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Geithain Heinz Pohl: Der letzte Stellmacher aus Gnandstein – mit 89
Region Geithain Heinz Pohl: Der letzte Stellmacher aus Gnandstein – mit 89
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08:00 12.07.2019
Der 89-jährige Stellmachermeister Heinz Pohl arbeitet bis heute gern in seiner Werkstatt. Hier steht er an der alten Radmaschine. Quelle: Claudia Carell
Gnandstein/Frohburg

Die solide alte Werkbank aus Holz mit den vielen Kerben steht gleich rechts am Eingang der Werkstatt. Heinz Pohl hat sie in den 1950er-Jahren für sich gebaut. Bis heute arbeitet er gern daran. Der 89-Jährige spannt einen Spatenstiel ein und bearbeitet ihn. Er will und kann von seinem Handwerk nicht lassen.

Entdeckt hat er es als kleiner Junge. Er wuchs in Nistitz in Schlesien auf. Seine Eltern arbeiteten als Bauern für das Rittergut. Ihr Nachbar war der Stellmacher des Dorfes. Dort verbrachte der kleine Heinz viel Zeit und baute so allerlei, vor allem im Winter, denn in der Werkstatt war es schön warm, erinnert er sich.

Lehre beim Meister in Schlesien

In der Schule stand irgendwann Berufsberatung an und dort wurde er gefragt, was er denn werden will. Ihm gefiel der Beruf des Stellmachers – also sagte er, den wolle er erlernen. Damals wurden die Lehrstellen zugewiesen, berichtet er. Kurze Zeit später fuhr er mit seinem Vater per Fahrrad zu seinem künftigen Meister in die 25 Kilometer entfernte Werkstatt und begann mit 14 Jahren dort zu lernen.

Allerdings nur ein knappes Jahr. Dann kam er mit Gleichaltrigen zur polnischen Grenze und baute Schützen- und Panzergräben, erzählt Pohl. Als er in sein Heimatdorf kurz vor Weihnachten 1944 zurück kehrte und wieder in der Werkstatt arbeitete, sagte sein Meister nach kurzer Zeit: „Bleib mal lieber zu Hause.“ Die Front rückte näher.

Nach der Flucht Job in der Zimmerei

Er weiß es noch genau, „am 27. Januar nachts um eins“ flüchtete ganz Nistitz gemeinsam, etwa 150 Leute. Am 4. März 1945 kamen sie in Jahnshain im Leipziger Land an und wurden kurz darauf verteilt, sagt der Schlesier. Dies sei eine schwere Zeit gewesen.

Arbeitskräfte wurden gebraucht. Er arbeitete zunächst in einer Zimmerei. Dann kam er zum Stellmacher-Obermeister Paul Jost, wo er seine Gesellenprüfung ablegen konnte. Er lernte damals umfassend sein Handwerk. Denn Jost arbeitete für die Firma Berger in Frohburg, wo komplette Kutschwagen hergestellt wurden.

Was ist ein Stellmacher?

Stellmacher ist eine andere Bezeichnung für Wagner, heute würde man Wagenbauer sagen. Stellmacher ist abgeleitet von dem Wort Gestell. Dieser Handwerker stellt Räder, Wagen und andere landwirtschaftliche Geräte aus Holz her.

Besonders wichtig waren Stellmacher beim Kutschenbau. Mit dem Aufkommen der Eisenbahn im späten 19. Jahrhundert waren sie auch als Waggonbauer begehrt. Ihre Kenntnisse benötigte man später zudem im Karosseriebau der Autohersteller. Seit der Einführung industrieller Fließbandfertigung sank die Bedeutung der Stellmacherei.

Heute gehört der Stellmacher zu den aussterbenden Berufen, führt aber in bestimmten handwerklich ausgerichteten Betrieben noch ein Nischendasein, so das Onlinelexikon Wikipedia.

Als Geselle begann er bei Walther Naumann in Gnandstein und beschloss, seinen Meister zu machen. Plötzlich und unerwartet starb sein Chef und der junge Mann sollte die Werkstatt übernehmen. Der Bürgermeister des Dorfes sagte: „Wir brauchen doch einen Stellmacher in Gnandstein.“ Für die Bauern mit all ihren Fuhrwerken war dies einer der wichtigsten Handwerker.

Polstermöbel als Alternative zur Genossenschaft

Doch bald schon änderte sich die Zeit. Genossenschaften wurden gegründet. Heinz Pohl sollte dort mitarbeiten. „Aber das wollte ich nicht“, sagt er. Eigenständig mit seiner Werkstatt wollte er bleiben. Ohne die Bauern als Hauptkunden war das schwierig. So sah er sich nach Alternativen um.

Damals baute er schon nebenbei Gestelle für Polstermöbel. Kanapees, wie es früher hieß. Auch Sessel und Klappcouches. Alles nach Maß. Mit der Zeit kam er immer besser ins Geschäft, arbeitete mit Polsterern zusammen und konnte damit seinen Lebensunterhalt verdienen. Bis zur Wende. „Dann war mit einmal Schluss“, sagt er. Denn die Leute kauften nun ihre Sessel in den neuen Möbelhäusern.

Stellmacher mit Leib und Seele: Heinz Pohl arbeitet seit mehr als 70 Jahren in seiner Werkstatt in Gnandstein. So sieht es dort aus – hier einige Fotos.

Wieder musste sich der Stellmacher, dessen Beruf offiziell schon gar nicht mehr existierte, neu umschauen. Es gab das Angebot, mit 60 in Rente zu gehen, „aber da hätte ich den Betrieb schließen müssen und das wollte ich nicht“.

Er sattelte nochmals um und baute fortan Haustüren. Wenn es sich ergab, reparierte er alte Kutschen, was immer ein „schöner Auftrag“ war. Denn dann konnte er wieder Räder bauen. „Das ist etwas Besonderes in unserem Handwerk“, sagt Heinz Pohl – die Königsdisziplin. Um die Speichen mit dem Hammer richtig einzuschlagen, dazu brauche man viel Übung und Erfahrung.

Noch heute Räder für neue Schubkarre selbst bauen

Bis heute tut er dies gern, zum Beispiel wenn er eine neue Schubkarre baut. Neulich besuchte ein Fremder seine Werkstatt, sah eine neue handgemachte Schubkarre stehen, fand sie schön und kaufte sie. Nicht um sie zu benutzen, sondern als Schmuckstück für den Garten.

Die Zeiten würden sich eben ändern und sein Beruf aussterben, sagt der Handwerker. „Ich bin der letzte Stellmacher hier. Der Wandel ist nicht aufzuhalten.“ Ja, manchmal sei er deshalb schon ein wenig wehmütig, sein Handwerk sei doch so schön, „aber das ist eben der Fortschritt“. Einige wenige Betriebe würden bis heute für Liebhaber noch Kutschen herstellen, aber die Räder werden dort seiner Meinung nach nicht mehr handgemacht, sondern mit Hilfe von Maschinen.

Heinz Pohl beim Bau eines Rades, der Königsdisziplin der Stellmacher. Quelle: Claudia Carell

Heinz Pohl sieht nicht aus wie 89, wenn er in seiner Werkstatt Stiele für Äxte und Spaten oder Sensenbäume fertigt. Bei den Sensen habe jeder Stellmacher „seinen Vogel“, erzählt er und lacht wie ein junger Mann. Es gehe um die Art der Krümmung beim Sensenbaum, erklärt er und streicht fast zärtlich über das Holz.

All diese Arbeiten seien für ihn bis heute eine Freude. „Entweder machts’s Spaß oder du musst aufhören“, meint er – und denkt nicht ans Aufhören. Vielleicht hält genau das ihn fit und froh.

Probleme des Handwerks

Traditionelles Handwerk verschwindet immer mehr, beklagen Handwerkskammern in Deutschland. Betroffen sind Berufsgruppen wie Buchbinder, Spielzeugbauer, Seiler, Kürschner, Schuhmacher oder Instrumentenbauer.

Handwerk sei lange von Importen und industrieller Fertigung verdrängt worden. Dadurch hätten traditionelle Handwerker ihren Betrieb eingestellt, nicht mehr ausgebildet oder keinen Nachfolger gefunden. Seit einigen Jahren jedoch werde die Qualität von Handgemachtem glücklicherweise wieder mehr wertgeschätzt und nachgefragt.

Viele Berufsbilder hätten sich auch gewandelt. Sie blühten vor allem durch neue Technologien wieder auf. Dazu zählten Gesundheitsberufe wie Optiker, Zahntechniker oder Orthopädietechniker.

Ein Problem vieler Handwerksbetriebe ist derzeit, Fachkräfte und Nachwuchs zu finden. Die Zahl der unbesetzten Lehrstellen ist auf Rekordhöhe.

Kaufleute für Büromanagement und Einzelhandel, Verkäufer, Mechatroniker - sie führen die Liste der beliebtesten Ausbildungsberufe in Deutschland an. Für das Handwerk ist das Interesse dagegen oft geringer.

Zudem wollen viele Jugendliche nach dem Abitur studieren. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass Eltern und Lehrer Jugendlichen eher dazu raten, einen möglichst hohen Schulabschluss zu erzielen als eine Ausbildung zu beginnen. „Könnte man Friseur studieren, wäre für viele die Welt bereits in Ordnung“, wird in der Studie eine Bildungsberaterin zitiert.

Von Claudia Carell

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