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Eilenburg Tödlicher Unfall wegen ausgebrochener Rinder – Gericht verhandelt schwierigen Fall
Region Eilenburg Tödlicher Unfall wegen ausgebrochener Rinder – Gericht verhandelt schwierigen Fall
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12:26 11.07.2019
Die beiden Angeklagten mit ihren Anwälten im Gerichtssaal. Quelle: Diemo Wolf
Mockrehna/Leipzig

Der Vorsitzende Richter Bernd Gicklhorn machte am Mittwoch gleich zu Beginn der Berufungsverhandlung am Landgericht Leipzig eines ganz deutlich: „Wir haben es hier und heute mit einer tragischen Unfallsituation und einer rechtlich nicht ganz einfachen Lage zu tun.“ Die 14. Strafkammer musste sich mit einem Geschehen auseinandersetzen, das fast drei Jahre zurückliegt und zu dem das Torgauer Amtsgericht im April 2018 bereits ein Urteil sprach. Die zwei Angeklagten, zum einen der Geschäftsführer und zum anderen die Abteilungsleiterin eines Landwirtschaftsbetriebes aus Nordsachsen, waren damit nicht einverstanden. Sie legten Berufung ein. Ebenso die Staatsanwaltschaft. Sie beschränkte sie jedoch auf die Rechtsfolgen, also auf die Strafhöhe.

Folgenreicher Verkehrsunfall

Anfang Oktober 2016 war es in der Nähe von Mockrehna zu einem folgenreichen Verkehrsunfall gekommen. Etwa zwei Dutzend Kühe hatten am Abend ihre eingezäunte Weide verlassen und dabei auch die Fahrbahn der Bundesstraße 87 betreten. Dort kam es dann zur Kollision mit zwei Pkw, beide landeten nach einem Überschlag im Straßengraben. Die Insassen wurden zum Teil schwer verletzt, Tage später starb ein Mann an seinen schweren Kopfverletzungen. Das Amtsgericht hatte den Chef des Agrarunternehmens, Burghard K., und seine Angestellte Karin C. (beide Namen geändert) wegen fahrlässigen Eingriffs in den Straßenverkehr, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung jeweils zu Geldstrafen von 120 Tagessätzen – 8400 beziehungsweise 3000 Euro – verurteilt.

Die 14. Strafkammer des Landgerichtes Leipzig hatte zu klären, ob bei ausreichender Sicherung der Koppel der Unfall vermeidbar gewesen wäre. Der Vorsitzende Richter Bernd Gicklhorn drängte deshalb darauf, zu erfahren, wie die Koppel überhaupt gesichert war. Karin C. beschrieb daraufhin, wie sie die Koppeln an jenem Abend bei ihrer letzten Kontrolle vorgefunden hatte. Die Weide sei mit einem Elektrozaun gesichert gewesen. Nahezu auf der gesamten Länge hatte ein Mitarbeiter zwei Drähte gespannt, die unter Spannung standen. „Ich habe geprüft, ob die Anlage funktionierte. Und das tat sie“, sagte die 36-Jährige. Insgesamt 96 Tiere waren am Vormittag auf das Gelände getrieben worden.

Einbruch statt Ausbruch

Entgegen der Behauptung des beauftragten Gutachters, wonach es bereits Wochen vorher einen Ausbruch von Rindern gegeben habe, stellte Burghard K. fest, dass dies nicht stimme. Die Tiere hätten die Koppel verlassen können, weil damals von außen der Weidezaun beschädigt worden sei. Warum, blieb offen. „Es war damit kein Ausbruch, sondern ein Einbruch“, betonte Verteidiger Gerhard Korth. Diesen Fakt habe das Amtsgericht Torgau so nicht gewürdigt. Richter Gicklhorn bemerkte dazu, dass die Beschuldigten bei ihrer Aussage gegenüber dem Gutachter zudem nicht ausreichend belehrt worden seien und deshalb diese Information im Verfahren nicht verwertet werden könne.

Gutachter kam drei Wochen später

Der Richter bedauerte auch, dass die vor Ort gemachten Fotoaufnahmen erst am Abend danach entstanden und zudem wenig aussagefähig waren. Als Vorwurf an die Polizei wollte er dies jedoch nicht verstanden wissen. Die Lage sei schwierig gewesen. Es ließe sich zum Beispiel nicht zweifellos klären, wo die Kühe den Zaun durchbrochen haben. Dazu konnte offenbar auch der Gutachter wenig Erhellendes beitragen. Der hatte erst fast drei Wochen später die Koppel und die Zaunanlage in Augenschein genommen. In der Zwischenzeit seien aber Sicherungsmaßnahmen durch den Betrieb vorgenommen worden, um die Weidehaltung fortführen zu können. Auf der betroffenen Koppel waren zum Zeitpunkt des Gutachter-Besuchs auch keine Tiere mehr, vermutlich deshalb war auch die Zaunanlage abgerüstet worden. Doch das sei nicht berücksichtigt worden, kritisierte die Verteidigung. Der Vorsitzende Richter stellte daraufhin fest, dass keiner den Zustand des Zaunes nach dem Ausbruch tatsächlich und unmittelbar in Augenschein genommen habe.

Stand der Technik

Die Verteidigung konnte nun offenbar glaubhaft vermitteln, dass die Elektrozaunanlage dem Stand der Technik mit 60-jähriger Erfahrung entsprach und auch der Aufbau vorschriftsgemäß erfolgt sei. Der Gutachter war dagegen in seiner Einschätzung davon ausgegangen, dass nur ein stromführender Draht gespannt gewesen sei und damit gegen die Vorschrift verstoßen worden sei. Darauf hatte sich das Amtsgericht Torgau offenbar gestützt und die Haftungsfrage den beiden Angeklagten zugewiesen. Auf die Frage Gicklhorns, ob die Angeklagten alles richtig gemacht hätten, wenn der Zaun aus zwei Drähten bestanden hätte, erklärte der Gutachter nun: „Ja, das hätten sie, aber wir wissen es ja nicht.“

Mehr wollte der Richter dazu nicht mehr hören und bot ein Rechtsgespräch mit allen beteiligten Seiten an. Nach gut einer halben Stunde war man sich einig. Das Verfahren wird gegen Zahlung einer Geldauflage zugunsten der Deutschen Kinderhilfe eingestellt. „Dies ist kein sicherer Freispruch“, betonte Richter Bernd Gicklborn. Es bestünde immer noch ein hinreichender Tatverdacht. Aber die Schwere der Schuld der Angeklagten rechtfertige dennoch eine Einstellung. Zudem sei keiner vorbestraft. „Es gibt nur die Einlassung der Angeklagten, sie habe einen funktionierenden Zaun mit zwei Drähten geprüft. Wir können es nicht widerlegen.“ Es könne zudem nicht ausgeschlossen werden, dass es auch andere Ursachen für den plötzlichen Ausbruch der Tiere gegeben hat. „Einen Wolfsangriff zum Beispiel“, mutmaßte der Richter. „Wir wissen es nicht.“

Nicht vorbestraft

Das Verfahren wird endgültig eingestellt, wenn die Geldauflage von 4000 beziehungsweise 2000 Euro gezahlt ist. Eine gewisse Erleichterung war zu spüren. Wäre das Urteil des Amtsgerichtes Torgau rechtskräftig geworden, wären Burghard K. und Karin C. vorbestraft gewesen. Das ist nun vom Tisch.

Von Diemo Wolf

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