Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Geithain Protest gegen neues Intensivpflege-Gesetz: „Wir geben unsere Lotte nicht her!“
Region Geithain Protest gegen neues Intensivpflege-Gesetz: „Wir geben unsere Lotte nicht her!“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:45 01.09.2019
Die neunjährige Lotte spielt hier mit Pfleger Steven Ehrt vor ihrem Wohnhaus. Als Intensivpflegepatientin wird sie rund um die Uhr betreut. Quelle: Claudia Carell
Frauendorf/Frohburg

Lotte ist erkältet. Schlapp sitzt sie am Familientisch in ihrem Pflegestuhl, sie kann sich heute nur schwer aufrecht halten. Trotzdem wedelt sie ein Spielzeug mit bunten Bändern durch die Luft. Ihr Atem rasselt. „Das klingt nicht gut“, sagt Mutter Cornelia Thieme-Such besorgt und streichelt ihrer neunjährigen Tochter liebevoll über den Kopf. Wegen der Erkältung ist mehrmals stündlich eine Atemtherapie notwendig, der Schleim muss abgesaugt werden.

Das Mädchen kann den Streuselkuchen nicht essen, der auf dem Tisch steht. Es kann nicht selbst schlucken. Grund ist eine Hirnblutung bei der Geburt, die schwere Schäden hinterließ. Der Kehlkopf ist gelähmt, Lotte hat ein Tracheostoma, einen künstlichen Zugang in der Luftröhre, damit sie keinen Speichel aspiriert und eine Lungenentzündung bekommt. Sie wird durch eine Magensonde ernährt, seit zwei Jahren leidet sie zudem an Epilepsie.

Pflegekräfte im 12-Stunden-Rhythmus

Das Kind zählt zu den Intensivpflegepatienten, das heißt, es braucht Pflege rund um die Uhr. Wenn es sich im Schlaf dreht und die Trachealkanüle aus dem Hals zieht, würde es ersticken. Im 12-Stunden-Rhythmus wechseln sich Fachkräfte im Haus der Familie in Frauendorf bei Frohburg ab. Sie versorgen das Mädchen medizinisch zu Hause und auch in der Förderschule.

Es ist eine 1:1-Betreuung – ein Pfleger für einen Patienten. So kann Lotte bei ihrer Familie leben. Bei ihrem Vater, der Berufsfeuerwehrmann ist, bei ihrer Mutter, die als Kindergärtnerin und Heilpädagogin arbeitet, und bei ihrer 13-jährigen Schwester Helene.

Lottes Eltern, Cornelia Thieme-Such und Jörg Such, wehren sich gegen den Entwurf des Intensivpflegestärkungsgesetzes. Quelle: Claudia Carell

Doch was wäre, wenn der Entwurf zum „Reha- und Intensivpflegestärkungsgesetz“ (RISG) von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) beschlossen wird? „Erst mal ändert sich für Lotte nichts, aber mit 18 müsste sie wahrscheinlich ins Heim“, sagt ihre Mutter. Und fügt gleich hinzu: „Das geht so alles gar nicht.“

Ziel des Ministers ist es, die Versorgung von schwer kranken Menschen mit künstlicher Beatmung zu verbessern. In den vergangenen Jahren waren mehrfach Fälle aufgedeckt worden, bei denen Patienten mangelhaft betreut und Abrechnungen gefälscht wurden, heißt es. Die Patienten sollen vor allem in spezialisierten Pflegeeinrichtungen betreut werden und nur noch in Ausnahmefällen zu Hause.

Fakten zur Intensivpflege

Die Zahl der Patienten, die stationär beatmet werden, steigt. 2016 waren es laut Statistisches Bundesamt in Deutschland 86.000 Menschen, 2006 noch knapp 25.000. Genaue Zahlen zur ambulanten Intensivpflege gibt es nicht. Hochrechnungen gingen 2018 von bis zu 30.000 Versicherten aus.  Die 24-Stunden-Pflege eines ambulanten Intensivpatienten ist mit hohen Kosten verbunden. In diesem Jahr sollen es deutschlandweit rund zwei Milliarden Euro sein. Vor zwei Jahren betrugen die Kosten 1,5 Milliarden Euro. Die ambulante Intensivpflege soll etwa die Hälfte der Gesamtausgaben in der häuslichen Krankenpflege aus, heißt es.

Dabei ist die Formulierung in dem Gesetzentwurfweit gefasst: „Wenn die Pflege in einer Einrichtung (...) nicht möglich oder nicht zumutbar ist, kann die außerklinische Intensivpflege auch im Haushalt oder in der Familie des Versicherten oder sonst an einem geeigneten Ort erbracht werden. Bei der Prüfung der Zumutbarkeit sind die persönlichen, familiären und örtlichen Umstände angemessen zu berücksichtigen“.

Cornelia Thieme-Such: „Was heißt das? Es bedeutet, dass ein Sachbearbeiter der Krankenkasse, der durchaus angehalten ist zu sparen, darüber entscheidet, ob Lotte ins Heim muss oder bei uns bleiben kann.“ Ihrer Meinung nach geht es darum, mit diesem Gesetz Geld zu sparen. Ein Pfleger könne sich in der Klinik um mehrere Patienten kümmern. Weil die moderne Medizin immer mehr Menschenleben retten kann, gebe es auch mehr Beatmungspatienten – die Kosten steigen.

Hürden auch für behinderte Kinder

Doch an die Betroffenen, die aus ihren Familien gerissen werden, würde dabei nicht gedacht. „Wir reden viel von Inklusion, das hier ist genau das Gegenteil“, sagt die 46-Jährige. „Das Teilnehmen am normalen Leben kann im Heim nicht mehr stattfinden, weil die Pfleger dafür keine Zeit haben“, fügt ihr Mann Jörg Such hinzu.

In dem Gesetzentwurf würden noch andere Hürden stehen, die auch für Kinder schon gelten. Zum Beispiel dass nicht mehr die Allgemeinärztin Verordnungen zur Intensivpflege ausstellen darf. Das würde heißen, „dass wir im ländlichen Raum einen Pulmologen und einen Facharzt für Inneres finden müssen, die freie Termine für uns haben und sich mit einer langen und komplizierten Krankengeschichte beschäftigen müssen“.

Pfleger Steven Ehrt würde Job verlieren

Lotte möchte gern einen Trickfilm auf dem Laptop sehen. Sie hat ihr Bänder-Spielzeug auf den Fußboden geworfen und sieht immer wieder zum Computer auf dem Küchentisch. Sie kann nicht reden, aber ziemlich gut zeigen, was sie will. Ja heißt, wenn sie den Daumen nach oben streckt.

Pfleger Steven Ehrt kennt ihre Zeichen schon recht gut. Der 27-Jährige hat bereits viele Zwölf-Stunden-Schichten in der Familie absolviert. Er war nicht immer in der ambulanten Intensivpflege tätig. Früher arbeitete er in einem Pflegeheim.

In Zeiten des Pflegenotstandes gab es dort mitunter Nachtschichten mit zwei Fachkräften für 75 alte Leute auf drei Etagen, wobei der Fahrstuhl nachts nicht genutzt werden durfte, erzählt er. „Das wollte ich dann nicht mehr, denn so hab’ ich mir meinen Beruf nicht vorgestellt.“

Beide Schwestern gemeinsam beim Reiten

Bei der ambulanten Pflege sei er dicht am Patienten dran und es gebe „echte Erfolgserlebnisse“. Mit Lotte hat er neulich in der Schule einen Frosch getöpfert. Das sei für Gesunde nichts Besonderes, aber für Lotte was „ganz Schönes“. Den Gesetzentwurf kritisiert er: „Das Individuelle geht für die Betroffenen völlig verloren.“ Und für ihn persönlich würde es bedeuten, „dass ich meinen Job verliere“.

Schwester Helene kommt in die Küche gestürmt. Sie hat Reitsachen an, bei der Nachbarin darf sie sich gleich aufs Pferd setzen. „Tschüss Lotti“, ruft sie und streichelt ihr den Arm. Doch die kleine Schwester ist mit irgend etwas unzufrieden. Helene versteht sofort und sagt: „Das nächste Mal kommst du wieder mit.“ Ab und zu sind beide Mädchen zusammen beim Reiten. Die Eltern halten Lotte auf dem Pferd – das gefällt ihr sehr.

Schicksalsschlag: „Das Beste daraus machen“

„Lotte kann nichts dafür, dass sie so krank ist und wir können auch nichts dafür. Es ist ein Schicksalsschlag. Das Einzige, was uns jetzt übrig bleibt, ist, dass wir das Beste daraus machen“, sagt Cornelia Thieme-Such. „So einen Gesetzesentwurf können wir dabei gar nicht brauchen. Das darf nicht beschlossen werden.“

Das Mädchen im Pflegestuhl ist unruhig. „Sei nicht so aufgeregt, es ist alles gut“, sagt die Mutter. Ihrer Meinung nach bekommt das Kind genau mit, worum es hier geht. Sie umarmt Lotte, gibt ihr einen Kuss auf die Wange und flüstert ihr ins Ohr: „Wir geben doch unsere Lotte nicht her!“

Pro & Contra zum Gesetzentwurf

Pro:

– Bislang werden Beatmungspatienten aus Krankenhäusern zu häufig ohne ausreichende Anstrengungen zur Beatmungsentwöhnung in die ambulante Intensivpflege entlassen – das hat häufig eine langfristige Intensivpflege zur Folge, so das Bundesministerium für Gesundheit. Zugleich seien in der nachstationären Intensivpflege qualitative Verbesserungen und eine engere Zusammenarbeit der Pflegeeinrichtungen mit Fachärzten notwendig.

– Außerdem ist die häusliche Betreuung von Intensivpflege-Patienten bisher mit höheren Kosten verbunden als die Versorgung in einer stationären Pflegeeinrichtung, heißt es weiter. „Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige wiederum entscheiden sich häufig aufgrund geringerer Zuzahlungen für die ambulante intensivpflegerische Betreuung. Dieser Fehlanreiz soll mit den neuen Regelungen aufgehoben werden. Die Eigenanteile für die außerklinische Intensivpflege in stationären Pflegeeinrichtungen werden deutlich reduziert“, so das Ministerium.

– Auch der Koalitionspartner SPD, Krankenkassen und einige Betroffenen-Verbände hatten die Reformpläne begrüßt. Der Bundesverband Schädel-Hirnpatienten in Not erklärte, derzeit könnten sich viele Familien eine stationäre „Bestversorgung“ nicht leisten und seien allein deshalb in „pseudoambulanten Intensivwohngruppen“, erklärte der Verband. Dort seien Betroffene häufig die einzigen Verlierer, während andere Geschäfte machten. Dies solle nun richtigerweise geändert werden. Für die Patienten gehe es um die beste Versorgung mit einem hohen aktivierenden Pflegeaufwand zurück ins Leben.

Contra:

– Der Protest gegen diesen Gesetzentwurf nimmt zu. Die Online-Petition „Stoppt das Reha- und Intensivpflege-Schwächungsgesetz“ bei change.org unterschrieben bislang mehr als 87.000 Menschen. Viele behinderte Menschen würden gegen ihren Willen in vollstationäre Heime oder spezielle Beatmungs-Einheiten verbracht, heißt es dort. Und weiter: „Der vorliegende Gesetzentwurf ist ein Skandal. Er missachtet die Würde von Menschen, dringt in ihren Alltag ein und diskriminiert sie.“ Es werde befürchtet, dass viele so lange wie möglich eine Beatmung hinausschöben – aus Angst, ihr selbstständiges Leben aufgeben zu müssen.

Gestartet wurde die Online-Petition von einer Vereinigung von ALS-Erkrankten. ALS steht für Amyotrophe Lateralsklerose, eine chronisch-degenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems. Die Patienten leiden an fortschreitenden Muskellähmungen und müssen häufig beatmet werden. Der inzwischen verstorbene Astrophysiker Steven Hawking litt an dieser Krankheit.

– Behindertenverbände und Pflegeeinrichtungen machen mobil gegen den Gesetzentwurf. Für sie ist das ein Versuch, die etwa 50.000 Betroffenen in Deutschland durch die Hintertür zum Umzug ins Pflegeheim zu zwingen. Die erkämpfte Selbstbestimmung gehe dabei verloren. Am vergangenen Sonntag kam es beim Tag der offenen Tür im Bundesministerium für Gesundheit in Berlin zu einer Demonstration gegen das Vorhaben.

Von Claudia Carell

Wiederholt gab es im Leipziger Land einen Großbrand in einem Recyclingunternehmen: In Espenhain standen am Sonnabend achthundert bis tausend Tonnen Plastik und Schrott in Flammen. Eine riesige Rauchwolke mit Schadstoffen zog über die Region.

01.09.2019

Es war ein Abend zum Dahinschmelzen: The Italian Tenors und das Leipziger Symphonieorchester sorgten am Sonnabend auf dem Volksplatz für La Dolce Vita – das süße Leben. Dabei fing das Konzert mit einem Abschied an.

01.09.2019

Es herrscht Kontinuität bei der Führung der Geithainer Ortschaft Narsdorf. Der frühere Bürgermeister Andreas Große ist jetzt als Ortsvorsteher wiedergewählt worden. Auch sein Stellvertreter bleibt im Amt.

31.08.2019