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Geithain Christusfigur von Oberhainer Grab gestohlen
Region Geithain Christusfigur von Oberhainer Grab gestohlen
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11:07 28.06.2019
Irmgard Nitsche mit ihren Töchtern Constanze (links) und Ulrike (rechts) unter den Rosen, die sie vor einem halben Jahrhundert setzte. Quelle: Ekkehard Schulreich
Penig/Langenleuba-Oberhain

Ehe sie ihr achtes Lebensjahrzehnt vollenden konnte, musste Irmgard Nitsche einen ganz schweren Schlag verkraften: Ihr Mann Max – ein Urgestein Langenleuba-Oberhains und Schulkamerad von Leipzigs Nikolaikirchen-Pfarrer Christian Führer – starb.

Als wäre das nicht genug, wurde die Grabstätte der Familie auf dem Oberhainer Friedhof – neben der der Führers – kurz vor dem ersten Jahresgedenken jetzt von Kriminellen heimgesucht. Sie stahlen die gut einen Meter hohe Christus-Statue aus Bronze, die hier weit länger als ein Jahrhundert stand.

Die Statue auf dem Grab von Max Nitsche. Sie wurde Ende Mai gestohlen. Quelle: privat

Ur-Oberhainer Max Nitsche kannten alle

„Mein Mann hatte eine Art an sich, dass ihn alle mochten“, sagt Irmgard Nitsche. Wenn die hellwache Frau, die in Ostpreußen geboren wurde und die als sechsjähriges Mädchen mit Mutter und Schwester auf einem Treck flüchten musste, über sich erzählt, spricht sie auch über ihren Mann.

Er war ein Ur-Oberhainer, dessen Vorfahren über Generationen hier Bauern waren und in dessen Fußstapfen er konsequenterweise trat. Großbauern-Sohn er, Flüchtlingskind sie. Gegensätzliche Lebensentwürfe, die in einem mündeten. Überbordend blühend, schmückt ein Rosenstrauch den Giebel des Wohnhauses; Irmgard pflanzte ihn, als sie 1964 ihrem Mann in den Vierseitenhof folgte und selbst Wurzeln schlug.

Irmgard und Max Nitsche. Quelle: privat

Irmgard schreibt an gegen das Vergessen

In den vergangenen Jahren begann sie, Episoden ihres Lebens aufzuschreiben. Um festzuhalten, was sie, was die heute Alten prägte, wie das Leben sich änderte, das Dorf, die Zeit. Da war die erste Friedensweihnacht nach Krieg und Heimatverlust. Die Sechsjährige war bei einer Tante in der Altmark untergekommen, eine schmale Kammer mit Mutter und Schwester, immerhin ein Dach. Ein durchgefrorenes Mädchen, in Berlin ausgebombt, das nach Weihnachten um Quartier bat, wurde gegen den Willen der Tante von der Mutter hereingeholt.

Der Dank: drei Äpfel, ein Herzensgeschenk. Was die Tante mitnichten begriff und in stillem Triumph einen Korb Früchte auf den Tisch stellte: „Das Mädchen weinte bitterlich. Das habe ich nie vergessen.“ Manchmal liest Irmtraud Nitsche solche Texte vor, bei den Landfrauen Zur Sonneninsel, in deren Vorstand Tochter Ulrike mitarbeitet. Dann ist es still, und auch Kinder hören ihr konzentriert zu.

Rad war erlaubt, wenn die Kuh gemolken war

Erzählen, was war, was wurde. Gerade noch fünf war Irmgard zur Einschulung. Nach Wochen die Flucht, „im Hinterkopf die Worte meines Vaters: Macht, dass ihr in die Altmark kommt. Wir verlieren den Krieg.“ Das Aufwachsen in der Fremde, die allmählich vertraut wird. Zu Fuß zur Schule ins Nachbardorf. „Die Enkel fragen ungläubig: Omi, warum hat dich keiner hingefahren?!“ Fahren? Auto?

Das Rad durfte sie nehmen, wenn sie die Kuh gemolken hatte. Nach der Schule kam sie in die Verwaltung einer kleinen Stadt, war Instrukteurin des Bürgermeisters, nahe dran an den Umbrüchen, die sich in den Fünfzigern vollzogen auf dem Land. Ihren Max lernte sie auf dem Tanzsaal in Salzwedel kennen, als der seinen Wehrdienst ableistete.

Die erste Tochter Constanze war geboren, als das Paar nach Oberhain kam. Ulrike und Sohn Rüdiger folgten hier. Während Max nach dem Eintritt in die Genossenschaft die große Landtechnik fuhr, kümmerte sich Irmgard um die Ferkelaufzucht, die im Hof der Familie untergebracht war.

Dass sie keine Stadtpflanze war, sondern eine Bauerntochter, davon konnte sie ihren Schwiegervater überzeugen, als sie die Kuh, die auf dem Hof geblieben war, professionell melkte: „Da war der Knoten gerissen.“ Später machte sie im Abendstudium ihren Agraringenieur. Nach der Wende verzichteten Nitsches, ihr Eigentum aus der Genossenschaft herauszulösen und als Wiedereinrichter zu beginnen; sie blieben bis zur Rente im neu gegründeten Unternehmen.

Ellenlanges Dorf belebt sich neu

„Unser Dorf ist so lang, sieben Kilometer. Da ist es schwer, zu allen Kontakt zu halten“, sagt die Irmgard Nitsche, im Unterdorf nahe der Grenze zu Thüringen zu Hause ist. Der Großvater ihres Mannes stammte aus dem so genannten Grenzgut: „In Sachsen wurde der Kaffee gekocht, in Thüringen getrunken – so sagte man es damals dort.“ Das Lebensnotwendige kauft sie heute in Niederhain ein; der Oberhainer Konsum schloss nach der Wende, nur der Bäcker blieb.

Gingen damals viele fort, kämen sie heute zurück. Die Zahl der Kinder steige wieder, die Gemeinschaft finde sich neu, sagt sie, und kann diese Entwicklung an ihrer Familie ablesen: drei Kinder, sieben Enkel, drei Urenkel. „Die Menschen rücken wieder zusammen. Die Dorfgemeinschaft ist wieder wichtig.“

Familie sucht Hinweise zu gestohlener Figur

Als Max Nitsche Anfang Juli 2018 beerdigt wurde, nahmen so viele Anteil wie selten. „Das zu sehen und zu spüren, tat gut“, sagt sie. Umso bitterer sei, dass sich Unbekannte an der Grabstätte vergriffen. Die von einem Künstler gestaltete Figur wurde zwischen 24. und 25. Mai gestohlen. Die Familie erstattete Anzeige. Nachforschungen blieben bisher ohne Ergebnis. Irmgard Nitsche muss annehmen, dass Metalldiebe die Skulptur verhökerten, dass sie unwiederbringlich verloren ist. Trotzdem hofft sie noch, dass sie gefunden wird. Hinweise bitte an die Familie (Telefon 0173/3566547).

Von Ekkehard Schulreich

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