Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Eilenburg Brandstiftender Feuerwehrmann vor dem Richter
Region Eilenburg Brandstiftender Feuerwehrmann vor dem Richter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:31 13.11.2018
Angeklagter Chris Klaus B. mit seinem Verteidiger Rechtsanwalt Peter Konzuch aus Dresden vor der Verhandlung. Quelle: Wolfgang Sens
Anzeige
Hohenprießnitz/Leipzig

Prozessauftakt am Dienstag: Chris B., heute 24 Jahre jung, muss sich vor dem Landgericht Leipzig verantworten. Drei Brände hat er von Juli 2014 bis November 2016 in der Noitzscher Straße 31/32 in Hohenprießnitz, Gemeinde Zschepplin bei Eilenburg, gelegt. In jenem Haus, in dem er selbst bei seinen Eltern lebte.

Feuerwehrmann legt Feuer

Damals war er Mitglied der Feuerwehr des Ortes. „Warum macht ein so hoffnungsvoller junger Mann so etwas?“, lautete eine erste Frage des Richters. „Ich wollte retten, löschen und in meinem Wohnbereich helfen“, so die Antwort. Die LVZ schrieb damals in einem Fall von 13 Verletzten und 21 evakuierten Menschen. In den zwei Aufgängen des Hauses wohnten je acht Mietparteien, B. mit seinen Eltern im Erdgeschoss unmittelbar über den von ihm gelegten Feuern.

Anzeige

Das erste entfachte er am 16. Juli 2014 nach 20 Uhr. Er brannte mit seinem Feuerzeug Papier in einer Plastiktonne in einem Keller an. Gegen 20.30 Uhr rief er mit seinem Handy die 112 an, informierte Mieter im Haus über den Brand und begab sich anschließend ins Gerätehaus, wo er sich umzog und nun als Feuerwehrmann in Erscheinung trat – der Zweck seines Handelns. Im Keller wurden zahlreiche abgestellte Gegenstände Opfer der Flammen. Das Feuer konnte von den Bewohnern und den Kameraden gelöscht werden. Personen kamen nicht zu Schaden. Dramatischer wurde es am 21. November 2014.

Vollbrand und chaotische Zustände

Am Morgen, nach 6 Uhr, ging B. erneut in den Keller, um Feuer zu legen. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Mieter, darunter auch Kinder, noch im Haus. Er zündete wieder mit einem Feuerzeug im Sperrmüllraum ein Plüschtier und einen Teppich an und ging danach zurück in sein Zimmer. Das Feuer geriet außer Kontrolle, entwickelte sich zu einem Vollbrand. Dichter, beißender Rauch zog durch das Treppenhaus, giftige Gase stiegen empor. 52 Kameraden von sieben Wehren der Umgebung rollten mit 14 Fahrzeugen an. Mit Dreh- und Steckleitern wurden Menschen teils über die Fenster, teils durchs Treppenhaus, unter anderem mit Rettungsmasken, ins Freie geholt.

Nervös kratzte der gepflegt wirkende Angeklagte mit seinem rechten Daumennagel am schweren Holztisch in Verhandlungssaal 215, als der Staatsanwalt die Anklage verlas. Als B. das Ausmaß des Brandes wahrnahm, weckte er seinen Vater und führte ihn ins Treppenhaus. Der Weg durchs Fenster der Erdgeschosswohnung wäre der bessere Fluchtweg gewesen. „Ich weiß nicht, warum ich so gehandelt habe“, gab B. zu Protokoll. Wieder alarmierte er die Feuerwehr, die diesmal ordentlich zu tun hatte, wieder half er beim Retten und Löschen. Von den 21 Betroffenen in beiden Aufgängen mussten 8 stationär behandelt werden. Einer der am schwersten Betroffenen war damals der Vater des Täters. Es habe die Gefahr bestanden, dass sich Menschen tödlich verletzen, stellte der Staatsanwalt fest. Der Keller wurde völlig zerstört, die unteren Etagen unbewohnbar, für fast ein halbes Jahr, das Treppenhaus wurde massiv verunreinigt.

Dritter Brand

Und damit nicht genug. Denn auch nach diesem Unglück wollte der junge Mann wieder löschen und helfen. Am 27. Juli 2016 zündete er mittags ein Bettuch im Keller einer Nachbarin an. Gleiches Muster. Er ging zurück auf sein Zimmer. Das Tuch fackelte ab, das Feuer erlosch diesmal. Es gab lediglich Rußablagerungen. Glimpflich.

Geständiger Täter

Der Schaden beträgt unter dem Strich rund 140 000 Euro. Dem Angeklagten wird nun vorgeworfen, dass er das Gebäude durch Brand zerstören wollte, dass er die Gesundheit seiner Mitmenschen geschädigt hat. Besonders schwere Brandstiftung. Kriminalbeamte kamen ihm schließlich auf die Spur.

Verfahrensabsprache

Nach den Vorträgen von Staatsanwalt und Richter bat der Verteidiger des Angeklagten um eine Unterredung. Die Beteiligten zogen sich für 20 Minuten zurück. B. zeigte sich danach geständig, bestätigte sämtliche Anklagepunkte im Sinne der Anklage. Er plauschte besonnen mit dem Richter. „Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe, ich wollte Feuerwehrmann spielen.“ Alle Nachbarn kannte er persönlich, er habe Böses getan, um hinterher Gutes zu tun und ihnen zu helfen. Warum er nach dem schweren Brand noch ein Feuer gelegt hat, konnte er auch nicht beantworten. „Irgend etwas hat in meinem Kopf ausgesetzt, ich wollte wieder löschen und helfen“.

Jugendstrafrecht

Teil zwei der Absprache: Bei ihm wird Jugendstrafrecht angewandt, ihm drohen nun zwischen einem Jahr und neun Monaten und höchstens zwei Jahren Freiheitsentzug, ausgesetzt zur Bewährung. So das Ergebnis der Verfahrensabsprache. Alles noch im Konjunktiv, aber so könnte/soll es kommen. Der Staatsanwalt „könne diesem Vorschlag nähertreten“. Der Großteil der Zeugen brauchte nun nicht mehr zu kommen. Vor allem Kriminalisten und Gutachter mussten aber noch aussagen. Das Urteil soll am Donnerstag verkündet werden.

Von Frank Pfütze