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Eilenburg Die Bienen-Retterin aus Nordsachsen
Region Eilenburg

Uta Strenger - die Bienen-Retterin aus Nordsachsen

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11:12 08.10.2021
Im Garten von Uta Strenger geht es naturnah zu.
Im Garten von Uta Strenger geht es naturnah zu. Quelle: Kristin Engel
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Nordsachsen

Die einen nennen es einen „unordentlichen Garten“. Andere sehen hier ein Paradies für Insekten. Für manche sind Schnecken Schädlinge, die das mühevoll gezogene Gemüse zerstören. Andere sehen in ihnen tolle Fotomotive mit Charakter und schätzen deren Leben. Während viele Menschen darauf achten, dass ihr Rasen nur eine gewisse Höhe erreicht, bevor der Rasenmäher wieder zum Einsatz kommt, benutzen andere diesen nur, um kleine Wege in das hohe Gras zu mähen. Damit es die Igel einfacher haben, von Ort zu Ort zu wandern.

Nicht jeder Nachbar versteht sie

Uta Strenger gehört zur zweiten Kategorie – was Leute in ihrer Umgebung nicht immer verstehen. Das findet sie sehr schade. „Viele Menschen sehen nicht, wie viel Leben und Schönheit in einem wilden oder wilderen Garten steckt. In einem wilden Garten entstehen kleine Universen voller Leben aus Mikroben, Insekten, Pilzen, Flechten.“ Für Uta Strenger stehen Natur und Tiere an erster Stelle. Danach hat sie ihr ganzes Leben ausgerichtet. So wird sie es auch künftig fortsetzen. Und auch ihre Nachbarn werden sich vielleicht hier und da ein paar Anregungen holen.

„Ich bin schon seit vielen Jahren die ‚Ökotante‘“, gibt Uta Strenger mit einem Schulterzucken zu. Seit April dieses Jahres lebt sie nun in Dahlenberg, einem Ortsteil von Trossin in Nordsachsen, und auch hier hat man bereits gemerkt, dass die 55-Jährige einen ganz anderen Wert auf verschiedene Dinge legt. Sie wollte mit ihrem Umzug ein Stück weit zurück in die Natur. Und das ist ihr gelungen. Auch wenn ihr hier ein paar Dinge fehlen. So wie zum Beispiel ein „Unverpackt“-Laden, wie es ihn in Leipzig gibt. Hier bekommen die Besucher ihre Lebensmittel ohne Verpackung – ganz im Sinne der Umwelt.

Kein Tier mehr auf dem Teller

Uta Strenger selbst ernährt sich vegetarisch. Seit 1999, denn damals war es an der Zeit, ihr geliebtes altes Pferd gehen zu lassen, damit es sich nicht weiter quält. Doch in dieser Zeit war es untypisch, einen Tierarzt zu rufen, der das Tier einschläfert. Früher hieß es „ab zum Schlachter“. Für sie schon damals ein furchtbarer Gedanke. So schaute sie sich die Situation vor Ort an. Sah, wie sie selbst sagt, das Leid, die Furcht, die Qual. So stand für sie fest, dass ihr Pferd nicht so sterben solle. Und seitdem kommt kein Tier mehr bei ihr auf den Teller.

Uta Strenger bei einer Mahnwache auf dem Leuschner-Platz in Leipzig. Quelle: Kristin Engel

Ursprünglich stammt Uta Strenger aus Nordrhein-Westfalen. Im Mai vor vier Jahren zog sie nach Eilenburg. Das hatte zwei Gründe. Zum einen, weil ihr Lebensgefährte von hier stammt. Zum anderen, weil er ihr die Natur in und um Eilenburg zeigte – das Wehr, den Bürgergarten –, und so den Grundstein für eine gemeinsame Zukunft legte. „Nordsachsen war eigentlich gar nicht geplant. Meine Tochter studierte in Leipzig. Und ich arbeite in Leipzig als Fachinformatikerin für Systemintegration“, erklärt die Dahlenbergerin.

„Viele Bäume plattgemacht“

In Eilenburg war sie glücklich. Zunächst. Doch „es wurden in Eilenburg so viele Bäume plattgemacht. Das änderte meine ständige Anwesenheit im Stadtrat leider auch nicht. Überall gab es Berge von Müll. So war ich bald als ‚Müllfrau‘ bekannt, weil ich in der Innenstadt den Müll einsammelte.“ Einmal gab es sogar eine große Aktion, bei der um die 50 Leute mit anpackten, um die Stadt von Müll zu befreien. Baumpflanzaktionen wurden von ihr organisiert. Doch als sie gesehen habe, wie große gesunde Bäume zerstört worden seien, habe sie den Mut verloren. Erst ihre Tochter spornte sie wieder an.

Eine Petition schlägt große Wellen

Dabei schreckt Uta Strenger nicht vor großen Projekten im Sinne des Natur- und Tierschutzes zurück. So groß, dass Organisationen wie BUND und Nabu mit ihr zusammenarbeiten wollten. Alles begann mit ihrer täglichen Mittagspause auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig. Sie suchte einen Ort, an dem sie ungestört ihr Lunchpaket essen konnte. „Hier merkte ich schnell, wie schön es um mich herum summte und brummte. Und das nicht durch den Lärm der Straße, sondern durch die Bienen und Insekten, die hier ihre Heimat haben“, so die 55-Jährige. Was für einige Leipziger ein „abgrundtief hässlicher Schandfleck“ ist, erkannte sie als wichtiges Biotop. Hier gab es Nachtigallen und 28 weitere Vogelarten. Dass dies einfach verschwinden sollte, wollte sie verhindern und startete ganz unerfahren und „naiv“ eine Petition „Rettet die Bienen in Sachsen“. Dabei betont sie, dass die „Biene“ hier als Überbegriff für sämtliche Insektenarten steht. Nicht die Honigbiene, sondern vielmehr die Wildbienenarten stehen hier ebenso im Fokus.

Die Petition schlug solche Wellen, dass sie mehr in Gang setzte, als es anderen zuvor gelungen war. Drei Jahre dauert inzwischen dieser Kampf, den sie neben weiteren „Großprojekten“ führt.

Herzensangelegenheit

Oder sollte man hier lieber von „Herzensangelegenheit“ sprechen? Denn das ist es für sie und andere, die sich seit Jahren beispielsweise gemeinsam für die Rettung des Natur- und Klettergebietes im ehemaligen Steinbruch Holzberg südöstlich von Eilenburg einsetzen. Bereits 2018 hatten 25 Böhlitzer die Bürgerinitiative gegründet. Diese soll die geplante Verfüllung der über 40 Meter hohen Felswände verhindern. „Hierbei handelt es sich um eine einmalige Gesteinsformation in Mitteldeutschland. Sie ist ein besonderer Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Doch der Eigentümer will dies alles zerstören und lässt sich auf keine Kompromisse und Alternativen ein.“ Doch nun hoffen die Engagierten, dass endlich eine gute Lösung gefunden werden kann, den Steinbruch Holzberg vor der Befüllung zu bewahren.

Und auch ein nächstes Projekt, eine weitere Herzensangelegenheit, ist gerade dabei, sich zu entwickeln ... Somit steht für die Dahlenbergerin noch einiges bevor, wo sie ihr ganzes Herzblut reinsteckt. Und bei ihr beginnt Naturschutz nicht nur bei Petitionen und Bürgerinitiativen. Für sie geht es vor der Haustür los.

Von Kristin Engel