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Geithain Heimvolkshochschule Kohren-Sahlis feiert 20. Geburtstag
Region Geithain Heimvolkshochschule Kohren-Sahlis feiert 20. Geburtstag
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07:00 17.11.2018
Die Kindersingwoche des Kirchenchorwerks der evangelischen Landeskirche Sachsen gehört zum Profil der Kohren-Sahliser Bildungsstätte. Quelle: Andreas Döring
Frohburg/Kohren-Sahlis

 Um dem Rüstzeitheim in Kohren-Sahlis eine Zukunft zu geben, gründete sich vor einem Vierteljahrhundert ein Verein. Er legte den Grundstein für Sachsens erste – und unter diesem Namen bis heute einzige – Evangelische Heimvolkshochschule.

Die öffnete 1998 und hat sich seither als weithin ausstrahlende Bildungsstätte etabliert. Das Jubiläum feiert sie mit einer Fachtagung am 20. und 21. November. Deren Thema ist programmatisch für vieles, woran man seit zwei Jahrzehnten in Kohren-Sahlis arbeitet: „Die Dorfkirchen in Sachsen – Geschichte und Gegenwart einer lebendigen Institution“.

Dirk Mütze leitet die Evangelische Heimvolkshochschule. Quelle: privat

„Was man damals belächelt hat, ist längst in vieler Munde“, sagt Dirk Martin Mütze (42), seit 2013 Studienleiter der Heimvolkshochschule. Er meint die Formel „Den ländlichen Raum stärken“, die inzwischen zum Standardvokabular der Politik nicht nur im Freistaat gehört. Der Religionspädagoge und promovierte Landesgeschichtler ist zugleich Vorsitzender des Landeskuratoriums Ländlicher Raum. Der Entscheidung der Enthusiasten von damals, für das Rüstzeitheim eine neue Zukunft zu suchen, sei richtig gewesen.

Wurzeln der Heimvolkshochschulen liegen in Dänemark

Heimvolkshochschulen haben ihre Wurzeln in Dänemark. Pfarrer Severin Grundtvig begründete sie im 19. Jahrhundert. „Bauern wurden hier über den Winter geschult, nicht nur im Lesen und Schreiben. Es ging um eine Rundum-Bildung“, sagt Mütze. Das Beispiel habe später vor allem im Norden und Nordwesten Deutschlands Nachfolger gefunden. Mach der Wiedervereinigung wurden solche Schulen auch in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt gegründet.

Mitte der neunziger Jahre wurde das Ensemble des Pfarrhofs Stück für Stück saniert und umgebaut.

Das historische Ensemble des Kohren-Sahliser Pfarrhofs mit der Linde in der Mitte und der Kirche St. Gangolf in Nachbarschaft beherbergte seit 1951 ein Rüstzeitheim. Es wurde bis 1995 betrieben. Zu jenen, die damals den Verein Familien- und Erwachsenenbildungsstätte Kohren-Sahlis gründeten und unterstützten, zählten Martina Huhn aus Hopfgarten, der damalige Pfarrer Joachim Heinig, Superintendent Ekkehard Vollbach und Arnold Liebers, seinerzeit Vorsitzender des Landeskuratoriums. „Wir haben uns peu a peu Verbündete gesucht und sie gefunden“, erinnert sich Liebers, später Pfarrer in Bad Lausick, heute Superintendent in Leisnig-Oschatz.

Scheuen des Heims in Kohren zum Tagungshaus umgebaut

Die Sanierung des Heims samt Übernachtungsmöglichkeiten und der Umbau der Scheune zum Tagungshaus wurde nicht nur durch die Landeskirche, sondern auch dank Förderung des Freistaats ermöglicht. Liebers: „Eine ausgezeichnete Sache. Bildung ist das A und O, um Menschen vor extremen politischen Richtungen zu bewahren.“ Erster Leiter war Markus Helbig, heute Pfarrer des Kirchspiels Geithainer Land.

Kommentar: Kohrener Anstöße für das Land

Die Politik entdeckt das Land. Das Ländliche stärken – mehr Floskel denn Programm scheint diese Redensart, die Politiker seit ein paar Jahren so gern im Mund führen. Das, was sie als Wert neu entdecken und verkaufen, wird in vielen sächsischen Dörfern, in den kleinen Städten seit jeher hochgehalten und gelebt. Die Evangelische Heimvolkshochschule Kohren-Sahlis setzte auf dieses Bodenständige, über das Jahrhunderte Bewährte und Geschätzte schon zu Zeiten, da – bedingt durch die Umbrüche nach der Wende – die Landes- und Landflucht bedrohliche Ausmaße annahm.

Heute belächelt dieses Engagement keiner mehr. Das Nicht-Städtische, Ursprünglichere übt einen Reiz aus. Zurück zu den Wurzeln, in heile Welten! So eindimensional ist die Sache freilich nicht. Die Dörfer sind nicht mehr, was sie vor ein paar Jahrzehnten waren. Die Kirche unterliegt gleichfalls einem Wandlungsprozess. Die viel gebrauchte Redensart von der Kirche, die man doch bitte im Dorf lassen möge, meint die Institution Kirche, weist aber über das Glaubensbekenntnis hinaus.

Heimat ist mehr als ein dumpfes Gefühl oder eine blümerante Regung. Verwurzelung gründet auch auf Wissen, auf Erfahrung, auf Gemeinschaft. Die Kohrener Bildungseinrichtung ist ein etablierter Ort, um Menschen zusammenzuführen, um Tradiertes zu bewahren, um Horizonte zu weiten. Eine solche Institution zu haben, ist von hohem Wert gerade in Zeiten, da die Gesellschaft auseinanderdriftet, die Mitte, der auf humanistischer Bildung beruhende Konsens brüchig zu werden droht. Sie noch enger mit vielen Partnern zu vernetzen, die dieses Grundverständnis teilen, ist das Gebot.

e.schulreich@lvz.de

„Wenn ich die Bedingungen mit denen vergleiche, die ich vor über 30 Jahren hier fand, als wir noch in der Scheune schliefen – da möchte ich noch mal jung sein“, hatte Martina Huhn 1998 zur Einweihung gesagt. Sie stand dem Verein vor, der bis 2012 als Träger fungierte. Dann wechselte das Haus in die Verantwortung der Diakonie Leipziger Land.

Heim betreibt Lobby-Arbeit fürs Ländliche

Lektorentage für Ehrenamtliche und Workshops zu diversen Themen, Fachtage für Ortschronisten und Heimatforscher aus ganz Sachsen und dem nahen Thüringen, Wochenenden für Großeltern und Enkel, eine Schreibwerkstatt mit Christoph Kuhn, Vorträge, Ausstellungen – „unser Themenspektrum ist weit. Was wir hier tun, verstehen wir auch als Lobby-Arbeit fürs Ländliche“, sagt Dirk Mütze. Menschen zusammenführen, dazu tragen ebenso die Michaelismärkte bei. Dass der Agrarhistorische Arbeitskreis hier eine Heimstatt fand, passt. Nicht zu vergessen: Angebote für Kinder und Jugendliche.

Erntesträuße werden gebunden beim Michaelismarkt, der zum dritten Mal stattfand. Quelle: Julia Tonne

„Im Zuge der Strukturreform, die die Landeskirche derzeit erfährt, ist der Austausch, wie wir ihn in Kohren-Sahlis anbieten, besonders wichtig“, ist Mütze überzeugt. Es gehe darum, Erfahrungen und Kräfte zu bündeln und neue Impulse zu geben. Ein solcher ist die Ausbildung von Kirchenkuratoren für den Leipziger Raum – für Menschen in den Dörfern, die sich um die Kirchen vor Ort kümmern, sie Besuchern zeigen, für den Erhalt der Substanz Sorge tragen.

Regelmäßig gibt es Ausstellungen – wie hier von Mitgliedern des Bornaer Fotoclubs Lux. Quelle: Thomas Kube

Eine feierliche Rückschau auf 20 Jahre Evangelisches Zentrum Ländlicher Raum / Heimvolkshochschule Kohren-Sahlis – um den offiziellen Begriff zu wählen – wird eingebettet in besagte Fachtagung, an deren Ende eine Podiumsdiskussion steht unter dem Motto „Wohin geht die Dorfkirche?“

Das Bildungs- und Veranstaltungsprogramm für das Wintersemester ist zu finden unter www.hvhs-kohren-sahlis.de.

Von Ekkehard Schulreich

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