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Geithain Oberhainer Damentreff gehört jetzt zu den sächsischen Landfrauen
Region Geithain Oberhainer Damentreff gehört jetzt zu den sächsischen Landfrauen
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15:18 20.02.2019
Sie gehören zur Oberhainer Gruppe der Landfrauen: Simone Loeper, Kathrin Schmidt, Babett Pallapies, Ulrike Nitsche und Irmgard Nitsche (von links). Sie haben Dekorationen für den Faschingsumzug auf dem Tisch.
Sie gehören zur Oberhainer Gruppe der Landfrauen: Simone Loeper, Kathrin Schmidt, Babett Pallapies, Ulrike Nitsche und Irmgard Nitsche (von links). Sie haben Dekorationen für den Faschingsumzug auf dem Tisch. Quelle: Ekkehard Schulreich
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Penig/Langenleuba-Oberhain

Traf man sich in den Dörfern vor vielen Jahrzehnten winters in großer Stube, um etwa Federn zu spleißen und sich auszutauschen, sieht sich in Langenleuba-Oberhain ein knappes Dutzend Frauen durchaus in dieser ländlichen Tradition.

Allerdings haben die 12- bis 80-Jährigen, wenn sie sich an jedem Dienstagabend im Kreativ-Raum des Petzold-Hofs treffen, anderes auf dem Tisch: Zuletzt gestalteten sie Dekorationen für den großen Faschingsumzug am Sonntag in Penig.

Ansonsten filzen sie, arbeiten mit Pappmaché und Holz, malen – und pflegen vor allem das Gespräch. Seit Ende Januar firmiert die aufgeweckte Gemeinschaft als Ortsgruppe der Sächsischen Landfrauen. Der Name ihres Treffs ist Programm: „Zur Sonneninsel“.

Nicole Petzold filzt Handpuppen

Am Anfang waren die Handpuppen, die Nicole Petzold aus Filz zaubert: charaktervolle Märchengestalten mit fein modellierten Gesichtszügen, die nicht nur Kinderherzen höher schlagen lassen.

Eine ganze Kollektion schuf die 42-Jährige, seit sie vor einem guten Jahrzehnt den Hof ihrer Großeltern in Oberhain, einen Dorf knapp vor der thüringischen Landesgrenze, übernahm, den Opa pflegte und im Puppen-Filzen einen Ausgleich fand. Und Anerkennung bekam sie obendrein, nachdem sie ihre Puppen zur 725-Jahr-Feier Oberhains beim Fest der Kirchgemeinde und auf Hainichs Hoffest zeigte.

„Ich habe sie einfach angesprochen: Ich möchte das auch können!“, erinnert sich Ulrike Nitsche, Speditionskauffrau. Anderen ging es ähnlich. Bald schon fand man in kreativer Runde zueinander. Nicole Petzold, Vorsitzende der Landfrauen-Gruppe, und ihr Freund richteten die einstige Küche im Hof als künstlerisches Refugium her. Seit zwei Jahren treffen sich die Frauen hier – und genießen es. Petzold, die als Erzieherin arbeitet, muss krankheitsbedingt im Augenblick allerdings kürzer treten.

Babett Pallapies, Simone Loeper und Ulrike Nitsche gehören zur Gruppe

„Das Kreative verbindet. Wir verstehen uns sehr gut“, sagt Babett Pallapies, die im Büro im Handwerksbetrieb ihres Mannes tätig ist. Gemeinsam mit Simone Loeper und Ulrike Nitsche, die ebenso zur Gruppe gehören, organisiert sie seit anderthalb Jahrzehnten das Straßenfest „im untersten Unterdorf“. Eines greift so ins andere.

„Wir möchten, was uns Freude macht und zusammenhält, gern weitertragen“, meint Simone Loeper, die mit ihrem Mann Landwirtschaft betreibt. Leseabend, Spielenachmittag, Musizieren, Trödelmarkt – die Gruppe könne sich vieles vorstellen, um möglichst alle Generationen einzubinden: „Dass mal so etwas wie ein Kommunikationszentrum entsteht, das ist unser größter Wunsch.“

Kommentar: Oberhainer Frauen tun was für ihr Dorf

Das Refugium heißt „Sonneninsel“: ein kreativer Ort, der auf das Leben in Langenleuba-Oberhain ausstrahlen soll. Knapp zwei Dutzend Frauen haben die Initiative ergriffen, um etwas zu bewegen in ihrem Dorf. Um Menschen zusammenzubringen. Um ihr Lebensumfeld zu gestalten. Dass ihr Kreativ-Raum bald zu einer Begegnungsstätte für alle Generationen wird, ist ihr großer Wunsch. Sie träumen nicht nur. Sie tun vor allem viel dafür – und sie ziehen aus diesem Miteinander einen Gewinn, der mit nichts aufzuwiegen ist: Sie sorgen mit dafür, dass ihr Dorf Heimat ist.

Als sich in den 90er-Jahren erste Gruppen von Landfrauen gründeten, haftete dem Begriff etwas Biedermeierliches an: Frauen im Vorruhestandsalter und jenseits davon treffen sich, um Erntekränze zu gestalten – so wie es die Altvorderen hielten. Nichts gegen Erntekronen und -kränze, doch wer dieses Bild von den Landfrauen unterstellte, musste es schnell revidieren. Ortsgruppen gibt es längst in vielen Dörfern nicht nur der Süd-Leipziger Region. Jene in Kohren-Sahlis etwa besteht seit zwei Jahrzehnten. Gemeinsam mit anderen Vereinen kümmert sie sich etwa um den Kunstmarkt am Lindenvorwerk am Pfingstmontag. Im Bad Lausicker Ortsteil Ballendorf sind Landfrauen seit Jahren aktiv. Es gibt viele weitere Beispiele.

Längst haben die Zusammenschlüsse unter dem Dach des Landfrauen-Verbandes Gestaltungskraft in vielen Orten entwickelt. Die Gruppen stehen für ein neues Selbstbewusstsein, für die Erkenntnis, dass man sich selbst organisieren muss. Gerade die neu entstandene Oberhainer Gruppe zielt ausdrücklich darauf ab, die Dorfgemeinschaft in ihrer ganzen Breite zu erreichen. Es geht mitnichten um Kaffeekränzchen und Frauenklüngel. Eine Begegnungsstätte zu schaffen, ist das ehrgeizige Ziel. Das verdient allen Respekt – und vor allem Unterstützung.

e.schulreich@lvz.de

Im Dezember gab es einen ersten kleinen Adventsmarkt an der Oberhainer Kirche: Organisiert hatten den die Landmädels, die sich unter dem Dach der Kirchgemeinde treffen. Sie hatten die Landfrauen dazu eingeladen. Dass es 2019 eine Neuauflage gibt, gilt schon als ausgemacht.

„Ich fühle mich in diesem Kreis sehr wohl“, sagt Irmgard Nitsche, mit 80 Jahren die Nestorin der Runde. Sie zeigt den Jüngeren, wie Sticken funktioniert, und sie erzählt oft von früher – auch von ihrer Heimat in Ostpreußen, die sie als Sechsjährige am Ende des Krieges verlassen musste. Für Lynelle Ullmann (12) und Michelle Weniger (fast 14), die – derzeit – Jüngsten im Kreis, sind das Schilderungen aus sehr ferner Zeit; sie erweitern den Horizont. Selbst Frieda weiß die Behaglichkeit zu schätzen, wenn Irmgard erzählt: Die schwarze Hauskatze rollt sich auf einem Stuhl zusammen, um dabei zu sein.

Frauen gestalten Fahrzeug des Freibadvereins für Faschingsumzug

Kathrin Schmidt, Erzieherin aus dem Nachbarort Markersdorf, engagiert sich parallel im Freibadverein. Das gab den Anstoß für die Landfrauen, die drei Fahrzeuge des Freibadvereins im Peniger Faschingsumzug effektvoll auszustatten. „Ich musste die Mädels gar nicht überreden. Einige fahren sogar auf den Wagen mit“, sagt Schmidt. Der Umzug beginnt am 24. Februar, 14 Uhr, in der Peniger Innenstadt.

„Unsere Männer unterstützen uns. Anders ginge das gar nicht“, sagt Simone Loeper. Vor Kurzem stellten die Oberhainer Landfrauen in Roßwein beim „Land(auf)schwung“ des Vereins Fördergesellschaft Regio Döbeln sich und ihr Konzept vor – in der Hoffnung, mit einer Förderung bedacht zu werden.

Mit dem Geld wollen sie ihr Domizil aufbauen: „Wir brauchen Platz, um Veranstaltungen für unser Dorf organisieren zu können.“ Dass man sich dem Dachverband der Landfrauen Sachsens angeschlossen hat, sei zweifelsfrei ein Gewinn, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Gruppe Ulrike Nitsche: „Man kommt in Kontakt. Es ist wirklich toll, was Frauen andernorts machen. Für uns ist das eine Bestätigung.“

Von Ekkehard Schulreich