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Döbeln Waldheim: Zündlei an Gardine bringt Jugendstrafe ein
Region Döbeln Waldheim: Zündlei an Gardine bringt Jugendstrafe ein
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18:15 22.06.2018
Am Amtsgericht Döbeln ging der Prozess um versuchte schwere Brandstiftung in Waldheim mit einem Schuld – und zwei Freisprüchen zu Ende. Quelle: picture alliance / dpa
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Waldheim/Döbeln

Sieben Monate Jugendhaft. So lautet das Urteil für einen 20-Jährigen aus Waldheim. Für das Jugendschöffengericht stand fest, dass der junge Mann im April 2017 eine Gardine am Fenster eines Asylheims anzündete. Die beiden Mitangeklagten sprach das Jugendschöffengericht des Amtsgerichtes Döbeln vom Tatvorwurf der versuchten schweren Brandstiftung frei. Einer der beiden muss jedoch zehn Stunden zu sozialtherapeutischen Gesprächen bei der Awo. Er hatte gegen das Waffengesetz verstoßen und besaß unerlaubte Polenböller. Auch am zweiten Verhandlungstag gab es keine Hinweise auf einen rechtsradikalen Hintergrund. Schon weit vor dem Prozess war für den Döbelner Treibhaus-Verein allerdings klar, dass die Gardinen-Zündlei eine rechte Straftat ist. Er listet die Tat in seiner Dokumentation „Blickpunkt Rechts“ Vorfälle und Straftaten mit angeblich rechtsextremistischen Hintergrund auf.

Keine Tat, keine Beteiligung, Freispruch

Eigentlich ist eine Entschuldigung fällig. Das fand Rechtsanwalt Thomas H. Fischer am Freitag. Zwar hat das Gericht seinen Mandanten freigesprochen. Aber der angehende Student war dabei, als sein Kumpel eine Gardine im Asylhaus an der Waldheimer Hauptstraße angebrannt hatte. Zwar wollte der 20-Jährige die Tat nicht und letztlich konnte ihm das Gericht auch nicht nachweisen, dass er daran beteiligt war, was strafbar wäre. Aber: „Man muss sich in die Lage der Zeugen versetzen. Die haben bereits Angst, wenn dunkle Gestalten ums Haus schleichen, weil es diese Willkommenskultur nicht gibt. In den Köpfen der Zeugen laufen Bilder ab, die wir uns nicht vorstellen können“, sagte Rechtsanwalt Fischer. Zum einen würdigte er damit die Situation der Geflüchteten, die die Tat beobachtet hatten. Zum anderen versuchte er damit zu erklären, weshalb ihre Aussagen nicht reichen, um den Zündler zu überführen. Keine Tat, keine Tatbeteiligung, Freispruch – das war die Logik dieses Plädoyers, in dem der Anwalt auf seinen Vorredner einging.

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Verteidiger: Zeugin nicht glaubhaft

Rechtsanwalt Matthias Renner verteidigte den Waldheimer, der sich nach Ansicht des Gerichtes des Versuchs der schweren Brandstiftung schuldig gemacht hatte. Aber natürlich nicht aus Sicht des Anwaltes: „Mein Mandant hat das Feuer sofort gelöscht. Die Aussagen der Zeugin, die Gardine habe auch innen gebrannt, ist nicht glaubhaft. Zudem ist eine Gardine kein wesentlicher Gebäudebestandteil.“ Ein solcher müsse aber brennen, damit der Tatbestand greift. Sein Mandant konnte oder wollte nichts zur Tat sagen. Er sei zu betrunken gewesen, gab er an.

Anwalt auf dem falschen Dampfer?

Richterin Marion Zöllner, die Vorsitzende des Jugendschöffengerichtes, erklärte dann, weshalb Anwalt Renner mit seiner rechtlichen Würdigung auf dem falschen Dampfer fährt: „Wir reden hier über den Versuch einer schweren Brandstiftung. Die Gardine bestand aus einem ollen Dederonzeug. Hätte sie weiter gebrannt, hätte sie womöglich den Lammellenrollo im Bad der Geschädigten entzündet.“ Dann hätte es nicht mehr viel gebraucht, um Teile des Hauses in Brand zu setzen. „Das ist ein Szenario, das wir uns nicht vorstellen wollen“, sagte die Vorsitzende.

Gericht glaubt Zeugen

Das Gericht glaubte den Zeugen, die das Kerngeschehen weitgehend übereinstimmend wiedergaben: Drei Leute kommen, einer versucht die Gardine anzünden, ein Auto fährt vorbei, der Täter flüchtet zunächst, kehrt an das gekippte Fenster mit der heraushängenden Gardine zurück, zündet erneut. Zwei wollen das nicht, darum spricht sie das Gericht frei. In der Anklage steht, sie hätten auch an dem Fenstervorhang gezogen, was man als deren Tatbeitrag hätte werten können. Aber das bestätigen die Zeugen in der Hauptverhandlung nicht. Der Verurteilte muss nicht ins Jugendgefängnis. Er bekam Bewährung. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Von Dirk Wurzel