen liegen, bekommen den Niederschlag ab, die zwischen den Kanonen liegen gehen leer aus.

In Dürrweitzschen wurden die Apfelplantagen mit Netzen überspannt, aber trotzdem werden die Hagelkanonen bedient. Was soll der Unfug?

Wir wissen, dass sich bereits eine Vielzahl von Anwohner über diese massive Belästigung beschwert haben.

Wir fordern Sie daher auf, dass gegen diese massiven Beeinträchtigungen von Mensch und Umwelt seitens der Stadt Grimma dagegen vorgegangen wird. von Andrea Mücke, Grimma, Ortsteil Böhlen

Kalbitz dazu: „Wetter bleibt ein unkontrollierbares Phänomen. Offenbar gelangten die Hagelkörner bereits in dieser Größe aus anderen Regionen in hohen Luftschichten bis zu uns. In diesem Entstehungsstadium können die Kanonen sie weder antauen noch anderweitig zerstören. Die Druckwelle kann lediglich vor Entstehungsbeginn eines großen Hagelkorns die Ballung von Eis zu größeren Objekten verhindern.“

Um die Kulturen so gut wie möglich zu schützen, baut das Unternehmen zusätzlich weiterhin auf Hagelschutznetze. Perspektivisch würden noch mehr Hektar damit ausgestattet. Auch diese Netze schützen nicht alles vor allem. Es werde auf die Kombination mehrerer Schutzmöglichkeiten gesetzt.

Das Landratsamt habe den Einsatz der Hagelschutzkanonen nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz geprüft. Die Lautstärke sei nicht anders einzustufen als die von natürlichen Wetterereignissen. Es stehe im Interesse des Unternehmens, seine Wirtschaftserträge vor Schäden zu schützen. Argumente, wegen der Hagelschutzkanonen regne es nun gar nicht mehr, beantwortet Kalbitz mit dem Verweis auf die generell flächendeckende Trockenheit. Er sagt: „Wir wollen auch, dass es regnet. Unsere Kulturen benötigen das Wasser.“ Das Unternehmen habe kein Interesse daran, den Regen wegzuschießen, wie gemutmaßt wird. Die Schalldruck-Anlagen seien dazu auch physikalisch nicht in der Lage.

Kommentar: Dem Hagel folgt die Prügel

von Steffi Robak

Die Hagelschutzkanonen sind laut wie ein Gewitter. Das muss man nicht haben, wenn es nicht sein muss. Wer sich in seiner persönlichen Ruhe gestört fühlt, entscheidet schnell im eigenen Interesse: Der Donner soll schweigen. Deshalb müssen die um Leisnig aktiven Obstbauern nach dem Hagelschaden, der mehr als die Hälfte der Erdbeerernte vernichtete, auch noch die Prügel der Kanonenkritiker einstecken. Am Rande bemerkt: Die Wut muss groß sein, denn die Kritik fußt auf persönlichen Ansichten, ungeachtet physikalischer Fakten. Ultraschall ist das zum Beispiel nicht, der die Hagelkörner am Wachsen hindern soll. Wie gewaltig würde wohl die Schwangeren-Untersuchung beim Gynäkologen donnern, gliche das von Ultraschall verursachte Geräusch dem eines Sommergewitters. Es wäre wunderbar still, ließen sich Hagelkörner per Ultraschall auflösen, in nicht hörbaren Frequenzen. Den Gefallen tut der Hagel den im Obstland lebenden Menschen aber nicht. Deren Wunsch nach Ruhe konkurriert mit dem wirtschaftlichen Interesse eines Unternehmens, bei dem Obstlandbewohner arbeiten, ihren Lebensunterhalt verdienen, privates Land zum Bewirtschaften verpachten. Wer von all dem nichts hat, lebt in einem kultivierten Stück Sachsen und isst Früchte von den Plantagen vor der eigenen Haustür – wenn der Obstbauer sie mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln schützen darf. Und das gelingt eben auch nicht immer.

s.robak@lvz.de

Von Steffi Robak

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