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Geithain Grimmaer Ruderer in großer Sorge: Wo ist Sportfreund Kourosh?
Region Geithain

Grimmaer Ruderer in großer Sorge: Wo ist Sportfreund Kourosh?

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12:37 20.10.2020
Der Iraner Kourosh Masoumi, Vorstandsmitglied im Grimmaer Ruderverein, wird seit zehn Tagen vermisst. Quelle: privat
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Grimma/Colditz/Bad Lausick

„Wir machen uns größte Sorgen um Kourosh!“ Sepp Hoffmann funkt SOS. Er gehe davon aus, dass sein Vereinsfreund irgendwo festgehalten werde oder gar Schlimmeres passiert sein könnte. Seit dem 10. Oktober ist bei den Grimmaer Ruderern nichts mehr wie zuvor. Vorstandskollege Kourosh Masoumi ist spurlos verschwunden. Mehrmaliges Sturmklingeln an seiner Bad Lausicker Wohnungstür sowie beharrliche Versuche, ihn über Handy zu erreichen – alles schlug fehl.

Als der Iraner am Montag nicht auf Arbeit erschien, platzte Hoffmann der Geduldsfaden. Er schaltete die Polizei ein und gab eine Vermisstenanzeige auf. „Am vergangenen Wochenende wollten wir Kourosh vereinsintern noch auszeichnen“, sagt Sepp Hoffmann, der zweite Vorsitzende. Daher unternahmen wir seit Mittwoch alles, ihn ans Telefon zu bekommen und ihm zu sagen, dass er mit dem Auto nach Grimma mitgenommen werde. Vergebens.

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Ungewöhnlich: Kourosh Masoumi fehlte unentschuldigt

In der Woche ab dem 12. Oktober hatte Masoumi wohlverdienten Urlaub. Diesen wollte der 23-Jährige nach Angaben seines Ausbilders zu Hause in Bad Lausick verbringen. Seine einwöchigen Ferien wären lediglich am Donnerstag von einer Schuleinheit beim Bildungs- und Sozialwerk Muldental (BSW) unterbrochen worden. Zu diesem Termin sei er aber nicht erschienen. „Ungewöhnlich für einen so zuverlässigen Menschen wie Kourosh“, ahnte Hoffmann schon zu diesem Zeitpunkt nichts Gutes.

In seiner Freizeit arbeitete Kourosh Masoumi bis zu seinem Verschwinden als Rudertrainer in Grimma. Quelle: privat

Im Normalfall hätte sich der Ruderer doch entschuldigt, ist auch Detlef Rohde sicher. Rohde, selbst Vereinsmitglied in Grimma, der nur ein paar Häuser weiter wohnt, erkundigte sich sogar bei der Nachbarin des Vereinsfreundes: „Auch die teilte uns mit, dass sie Kourosh seit mindestens einer Woche nicht mehr gesehen habe, was sie verwundere, da er immer mit ihr über sein Leben und seine Ausbildung gesprochen habe“, so Rohde.

Iraner kam als Minderjähriger nach Tanndorf

Masoumi kam 2016 nach Deutschland. Er wohnte in der Unterkunft für unbegleitete Minderjährige in Tanndorf bei Colditz. Betrieben wird das Haus vom BSW. Dessen Geschäftsführer Christian Kamprad beschreibt ihn als hilfsbereiten und freundlichen jungen Menschen: „Wir waren schon damals guter Hoffnung, dass es einer ist, der es schaffen könnte ...“ Bis zuletzt büffelte er mit Kollegen des BSW deutsche Vokabeln, die er für seine Tischlerlehre braucht. Noch in diesem Jahr soll seine Prüfung sein.

Als er das Tanndorfer Heim verlassen durfte, ging Masoumi nach Grimma und wurde Mitglied im dortigen Ruderverein. Er sitzt nicht nur mit im Boot, sondern engagiert sich darüber hinaus als Trainer im Nachwuchsbereich. Daher hat er in seiner Freizeit eine entsprechende Qualifizierung begonnen, an deren Ende die C-Lizenz für Übungsleiter stehen soll. René Schober vom Kreissportbund in Naunhof kann das bestätigen: „Ich weiß, dass er sich wunderbar integriert hat.“

Viel Lob von den Vereinskollegen

Hubertus von Below, Präsident der Grimmaer Ruderer, schwärmt in den höchsten Tönen von dem jungen Iraner: „An den Wochenenden steht er immer schon beizeiten am Bootshaus, teilt die Besatzungen ein und nimmt die Sicherheitsbelehrungen der jungen Leute vor. Er ist mir eine Riesen-Unterstützung.“ Von Below ist wie alle anderen Mitglieder in höchstem Maße besorgt: „Kourosh war am Vormittag jenes besagten 10. Oktober noch beim Training, meldete sich dann aber nach Leipzig ab.“

Seitdem gibt es von Masoumi kein Lebenszeichen mehr. Ob er wie so häufig in ein dortiges Fitnessstudio wollte, sei reine Spekulation und auch nicht wirklich wichtig, sagen die Ruderer. Sie beunruhigt viel mehr, dass sich ihr Kamerad nicht meldet: „Wenn er mal nicht zu erreichen war, hatte er immer nach spätestens zwei Stunden zurück gerufen“, sagt Detlef Rohde. Und er sagt noch etwas: „Kourosh wurde schon mehrfach Opfer von Gewalt.“

„Freunde vermuten ein Ablenkungsmanöver“

Nach LVZ-Recherchen ging am Montag dieser Woche ein Anruf beim Arbeitgeber des Iraners in Bad Lausick ein. Ein unbekannter Mann habe sich gemeldet und mitgeteilt, dass Masoumi in Nürnberg sei und seine Papiere verloren habe. Er würde um Urlaub für eine Woche bitten. Diese Nachricht verunsichert Freunde und Bekannte des jungen Mannes nur noch mehr. Sie vermuten ein Ablenkungsmanöver: „Kourosh würde nie so eine Aktion starten, sondern sich immer persönlich melden, wenn er Probleme hat.“

Sandra Freitag von der Polizei in Leipzig bestätigte auf LVZ-Nachfrage, dass eine Vermisstenanzeige eingegangen sei. „Grundsätzlich können sich Erwachsene aufhalten, wo sie wollen, müssen sich nicht abmelden. Wenn aber Hinweise auf mögliche Gefahren für Leib und Leben dazu kommen, schreiben wir die Person zur Fahndung aus und nehmen die Ermittlungen auf. So auch in diesem Fall.“

Von Haig Latchinian