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Geithain Schwindpavillon in Rüdigsdorf wird 180 Jahre alt
Region Geithain Schwindpavillon in Rüdigsdorf wird 180 Jahre alt
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15:00 01.03.2019
Der Schwindpavillon Rüdigsdorf wird 180 Jahre alt.
Der Schwindpavillon Rüdigsdorf wird 180 Jahre alt. Quelle: Jens Paul Taubert
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Frohburg/Rüdigsdorf

Corinne Schulze weckt den Schwindsaal vorab aus dem Winterschlaf. Die 45-jährige Museologin zieht die Vorhänge an den großen Fenstern zur Seite, nimmt die Schutztücher von den Stühlen, knipst das Licht des Kronleuchters an. Der prächtig ausgemalte Saal beginnt zu leuchten.

Die neun Fresken an den Wänden erzählen die berühmte Liebesgeschichte von Amor und Psyche. Der Malstil erinnert an die italienische Renaissance. Leicht schwebt der Windgott Zephyr mit Psyche durch die Lüfte. Zärtlich betrachtet der geflügelte Amor seine schlafende Geliebte. Wütend geißeln die Furien die junge Frau. Die Geschichte endet gut...

Regelmäßig führt die Leiterin des Töpfermuseums im nahen Kohren-Sahlis Besucher durch diesen Raum, der zu den Sehenswürdigkeiten des Leipziger Landes zählt. Es gebe Kunstinteressenten, die extra wegen des Schwindpavillons in die Region kommen. „Wir haben auch mal eine ganze Bus-Gesellschaft, aber solche Anfragen sind eher selten“, sagt sie. Der Saal ist ein Kleinod. Die Künstler Moritz von Schwind und Gottfried Semper, die daran mitwirkten, machten ihn berühmt.

Kunstsinnige Leipziger mit Sommersitz in Rüdigsdorf

Beide kannte der Auftraggeber Heinrich Wilhelm Leberecht Crusius (1790-1858). Er ließ das Rüdigsdorfer Herrenhaus zu seinem Sommerwohnsitz umbauen, sonst lebte er mit Frau und Kindern im kunstsinnigen Leipzig.

Zeitgleich entstand ein englischer Landschaftsgarten sowie eine Orangerie. Der flache Mittelbau war mit einer Glasfront versehen, links und rechts mit zwei Pavillons. In dem einen war die Gärtnerwohnung, in dem anderen der „Salon“.

Dieser schöne bemalte Raum inmitten des Parks ist ein Kleinod. Das haben auch verliebte Paare erkannt – gern wird der Schwindsaal für Trauungen gewählt. Hier einige Blicke von außen und innen.

Warum Crusius dort diese Liebesgeschichte malen ließ, könnte daran gelegen haben, dass er mit dem Leipziger Dichter und Universitätsprofessor Clodius verwandt war, der das Gedicht „Eros und Psyche“ schrieb. Als Clodius starb, veröffentlichte Crusius dessen Lebenswerk.

Doch die Bemalung des Schwindsaals war kein einfaches Projekt – es gab offenbar jede Menge Knatsch zwischen Maler und Auftraggeber. So schrieb Schwind im November 1837 genervt in einem Brief: „An Crusius geht morgen eine Zeichnung ab, auf die ich viel halte. Gefällt sie ihm nicht, worauf ich sehr gefaßt bin, so hat die Sache eine Ende, bevor sie einen Anfang hat.“

Maler Schwind will „leidliche Figur hineinschwärzen“

Auch mit dem Lohn war der Künstler nicht einverstanden. In einem späteren Brief heißt es: „Crusius hat einen Wechsel geschickt, aber einen solchen Kontrakt, den ich vernünftigerweise nicht unterschreiben kann“. Man einigte sich dann irgendwie und der Maler vermeldete: „Mit Crusius sind wir im Reinen. Er hat es mit lauter Hinhalten und Vorbehalten glücklicherweise so weit gebracht, daß mir an der ganzen Arbeit nicht mehr viel liegt und ich froh bin, wenn ich hin und her eine leidliche Figur hineinschwärze.“

Doch er „schwärzt“ nichts hinein, sondern malt wunderbar. Nachlässigkeit kann man ihm nicht vorwerfen. Im Gegenteil, noch Jahre später greift er auf die Rüdigsdorfer Vorlagen zurück. Beeinflusst haben soll ihn dabei eine Italienreise, wobei er sich für Michelangelo und Raffael begeisterte.

Fresken im italienischen Stil - hier Amor bei der schlafenden Psyche. Quelle: Jens Paul Taubert

Es spricht sogar einiges dafür, dass er sich mit seinem Auftraggeber wieder aussöhnte. So soll er während seiner Arbeit in Rüdigsdorf bei Familie Crusius gewohnt und mit dem Hausherrn musiziert haben, berichtet die Museologin. Schwind spielte Cello, Crusius Bratsche. Der Maler soll gesagt haben: „Für meine Malerei können Sie mich kritisieren, für mein Cello-Spiel nicht.“

Schwind hat nicht alleine im Pavillon gearbeitet. Sein Studienfreund Leopold Schulz unterstützte ihn. Die Deckenfresken malte Gustav Adolf Hennig. Zusätzlich kam der Dekorationsmaler Otto Wagner mit Blättergirlanden und Ornamenten zum Einsatz. Was die Architektur betrifft, holte sich Crusius fachlichen Rat beim schon damals bekannten Gottfried Semper.

Im August 1839 war die feierliche Einweihung. Die Leipziger Liedertafel – vermögende Bürger und Kunstinteressierte fanden sich in dieser Gesellschaft zu Gesang und Geselligkeit zusammen – verband damit ihr alljährliches Stiftungsfest und kam zahlreich nach Rüdigsdorf.

Auch in den folgenden Jahren wurde der Schwindsaal oder Schwindpavillon, wie er heute genannt wird, zu einem kulturellen Treffpunkt. „In der Familie Crusius wurde viel musiziert, man lud sich Gäste ein“, berichtet Corinne Schulze. Beliebt war damals, bewegte Bilder zu spielen. Familienmitglieder und Freunde verkleideten sich wie auf einem Gemälde und spielten die Geschichte nach.

Crusius war fortschrittlicher Landwirt und politisch aktiv

Heinrich Wilhelm Leberecht Crusius war ein bemerkenswerter Mann. Er war ein fortschrittlicher Landwirt, seine Güter in Sahlis und Rüdigsdorf sollen Musterbetriebe gewesen sein. Er führte frühzeitig die Fruchtwechselwirtschaft ein, importierte edle Rinder, brachte Rapsanbau in die Gegend.

Darüber hinaus war er Mitbegründer der Leipzig-Dresdner Eisenbahn und einer Hagelversicherung. Er war politisch im sächsischen Landtag engagiert und hatte deshalb bisweilen Ärger mit seinen adligen Standesgenossen. Und er förderte gern die Kunst, zum Beispiel in einem Verein, der jungen Malern Ausstellungsmöglichkeiten finanzierte.

Sechs Generationen der Familie lebten in Rüdigsdorf. Mit der Bodenreform wurde sie enteignet. Die Orangerie und der Pavillon der Gärtnerwohnung sind heute nur noch zu ahnen – doch der Schwindsaal blieb erhalten, wurde in den 60er Jahren restauriert. Nach der Wende kam das Areal des Herrenhauses zurück in Privatbesitz. Der Schwindpavillon, 2006 erneut restauriert, gehört der Kommune.

Rund 40 Trauungen pro Jahr werden im Schwindpavillon gefeiert. Quelle: Jens Paul Taubert

Geöffnet ist der Schwindpavillon von Mai bis Oktober

Geöffnet ist er von Mai bis Oktober, weil der Raum nicht beheizt werden kann. „Der Pavillon ist beliebt bei Hochzeitspaaren“, sagt Schulze. Rund 40 Paare lassen sich pro Jahr trauen. Auch Konzerte finden regelmäßig statt.

An das 180. Jubiläum will die Museumsleiterin zum Tag des offenen Denkmals am 8. September mit einer Veranstaltung im Schwindpavillon erinnern. Eine neue Broschüre ist in Arbeit.

Übrigens: Auch im Winter sind Führungen möglich – Anmeldungen im Töpfermuseum Kohren-Sahlis unter der Telefonnummer 034344/61547.

Die Sage vom Liebespaar Amor und Psyche

Das Mädchen Charite wurde von einer Räuberbande entführt und hat Angst. Um Charite von ihrem Leid abzulenken, erzählt ihr die alte Haushälterin der Räuber vom Gott Amor und der Königstochter Psyche. So bettet der antike Schriftsteller Apuleius (125 bis 175 n.Chr.) diese berühmt gewordene Liebesgeschichte in seinem Werk „Metamorphosen“ ein.

Psyche ist die jüngste Tochter eines Königs. Sie ist so schön, dass die Männer sie mehr verehren als Venus, Göttin der Schönheit und Liebe. Das ärgert Venus. Sie ruft ihren Sohn Amor. Er soll Psyche dazu bringen, sich in einen schlechten Mann zu verlieben.

Der Vater von Psyche schickt seine Tochter unterdessen – so hat es das Orakel des Gottes Apollon befohlen – in einem Brautkleid auf einen Berg, wo sie einen furchtbaren Dämon heiraten soll. Stattdessen wird sie von Zephyr, dem Herrn der Winde, auf Anweisung Amors in ein märchenhaftes Schloss gebracht.

Denn Amor hat sich in Psyche verliebt. Nacht für Nacht sucht er sie auf, ohne dass sie ihn je zu Gesicht bekommen darf. Da Psyche sich tagsüber einsam fühlt, dürfen ihre zwei Schwestern sie besuchen. Die beiden sind neidisch auf sie. Sie verleiten Psyche dazu, herauszufinden, wer der nächtliche Gast ist und reden ihr ein, es sei eine grässliche Schlange.

So nimmt die Schöne eine Öllampe und beleuchtet den Mann des Nachts, als er schläft. Sie ist überwältigt von seiner Schönheit und merkt nicht, wie ein Tropfen heißes Öl auf Amors Schulter fällt. Amor erwacht, fühlt sich hintergangen und fliegt davon.

Venus ist verärgert über ihren Sohn. Sie zwingt Psyche, lebensgefährliche Aufgaben für die Göttin zu erledigen. Mit Hilfe von Ameisen und sprechendem Schilfrohr gelingt ihr einiges. Doch als sie ein verzaubertes Kästchen öffnet, fällt sie in einen todesähnlichen Schlaf.

Amor eilt zu ihrer Rettung und scheucht den Todesschlaf in das Kästchen zurück. Auch bittet Amor den Gott Jupiter um Erlaubnis, Psyche zu heiraten. Der oberste Gott stimmt zu, reicht der jungen Frau einen Becher mit Ambrosia und macht sie so unsterblich.

Psyche gebiert Amor eine wunderschöne Tochter mit Namen Voluptas. Eine Übersetzung davon heißt Wollust.

Von Claudia Carell