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Geithain Landwirte zweifeln Glyphosat-Studie der Grünen an – die Fakten liegen anders
Region Geithain Landwirte zweifeln Glyphosat-Studie der Grünen an – die Fakten liegen anders
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07:00 18.01.2017
Ein mit Glyphosat behandeltes Feld in Mittelsachsen.
Ein mit Glyphosat behandeltes Feld in Mittelsachsen. Quelle: privat
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Frohburg/Eschefeld

Dass das Wasser, das von den Feldern in die Fischteiche rinnt, unerwünschte Stoffe mit sich führt – für Udo Wolf ist das alles andere als eine neue Nachricht. Der Kleinbeuchaer Fischer, der unter anderem das Eschefelder Teichgebiet, die Rohrbacher Teiche, den Breiten Teich in Borna, den Flößberger Badeteich, den Dammteich in Ossa und ein paar andere Gewässer bewirtschaftet, hat seit Jahren schon vor allem mit der Belastung durch Nitrat und Nitrit zu tun. Dass auch das Pflanzenschutzmittel Glyphosat und dessen Abbauprodukte ins Wasser gelangen könnte, war für ihn bisher kein Thema. Die Studie der Grünen, die in Sachsen zahlreiche Gewässer untersuchen ließ und unter anderem im Großteich bei Frohburg fündig wurde, lässt ihn aufhorchen. „Es heißt ja immer, Glyphosat würde schnell abgebaut. Nachweisen könnten wir es gar nicht. So etwas machen Speziallabors“, sagt er. Er selbst messe ein-, zweimal pro Woche in allen Teichen Nitrat und Nitrit, den Sauerstoffgehalt, den pH-Wert. Dass die Grünen im Großteich im Herbst 2015 verlässlich Glyphosat gefunden hätten, wundert Wolf aus einem Grund: „Damals war der Teich doch allenfalls zu zehn Prozent gefüllt.“ Es habe Ebbe im Teichgebiet geherrscht. Erst im Frühjahr darauf habe das Einleiten von Wasser aus der Wyhra begonnen, um die Wasserstände wieder zu erhöhen. Wolf: „Wirklich nachvollziehbar sind die Werte für mich deshalb nicht.“

Umso nachvollziehbarer seien die Auswirkungen der Überdüngung durch Schadstoffeintrag von den Feldern. Die führe entweder zu einem hohen Algen- und Blaualgen-Wachstum. Oder sie lasse Wasserpest und Hornkraut in den Teichen wuchern, sodass den Fischen der Raum und – bei einsetzender Fäulnis der Pflanzen – der Sauerstoff genommen werde. Mit Kalk oder eine Notbelüftung versuche man dem entgegenzuwirken – ein immenser Aufwand, der die Einbußen bei der Fischproduktion trotzdem nicht kompensieren könne. Als Verursacher sieht Udo Wolf nicht allein die Landwirtschaft. Einen erheblichen Teil der Belastung steuerten die nur vermeintlich vollbiologischen Kleinkläranlagen bei, ist er überzeugt: „Der Stickstoff wird nicht zurückgehalten, der Phosphor-Ausstoß ist noch größer. Mit Gewässerschutz hat das nichts zu tun.“

„Wir können uns gar keine Fehler leisten“, sagt Siegfried Runkwitz, Geschäftsführer der Osterland Agrar GmbH. Die jährlichen Ausgleichszahlungen aus Brüssel seien untrennbar verknüpft „mit der Einhaltung aller Forderungen“, eines ganzen Katalogs, dessen Akzeptanz immer neu per Unterschrift zu quittieren sei. Das in Frohburg ansässige Unternehmen bewirtschaftet unter anderem jene Flächen, die an das Naturschutzgebiet Eschefelder Teich angrenzen. „Wir haben für den Pflanzenschutz speziell ausgebildete Leute, die sich aller zwei Jahre weiterqualifizieren“, sagt Runkwitz. In der Tat setze man Glyphosat ein, doch „streng kontrolliert und verantwortungsvoll“. Es sei eine so verbreitete wie anmaßende Unterstellung, der Landwirtschaft per se Leichtfertigkeit zu unterstellen – egal ob Pflanzenschutz, Tierhaltung, Gentechnik.

„Es gibt keine mit Glyphosat vergleichbaren Mittel. Das ist das Problem, und deshalb hat die EU die Nutzung noch einmal verlängert“, sagt Runkwitz. Man setze das Pestizid etwa ein, um das nach Ernte und Stoppelsturz aufwachsende Unkraut vor dem Aussamen zu stoppen – kurz vor dem Wintereinbruch arbeite man die Nährstoffe dann ein. Das Glyphosat, das nur über das grüne Blatt aufgenommen werde, werde im Boden durch Mikroorganismen zersetzt. Für den Eintrag des Pestizids in den Großteich, wie von der Grünen-Studie dokumentiert, hat er keine eindeutige Erklärung. Wie Fischer Udo Wolf will er nicht ausschließen, dass wilde Gänse den Stoff mit dem Grün aufnahmen und durch den Kot in den damals nur wenig Wasser führenden Teich brachten.

Über problematische Themen wie Glyphosat zu sprechen, Siegfried Runkwitz hält das für angebracht. „Menschen zu verunsichern, indem man so eine Studie einfach in den Raum stellt, ist problematisch.“ Von der Politik verlange er, dass sie „nicht bloß verbietet, sondern sagt, wie es weitergeht“. Und vom Staat, dass er auch in der Zukunft seiner Verantwortung gerecht werde, indem er die Bauern unabhängig und fundiert berate – anstatt diese Leistungen immer mehr einzuschränken oder in private Hand zu geben.

„Die Ursachen für den Glyphosat-Eintrag müssen gefunden werden. Aber ich werde keinen ersten Stein werfen“, sagt Joachim Schruth, Naturschutzrecht-Fachmann im Nabu Sachsen und Kreistagsabgeordneter der Grünen. Der Eintrag 2016 könne ja auch über das Wyhrawasser erfolgt sein. Glyphosat zu verbieten, erscheine ihm das Klügste, zumal der Stoff auch Bienen schädige und damit das gesamte Ökosystem in Gefahr bringe. „Wir brauchen eine Neuausrichtung der europäischen Landwirtschaftspolitik und Förderrichtlinien, die eine ökologische Landwirtschaft besser fördern.“

Von Ekkehard Schulreich