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Döbeln Wer darf am Hammerweg Obst ernten?
Region Döbeln Wer darf am Hammerweg Obst ernten?
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17:00 22.08.2018
An die Äpfel, fertig, los? Von wegen! Auch, wenn die Obstbäume am Hammerweg in Roßwein mit vollem Behang locken – ernten dürfen nur die Eltern, für deren Kinder die Bäume einst gepflanzt wurden.
An die Äpfel, fertig, los? Von wegen! Auch, wenn die Obstbäume am Hammerweg in Roßwein mit vollem Behang locken – ernten dürfen nur die Eltern, für deren Kinder die Bäume einst gepflanzt wurden. Quelle: Foto: Sven Bartsch
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Rosswein

Große blaue Pflaumen, kleine gelbe Pflaumen, Birnen, Äpfel verschiedenster Sorten – am Hammerweg in Roßwein gedeihen derzeit prächtige Früchte in Hülle und Fülle. So manchen Spaziergänger lädt die idyllische Streuobstwiese am Muldental-Radwanderweg zum schnellen Zugreifen ein. „Offenbar wird das Obst nicht geerntet“, wundert sich ein Ehepaar, das an der Wiese vorbeispaziert ist. „Ist doch schade um die vielen Früchte...“ Doch Zugreifen ist nicht erlaubt. Denn nicht nur theoretisch hat jeder Baum auf der „Wiese der Kinder“ – so heißt sie nämlich – einen Besitzer.

2007 hat die Stadt Roßwein damit begonnen, für neugeborene Kinder der Stadt einen Baum pflanzen zu lassen. Bis zu diesem Jahr, als im April am Rand des Gewerbegebietes erstmals Nüsse, Esskastanien und Laubbäume in die Erde gebracht worden, waren es hauptsächlich Obstbäume. Als auf der Wiese am Hammerweg nach drei Jahren kein Platz mehr für neue Bäume war, zog man weiter und bepflanzte Flächen am Forst und in der Kadorfer Siedlung. Zwischen Apfelbäumen, Birnen und Pflaumen, die derzeit reich tragen, sind auch Quitten, Kirschen oder Esskastanien zu finden.

„Das Obst gehört natürlich den Eltern und Kindern, die den Baum gepflanzt haben“, erklärt Bürgermeister Veit Lindner (parteilos). Er fände es natürlich schön, wenn die die Früchte auch ernten würden. Doch er kann auch nachvollziehen, wenn das nicht gemacht wird. „Wer pflückt heutzutage schon noch selbst...“, bedauert er. Dass die Eltern möglicherweise nicht wissen, dass sie das Obst ernten dürfen, kann sich Lindner nicht vorstellen. Denn zur Baumpflanzaktion würde dies immer ausdrücklich gesagt, bestätigt auch Bauhof-Chefin Monika Weigel. Wer welchen Baum pflanzen darf, das wird übrigens immer ausgelost. Also ist es Zufall, ob man in ein paar Jahren Pflaumenmus kochen, Birnenkuchen backen oder Apfelmus machen könnte – oder vielleicht auch gar nichts ernten kann. Auf jeden Fall ist das Angebot der Stadt an die frischgebackenen Eltern kostenfrei. Und auch die Pflege der Bäume müssen die Eltern nicht übernehmen. „Verschnitten werden sie von der Stadtgärtnerei“, bestätigt Monika Weigel, die es wichtig findet, dass diese Arbeit professionell erledigt wird.

Veit Lindner findet es generell nicht übermäßig schlimm, wenn das Obst nicht geerntet wird. „Dann kommt es eben der Natur zugute.“ Spaziergänger aber dürfen sich per Gesetz die Früchte definitiv nicht einfach holen, auch wenn die Besitzer der Bäume durch Nicht-Ernten quasi darauf verzichten. Weder durch Abpflücken, noch durch Auflesen. Dafür müsste man sich die Erlaubnis des jeweiligen Besitzers einholen. Im Zivilrecht ist Obst immer Eigentum des Baumbesitzers. Demnach begeht Diebstahl, wer sich die Frucht einfach einsteckt. Allerdings: Wo kein Kläger, da kein Richter. Auf diesem Standpunkt steht auch Monika Weigel. „Wenn sich da ein Spaziergänger eine Pflaume einsteckt, ist das nicht schlimm.“

Mit den in diesem Jahr gepflanzten Laubbäumen kommt zukünftig niemand in die Verlegenheit, sich ums Abernten Gedanken machen zu müssen. „Aus denen wollen wir mal einen Wald machen“, sagt der Bürgermeister.

Von Manuela Engelmann-Bunk