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Eilenburg Prozess vor Amtsgericht Eilenburg: Notruf missbraucht, ICE zum Halten gezwungen
Region Eilenburg Prozess vor Amtsgericht Eilenburg: Notruf missbraucht, ICE zum Halten gezwungen
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08:31 17.01.2018
Das Eilenburger Amtsgericht.
Das Eilenburger Amtsgericht. Quelle: Wolfgang Sens LVZ
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Eilenburg

Bertram A. (Name geändert) ist Alkoholiker in Therapie. Jetzt wieder. Als er aber im Mai dieses Jahres einen Rückfall hatte, geriet er erneut auf die schiefe Bahn. Bis dahin hatte er es geschafft, exakt 385 Tage trocken zu bleiben. Seit jenem Tag aber, als ihm der Alkohol näher war als ein geordnetes Leben, musste sich der 37-Jährige wieder mit der Justiz auseinandersetzen und sich nun vor dem Eilenburger Amtsgericht wegen einer strafbaren Handlung verantworten. Diesmal warf ihm die Leipziger Staatsanwaltschaft vor, in einem ICE die sogenannte Türnotentriegelung betätigt und einen sofortigen Nothalt ausgelöst zu haben.

An diesem Tag war Bertram A. eigentlich auf dem Weg von Erfurt nach Cottbus, nutzte dafür den ICE. Der Zug war in letzter Zeit ohnehin zu seinem bevorzugten Beförderungsmittel geworden. Dass er an diesem Tag nicht in Cottbus ankam, wusste der Angeklagte vor Gericht noch. Er sei von Polizeibeamten am Hauptbahnhof Leipzig in Empfang genommen worden, die dann auch seine Personalien aufnahmen. „Alles, was davor geschah, weiß ich nicht mehr“, schilderte der Angeklagten der Eilenburger Amtsrichterin Petra Wendtland. Dass er bereits betrunken in Erfurt in den ICE stieg, dämmerte ihm dann doch noch. Auch dass er wohl während der Fahrt einige Biere getrunken haben muss. Ob er es im ICE-Bistro oder im Zugabteil-Vorraum tat, war ihm wiederum entfallen. Er erinnerte sich aber noch ziemlich genau, dass Polizeibeamte in Leipzig einen Restalkohol von 2,1 Promille maßen.

Wesentlich mehr Erinnerungen an jenen Tag hatte ein Zugführer. Er war als Zeuge geladen. Bertram A. war ihm aufgefallen, weil er ihn an verschiedenen Plätzen im Zug gesehen und getroffen hat. Er schien nicht betrunken, sagte der Zeuge aus. Er hatte eher den Eindruck, „das der Mann anderes eingenommen hatte, etwas, was es nicht im Bistro zu kaufen gab“.

Als Zugführer bekam er dann eine Information auf sein Telefon, dass irgendwo ein Türnotentriegelungsknopf gedrückt wurde. Er sei weniger als eine Minute von dem Ort entfernt gewesen und habe auch nur eine Person im Umfeld wahrgenommen. Bertram A. habe unmittelbar vor dem Knopf gestanden. Um den zu drücken, musste zuvor eine Scheibe zerschlagen werden. Gegenüber dem Zeugen habe Bertram A. aber beteuert, dass er es nicht war.

Der Zug war zum Stehen gekommen. Erst als der Notruf zurückgesetzt wurde, ging auch die Fahrt weiter. Eine Verspätung von acht Minuten sei entstanden. Im Bahnhof konnte Bertram A. dann nur durch seine in der Reisetasche gefundenen Dokumente identifiziert werden. Er selber konnte sich offenbar nicht mehr artikulieren.

„Wenn ich es tatsächlich war, muss ich dafür bestraft werden. Aber ich weiß es nicht.“, beteuerte der Angeklagte. 17 Eintragungen zählte sein Bundeszentralregisterauszug, sozusagen sein Straftatenkatalog. Bereits 2003 fing der Konflikt mit dem Gesetz an. Wegen unerlaubter Abwesenheit während der Bundeswehrzeit verurteilte ihn damals ein Gericht. Danach ging es Schlag auf Schlag. Immer spielte Alkohol eine große Rolle. Ruhiger wurde es, als er 2010 heiratete. Da war mal sechs Jahre Pause. Keine Straftaten, keine Verurteilungen.

Dann der Rückfall in alte Muster. Zudem wurden bei Bertram A. manische und depressive Stimmungsschwankungen diagnostiziert. Nach dem Vorfall im ICE ließ er sich stationär einweisen, entgiften. Erst wenige Tage vor der Verhandlung verließ er die Klinik. Medikamente sollen ihm jetzt helfen, auch die Mitgliedschaft in einer Selbsthilfegruppe und die Teilnahme an einer Suchttherapie sieht er für sich als nächste Schritte an. „So kann es nicht weitergehen“, gestand er Richterin Wendtland.

Die hatte offenbar Mitgefühl, sah den Angeklagten auf einem guten Weg. Obwohl sie, wie auch die Staatsanwaltschaft, keine Zweifel daran hegte, dass Bertram K. den Nothalt auslöste, kam er mit einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 13 Euro, insgesamt 760 Euro, davon. Das Gesetz sieht bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe für solch ein Vergehen vor. Richterin Petra Wendtland machte aber dennoch deutlich, dass es eine Straftat gegen die öffentliche Ordnung war, die Konsequenzen nach sich ziehen muss. „Diesmal waren die Folgen gering, sie hätten aber auch größer sein können als nur eine Zugverspätung“, sagte sie.

Von Ditmar Wohlgemuth