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Geithain Anwältin Huhn: „Das war nicht ungesetzlich“
Region Geithain Anwältin Huhn: „Das war nicht ungesetzlich“
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09:00 23.05.2019
Rechtsanwältin Martina Huhn praktiziert seit 1978 in Bad Lausick, seit der Wende in der Kanzlei Huhn & Schallock. Quelle: Jens Paul Taubert
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Bad Lausick

Dass sich das System DDR nicht mehr lange würde halten können, für Martina Huhn lag das im Sommer 1989 auf der Hand. Dass die Rechtsanwältin aus Bad Lausick nach der Kommunalwahl im Mai eine Gruppe junger Leipziger unterstützte, Strafanzeige wegen Wahlfälschung zu stellen, betrachtet die heute 66-Jährige im Abstand von drei Jahrzehnten nicht als eine große Tat.

„Wir waren uns alle im Klaren, dass es Probleme geben könnte. Doch was wir taten, war nicht ungesetzlich“, blickt Huhn, die in der Kurstadt seit 41 Jahren ihre Kanzlei betreibt, zurück: „Angst hatte ich seltsamer Weise nicht. Eher dachte ich: Das wird ausgehen wie das Hornberger Schießen“ – ohne zählbares Ergebnis.

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Zwischen Bundessynode und Gerichtssaal

In der Bundessynode, dem Parlament der Evangelischen Kirche in der DDR, war Martina Huhn aktiv. Gleichzeitig praktizierte sie als Rechtsanwältin, widmete sich Scheidungen, Zivilsachen, verteidigte mitunter Mandanten bei Strafprozessen. Was als Widerspruch, mindestens aber als ein Spagat wirkt, war für die in einem christlich wie humanistisch geprägten Elternhaus in Hopfgarten Aufgewachsene keiner.

„Ich war nicht sehr ängstlich. In meinem Elternhaus wurde sehr offen geredet“, erinnert sie sich. „Ich konnte den Mund nicht halten. Das war weniger politisch, aber wenn ich etwas ungerecht fand, musste ich mich reinhängen.“

Distanz halten zum politischen System und dennoch offen sein, auf Eigenem bestehen, ohne in Gegnerschaft zu treten – nach dieser Maxime absolvierte sie trotz Bürgerlichkeit die Erweiterte Oberschule in Windischleuba: „Die Zensuren waren so, dass ich beinahe alles hätte studieren können.“ Naturwissenschaften aber reizten sie nicht, und Lehrer zu werden, verbot sich. Jura dagegen nicht. Vor dem Studium an der Berliner Humboldt-Uni ab 1973, das erst mit 20 möglich war, standen zwei Jahre Praktikum am Kreisgericht Borna: „Da habe ich gelernt, wie’s praktisch in der Juristerei zugeht.“

Scheidungen, aber auch gescheiterte Fluchten

Dass sie nach dem Diplom weder Richterin noch Staatsanwältin sein wollte, sei für sie klar gewesen, sagt Martina Huhn: Anwältin war der Wunsch: „Als ich im Kollegium der Rechtsanwälte im Bezirk Leipzig anfing, waren viele schon jenseits der 70.“ Die Mittzwanzigerin war da höchst willkommen. Sie besetzte die verwaiste Bad Lausicker Praxis am Markt 1978 neu; die Nähe zum Gericht des Kreises Geithain wenige Straßen weiter war nützlich, aber nicht entscheidend.

Anders als mancher annehme oder unterstelle, sei die juristische Vertretung von Menschen nicht politisch beeinflusst gewesen, so Huhn. Sie habe auch einige verteidigt, deren Republikflucht misslang. Und die Klienten kamen aus dem ganzen Süd-Leipziger Raum bis zum Erzgebirge.

„Ab Mitte der 80er-Jahre kamen mehr, die beraten werden wollten wegen ihre Ausreise. Das waren in zunehmendem Maß Leute, die keine politischen Gründe hatten. Die waren frustriert“, sagt die Anwältin. Das zu tun, habe es im Kollegium warnende Stimmen gegeben. Sie, die während der Entbindung ihrer Tochter im Bornaer Krankenhaus Gorbatschow las, habe das nicht beeindruckt: „Wie viele andere habe ich mir Gedanken gemacht, was hier kommt. Aber mir war klar, die Weichen werden woanders gestellt.“

Keine Furcht, Strafanzeige zu stellen

Nach der Kommunalwahl 1989, deren Ergebnisse vielerorts gefälscht wurden – wie konzentrierte Nachzählungen nicht nur in den Wahllokalen in Leipzig, sondern DDR-weit dokumentierten – , ersuchte eine Gruppe Leipziger Martina Huhn um anwaltliche Unterstützung. An Details erinnere sie sich nicht mehr, sagt sie. Aber: „Sie waren entschlossen, eine Anzeige zu machen.

Da hab ich mein Strafgesetzbuch rausgenommen, und wir haben zusammen nachgelesen – auch die Kommentierungen. Die Sache war klar.“ Huhn stellte bei der Staatsanwaltschaft Leipzig Strafanzeige. Die blieb erst einmal ohne Wirkung – doch die Ereignisse des Herbstes `89 sorgten bald dafür, dass zumindest drei der Fälschung Angeklagte verurteilt wurden.

Von Ekkehard Schulreich