Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Eilenburg Nordsachsens Kinder haben schlechte Zähne
Region Eilenburg Nordsachsens Kinder haben schlechte Zähne
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:00 24.02.2019
Dr. Babette Nicht (43) ist Jugendzahnärztin in Nordsachsen. Hier untersucht sie gerade einen Schüler der Grundschule in Kyhna im Rahmen der Reihenuntersuchung. Quelle: Wolfgang Sens
Nordsachsen

Wenn es um die Zahngesundheit der nordsächsischen Kinder geht, weiß Jugendzahnärztin Dr. Babette Nicht vom Gesundheitsamt am besten, wie es um die bestellt ist. Vor allem Kleinkinder haben oftmals Karies. Welchen Beitrag Eltern leisten können, damit es erst gar nicht zu schlechten Zähnen kommt und warum das Zähneputzen in vielen Kitas vernachlässigt wird, erzählt die 43-Jährige im Interview.

Frau Dr. Nicht, gehen Sie eigentlich gern zum Zahnarzt?

Ich habe damit nicht das Problem, weil ich ja gute Zähne habe und weiß, wie man die gesund erhält. Also Angst habe ich auf keinen Fall. Bei meinen Kindern ist das natürlich etwas anderes, weil die immer erst einmal denken, dass irgendetwas ist. Da haben wir auch schon einiges durch.

Wie versuchen Sie Kindern bei Ihren Reihenuntersuchungen an Kitas und Schulen die Angst vor dem Zahnarzt zu nehmen?

Es gibt Kinder, die wirklich total ängstlich sind, mich auch schon ängstlich angucken oder auch gar nicht erst den Mund aufmachen wollen. Ich versuche ihnen mit Ablenkung die Angst zu nehmen, indem ich ihnen den Spiegel und die Lampe zeige und gut zurede. Andere Angsthäschen dürfen zunächst auch zuschauen, was bei der Untersuchung passiert. Und meistens machen sie dann den Mund auch auf.

Was passiert bei Ihren Untersuchungen?

Wir haben Spiegel, Sonde und Lampe dabei. Und die Assistentin mit dem Laptop, die dann gleich den Befund eingibt. Ich führe eine Stichprobe durch, ob die Kinder Karies haben, ob die Zähne schief stehen, sie eine Zahnspange brauchen oder ob sie Zahnfleischerkrankungen haben.

Wie oft Sind Sie und Ihr Team im Laufe eines Jahres im Landkreis unterwegs?

Fast täglich, es ist selten, dass wir einen Tag nicht rausfahren. Dann haben wir Schreibarbeiten zu erledigen. Im Schnitt untersuchen wir im Altkreis Delitzsch zirka 10 000 Kinder pro Jahr. Bei etwa 5000 Kindern führen wir im Jahr Gruppenprophylaxe durch, das ist der pädagogische Teil unserer Arbeit. In der Gruppenprophylaxe bringen wir den Kindern spielerisch das Zähneputzen am Krokodil nach der KAI-Methode, also Kauflächen, Außenflächen, Innenflächen, bei, erklären den Zahnaufbau und thematisieren zahngesunde Ernährung. Im gesamten Landkreis Nordsachsen werden jährlich ungefähr 20 000 Kinder untersucht.

Wie groß ist Ihr Team?

Frau Tänzer, das ist meine Assistentin, und ich sind für den Altkreis Delitzsch zuständig. In Torgau und Oschatz sind es die Zahnärztin Frau Uischner und die Assistentin Frau Winkler. Das sind im Prinzip zwei Zahnärzte für recht große Bereiche.

Warum sind solche Untersuchungen wichtig?

Ich persönlich halte Vorsorge für sehr wichtig. Aufgrund meiner jahrelangen Berufserfahrung als Assistenzzahnärztin habe ich gesehen, wie schlecht die Kinderzähne mitunter sind, vor allem auch die Milchzähne. Wenn die kaputt gehen, hat das schlimme Folgen. Die Kinder brauchen dann später meistens Zahnspangen, und das sieht man heutzutage sehr häufig. Durch den frühzeitigen Zahnverlust entstehen Engstände oder die Zähne brechen nicht ordentlich durch. Das will ich vermeiden und die Kariesquote so gering wie möglich halten.

Wie läuft so eine Untersuchung in der Kita oder Schule ab?

Wir haben einen Koffer, in dem unser ganzes Instrumentarium drin ist. Das alles bauen wir auf, brauchen einen Tisch, eine Steckdose, zwei Stühle – da geht es manchmal ganz schön beengt zu. Die Kinder kommen dann in Fünfergruppen an, eines setzt sich hin, wird untersucht, dann sage ich den Befund an und die Assistentin nimmt diesen gleich in das Programm auf, das wir dafür nutzen. Wir können auch vergleichen, wie es im Vorjahr war, also, ob sich etwas verbessert oder verschlechtert hat.

Was passiert dann mit den Untersuchungsergebnissen?

Wir geben den Eltern eine Empfehlung, dass sie mit ihrem Kind zum Zahnarzt gehen sollen oder dass sie mehr auf Prophylaxe wert legen sollten, also auf Fluoridierung und Versiegelung, damit kein Loch entsteht. Wenn Kinder schiefe Zähne haben, empfehlen wir die Vorstellung beim Kieferorthopäden.

Wie ist es um die Zahngesundheit der nordsächsischen Kinder bestellt?

Das kommt darauf an, in welchem Bereich man unterwegs ist. Es gibt soziale Brennpunkte, wo es schlechter aussieht und man merkt, dass die Kinder nicht so optimal aufwachsen und sich ernähren, wie es wünschenswert wäre.

Welche Entwicklung beobachten Sie?

In den Gymnasien sieht es gut aus. Die Zwölfjährigen haben wirklich gute Zähne, meistens ist diese Altersklasse komplett versorgt und hat Versiegelungen. Aber im Einschulungsalter und auch bei ganz kleinen Kindern bis 3 Jahre häuft sich schon eher die Karies. Es handelt sich hier um die sogenannte „Nuckelflaschenkaries“. Diese entsteht, wenn die Kinder frühzeitig süße beziehungsweise kohlenhydratreiche Getränke in den Nuckelflaschen zu trinken bekommen.

Was führt noch zu schlechten Zähnen?

Das ist nach meinem Empfinden das Überangebot an Zucker in unserem Essen allgemein und in den Getränken. Es gibt ja kaum Getränke, die ohne Zucker sind. Da bleibt nicht viel übrig: Wasser und Tee. Alles andere hat Zucker, selbst Schorle und Wasser mit Geschmack.

Wie putzt man die Zähne richtig?

Besser vor oder nach dem Frühstück? Besser vor oder nach dem Frühstück? Nach dem Essen, weil dann die Zähne wieder sauber werden und der Speichel die Zähne remineralisieren kann, also wieder fest macht. Sind die Zähne noch schmutzig, wirkt der Speichel nicht an der Oberfläche.

Wie lange sollte man Zähne putzen? Bei den elektrischen Zahnbürsten in der Regel zwei Minuten und bei der Handputztechnik drei Minuten.

Wie oft am Tag sollte man Zähne putzen? Im Kindergarten dreimal. Da geht es auch nicht um das perfekte Zähneputzen, sondern um das Ritual an sich und das Lernen. In der Schule zweimal, möglichst nach dem Frühstück, und abends nach dem Essen.

Wie putzt man Zähne richtig? Nach der KAI-Methode (Kauflächen, Außenflächen, Innenflächen).

Zähne putzen mit Hand- oder Elektrozahnbürste? Handzahnbürste reicht aus. Sind die Kinder gar nicht zu motivieren, dann eine elektrische, die gibt es zum Beispiel auch mit Timer.

Ab wann sollte man bei Kleinkindern mit dem Zähneputzen beginnen? Ab dem ersten Zahn. Für dieses Alter werden im Handel kleine Fingerlinge mit Noppen oder Lernzahnbürsten angeboten.

Immer wieder hört man vom Nicht-Zähneputzen in den Kitas. Was hat es damit auf sich?

Das ist seit vielen Jahren ein Problem – und zwar bundesweit. In vielen Kindergärten werden die Zähne nicht mehr geputzt. Meistens liegt es an der Überlastung der Erzieher, weil Kollegen fehlen. Dann wird das Zähneputzen zu einer Zeitfrage. Leider ist es nicht Pflicht und oftmals nicht verankert im Kindergartenvertrag, was aber wünschenswert wäre. Die Landesarbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege Sachsen arbeitet gerade daran. Vorstellbar ist, dass Kitas, in denen die Kinder Zähne putzen, ein Zertifikat erhalten, sozusagen als Auszeichnung, mit der sie sich schmücken können.

Sprechen Sie dann in den Kitas so ein Problem offen an?

Wenn ich sehe, dass keine Becher dastehen, frage ich nach.

Ein viel gebrauchtes Argument seitens der Kitas ist, dass die Kinder mit ihren Zahnbürsten lieber die Waschbecken schrubben, was unhygienisch sei und man deshalb das Zähneputzen abgeschafft hat.

Das wird häufig als Grund angebracht. Allerdings haben wir aussagekräftige Unterlagen vom Robert-Koch-Institut, dass keine erhöhte Infektionsgefahr besteht, also nichts passiert. Das ist, wie ein Spielzeug in den Mund nehmen.

Um eine Zahnputz-Routine in den Kitas zu etablieren, hieß es zuletzt, dass in Nordsachsen verstärkt Gruppenprophylaxen angeboten werden. Wie wollen Sie da vorgehen – Stichwort Patenschaftszahnärzte?

Ja, die Patenschaftszahnärzte führen die Gruppenprophylaxen durch. Aber viele ältere Zahnärzte haben diese Aufgabe inzwischen abgegeben, weil sie in Rente gehen und keinen Nachfolger gefunden haben. Trotzdem gibt es auch junge Kollegen, die offen sind für Gruppenprophylaxe und Einrichtungen im Landkreis übernommen haben.

Wie viele Patenschaftszahnärzte gibt es in Nordsachsen?

Im Altkreis Delitzsch sind es derzeit 18, im Altkreis Torgau-Oschatz 6. Besonders für Schulen und Kitas in Delitzsch, Eilenburg und Schkeuditz bräuchten wir noch Patenschaftszahnärzte.

Mit welchem Arbeitsaufwand muss so ein Patenschaftszahnarzt rechnen und wie bekommt er die Arbeit vergütet?

Der Arbeitsaufwand ist unterschiedlich. Es bietet sich aber an, wenn die Praxis in der Nähe der Schule oder Kita liegt. Die Patenschaftszahnärzte erhalten von der Landesarbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege Sachsen eine Aufwandsentschädigung für ihre Arbeit.

Abschließende Frage: Was kann jeder selber tun, damit die Zähne gesund bleiben?

Eltern können sich bei der Zahnpflege vorbildlich verhalten. Sie können auch bei der Ernährung auf viel Gemüse und Obst achten. Kinder mögen Fingerfood, also vorbereitete Stücke von Obst und Gemüse. Die nehmen die Kinder sehr gern. Auch pure Joghurts mit kleinen Obststücken sind nicht so süß wie gekaufte Joghurts.

Interview: Nico Fliegner

Zahlen & Fakten

Die Zahngesundheit der Drei- bis Sechsjährigen Nordsachsen ist im Sachsenvergleich unzureichend. Der Trend des Nicht-Zähneputzens in der Kita könnte eine Ursache für die schlechte Zahngesundheit der Kinder sein. Im Schuljahr 2017/18 hat der Kinder- und Jugendzahnärztliche Dienst bei 53,2 Prozent der Sechsjährigen ein naturgesundes Gebiss diagnostiziert. Untersucht wurden im Landkreis 1094 von 1360 Kinder in diesem Alter. Bei 27,9 Prozent wurde Behandlungsbedarf festgestellt, 18,9 Prozent hatten bereits einen oder mehrere sanierte Zähne.

89,1 Prozent der Dreijährigen, die untersucht wurden, wiesen ein naturgesundes Gebiss auf. Bei 8,8 Prozent gab es Behandlungsbedarf, 2,1 Prozent hatten schon sanierte Zähne.

Die Zwölfjährigen schneiden am besten ab – im Sachsenvergleich liegen sie im oberen Drittel. Konkret wurden 970 Zwölfjährige mit bleibenden Zähnen untersucht – bei 699 wurde ein naturgesundes Gebiss festgestellt, bei 67 gab es Behandlungsbedarf, 204 hatten sanierte Zähne.

Ziel der Landesarbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege Sachsen ist insgesamt ein Wert von 90 Prozent an naturgesunden Gebissen – das wird in Nordsachsen nicht erreicht.

Die Anzahl der Patenschaftszahnärzte, die in Kitas und Schulen Gruppenprophylaxen durchführen, ist rückläufig. Im Schuljahr 2016/17 gab es im Altkreis Delitzsch noch 22 Zahnärzte, die die Gruppenprophylaxe betreuten (entsprach: 4938 Kinder = 48 Prozent). Die übrigen Kinder (5361 = 52 Prozent) wurden durch das Gesundheitsamt (Dr. Nicht und Frau Tänzer) betreut.

Patenschaftszahnärzte werden insbesondere für folgende Kitas und Schulen gesucht: Kita „Heinzelmännchen“, Eilenburg; Kita „Villa Kunterbunt“, Schkeuditz; Grundschulen Delitzsch-Ost, Diesterweg-Grundschule, Ehrenberg-Gymnasium, Artur-Becker-Oberschule, Oberschule Delitzsch-Nord, jeweils Delitzsch; Sonnenblumen-Grundschule, Radefeld; Rinckart-Gymnasium, Eilenburg.

Wenn sich ein niedergelassener Zahnarzt oder eine Zahnärztin für eine offen Einrichtung interessiert, bitte bei Frau Dr. Nicht unter Tel. 03421 7586336 melden.

Von Nico Fliegner

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Internetversandhandel von Jevgenij und Aleksandr Borisenko ist im Gewerbegebiet von Eilenburg zu Hause. Die Zwillingsbrüder hatten die Firma in ihrem Kinderzimmer gegründet. Und sie wollen noch anbauen.

26.02.2019

Fasching lässt sich auch im kleinen Kreis feiern. Davon ist zumindest Tagesmutti Ina Rochner-Wolff überzeugt. Seit zehn Jahren betreut die Eilenburgerin die jüngsten Knirpse.

23.02.2019

In den Kliniken in Delitzsch und Eilenburg gibt es seit mehr als einem halben Jahr Bereitschaftspraxen. Mittlerweile zeigt sich, ob diese die Notaufnahmen wirklich so stark entlasten, wie zur Einführung erhofft.

23.02.2019