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Geithain Tod einer Elfjährigen: Es war ein Unglück mit Ansage
Region Geithain Tod einer Elfjährigen: Es war ein Unglück mit Ansage
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17:40 22.03.2019
Die Trauer und die Wut bei den Eltern in Langenleuba-Oberhain und Umgebung sind unermesslich.
Die Trauer und die Wut bei den Eltern in Langenleuba-Oberhain und Umgebung sind unermesslich. Quelle: privat
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Penig/Langenleuba-Oberhain

Fassungslosigkeit in Langenleuba-Oberhain und in den Nachbarorten. Ein elf Jahre altes Mädchen starb, als es auf dem Heimweg vom Peniger Gymnasium zwischen zwei Schulbussen wechseln und die viel befahrene (alte) Bundesstraße 175 queren musste. Vor den Augen von Mitschülern wurde das Kind am Dienstagnachmittag von einem PKW erfasst. Blumen markieren den Unfallort. Immer wieder stehen Menschen hier, in Teilnahme, Trauer, Ratlosigkeit.

Dass dieser Unfall vermeidbar gewesen wäre, davon sind Elternvertreter überzeugt. Sie halten die Situation an der weit außerhalb des Dorfes gelegenen Haltestelle für katastrophal – und drängen seit Jahren vergeblich auf Veränderungen. Die Hauptverantwortung sehen sie beim Landkreis Mittelsachsen. Unterlassung und Fahrlässigkeit werfen sie der Behörde in einem offenen Brief vor.

Die Situation an der Schulbushaltestelle an der B175 ist unübersichtlich und gefährlich. Eltern aus Langenleuba-Oberhain kritisieren den Zustand schon länger. Quelle: privat

20 Zentimeter zwischen Straße und Graben

Die Situation vor Ort: Buspassagiere, die aus Penig kommen, steigen an der Kreuzung (nach Lunzenau und nach Langenleuba-Oberhain) im Nirgendwo aus: Sie treten unmittelbar hinter der Kreuzung aus dem Bus auf einen 20 Zentimeter (!) breiten Grasstreifen. Mehr Platz ist nicht zwischen Fahrbahnkante und Straßengraben. Auf dem balancieren die Oberhainer Schüler mit ihren Ranzen bei Wetter und Wind, um hinter dem Bus, der eine der beiden Fahrspuren blockiert, die andere Seite zu erreichen. Dort wartet, in einer Bucht, der andere Bus, der sie ins Dorf bringt. Eine Fahrspur ist zu überwinden. Tempo 70 ist ausgeschildert, die Realität nicht selten eine andere. Autofahrer aus Richtung Obergräfenhain – wie der Pkw am Dienstag – kommen 100 Meter vor dieser neuralgischen Stelle aus einer Linkskurve. Das Erfassen der Verkehrslage ist zusätzlich einschränkt.

Die Situation ist unübersichtlich und gefährlich. Eltern geben den Behörden eine Mitschuld an dem tödlichen Unfall.

Wer an dieser Haltestelle raus muss – und das sind neben Schülern auch Ältere, wenn sie vom Einkaufen oder vom Arzt kommen – kennt das Gefühl, wenn Lkw um Haaresbreite vorbeirauschen. Zwar verläuft seit ein paar Jahren parallel zur alten Bundesstraße die neue Autobahn 72, doch der Verkehr ist weiterhin erheblich. „Was hier den Kindern seit Jahr und Tag zugemutet wird, ist unverantwortlich“, sagt Klaus Michael. Er ist Elternrats-Vorsitzender an der Grundschule Langenleuba-Oberhain und Elternsprecher am Rochlitzer Gymnasium. Gemeinsam mit Kerstin Käseberg hat er im Namen besorgter und trauernder Eltern nach dem Unfalltod der Fünftklässlerin einen offenen Brief verschickt.

Der offene Brief

Offener Elternbrief zum Unfalltod einer 11-jährigen Schülerin nach dem Aussteigen aus dem Schulbus auf der B 175 vom 19. März 2019

Sehr geehrte Damen & Herren,

Musste das passieren? Ein Kind 11 Jahre, fröhlich und aufgeweckt, das Leben gerade entdeckend, wird vor den Augen seiner Freunde beim Verlassen des Schulbusses und dem Überqueren der Bundesstraße B 175 zu Tode gefahren.

Wollen die verantwortlichen Mitarbeiter vom Landratsamt den Eltern erklären, ihr Kind hätte doch aufpassen müssen? Können Sie das mit Ihrem Gewissen vereinbaren, Schüler einer fünften Klasse eine Bundesstraße überland, nicht in der Ortschaft, überqueren zu lassen, um in den nächsten Schulbus einzusteigen. Wollen Sie den Eltern vielleicht sagen, wir haben doch „Achtung Kinder Schilder“ oder „Achtung Schulbus Schilder“ aufgestellt, das muss doch reichen ... es ist einfach nur traurig, macht sprachlos und wütend. Wenn die Kostenanalyse dazu führt, dass Kinder solchen Gefahren ausgesetzt sind, dann stimmt was nicht in unserem Land.

Und all dies wäre vermeidbar gewesen, wenn die verkehrstechnischen & baulichen Bedingungen an der Haltestelle so gestaltet wurden wären, dass die Kinder eben nicht beim Aussteigen aus dem Bus in den Straßengraben fallen und daher auf der Straße stehen müssen. Zusätzlich ist es nicht nachvollziehbar, dass diese Kinder aus Penig kommend die Bundesstraße B 175 überhaupt überqueren müssen, um in den Anschlussbus zu kommen. Es bestehen keinerlei wirklich greifende Schutz – und Vorsichtsmaßnahmen, um ein derartiges Unglück zu vermeiden. Fahrzeuge fahren an dieser Stelle mit zugelassenem Tempo 70, viele auch deutlich schneller direkt an den Kindern vorbei.

Was muss noch passieren damit unsere Kinder endlich einen sicheren Schulweg haben? Kommen Sie vor Ort und stellen Sie sich mal für 5 Minuten an diese „Haltestelle“ – sie werden es mit der Angst bekommen.

Warum kein Kreisverkehr an der Kreuzung, Platz wäre da und würde diese Situation deutlich entspannen? Warum keine Bushaltestelle, die den Namen auch wirklich verdient? Warum muss es überhaupt diese Umsteigeaktionen für den Anschlussbus geben? Warum Tempo 70 an einer Schulbushaltestelle? Warum machen die Busse keinen Warnblinker an – dies würde Schrittgeschwindigkeit beim überholenden und entgegenkommenden Verkehr bedeuten? Warum…?

Mit tieftraurigen Grüßen besorgter Eltern Kerstin Käseberg & Klaus Michael

Offener Brief an die Behörden

„Wollen die verantwortlichen Mitarbeiter vom Landratsamt den Eltern erklären, ihr Kind hätte doch aufpassen müssen“, fragen sie darin. Der Unfall „wäre vermeidbar gewesen, wenn die verkehrstechnischen und baulichen Bedingungen an der Haltestelle so gestaltet worden wären, dass die Kinder eben nicht beim Aussteigen in den Straßengraben fallen und daher auf der Straße stehen müssen. Es bestehen keinerlei wirklich greifenden Schutz- und Vorsichtsmaßnahmen. Was muss noch passieren, damit unsere Kinder endlich einen sicheren Schulweg haben?“ Und: Wer habe überhaupt die Idee gehabt, die Schüler auf derart gefährliche Weise zum Umsteigen zu zwingen?

Veränderungen für Rochlitzer Gymnasiasten

Für Heranwachsende, die das Rochlitzer Gymnasium besuchen, erreichten die Eltern eine Korrektur des Schulbus-Regimes: Seit Beginn des laufenden Schuljahres wechseln sie in Oberelsdorf – und damit weniger gefährdet – die Fahrzeuge. Vordem mussten sie meist von der Unfallkreuzung aus die schmale Straße ohne Gehweg nach Oberhain laufen – sofern Fahrgemeinschaften der Eltern sie nicht davor bewahrten.

Eine 16-Jährige verunglückte mit Moped tödlich

Die Haltestelle ist im Übrigen nicht der einzige neuralgische Punkt: Die Kreuzung daneben ist es ebenso. Hier verunglückte vor ein paar Jahren eine 16-Jährige mit ihrem Moped tödlich. Bau einer sicheren Haltestelle, eines Kreisverkehrs, nur Tempo 50 oder 30 statt 70, Kontrollen – vieles halten die Eltern für möglich – und unabdingbar. Der Unfall habe der Familie des getöteten Mädchens unermessliches Leid gebracht, sagt Klaus Michael: „Ihre Mitschüler, die alles mit ansehen mussten, werden trotz psychologischer Betreuung diese Bilder nie wieder aus dem Kopf bekommen.“

Reaktionen der Behörden

Die LVZ hat die verantwortlichen Behörden um Stellungnahmen zum Offenen Brief der Eltern und eine Einschätzung zu der Situation an der Kreuzung gebeten.

Landratsamt Mittelsachsen: „Der Unfalltod des elfjährigen Mädchens ist tragisch und macht mich sehr betroffen. Wir haben umgehend die verkehrsrechtliche Situation vor Ort überprüft“, sagt Mittelsachsens Landrat Matthias Damm. Infolgedessen konnte keine Rechtsverletzung im Hinblick auf die Beschilderung festgestellt werden. „Die aktuelle Beschilderung des Haltestellenbereichs mit Tempo 70 sowie dem Schild Achtung Kinder und dem Zusatzzeichen Schülerverkehr entspricht dem Maximum des rechtlich Möglichen“, erklärt er. „Sobald uns der Abschlussbericht der Polizei zum genauen Unfallhergang vorliegt, werden wir prüfen, ob unsererseits gegebenenfalls weitere Schritte eingeleitet werden müssen. Dazu stehen wir auch in enger Abstimmung mit allen Beteiligten“, so Damm.

Verkehrsverbund Mittelsachsen: „Wir sind sehr bestürzt über diesen tragischen Unglücksfall und denken in Trauer an die Eltern. Im Zusammenhang mit diesem Ereignis führen wir grundsätzlich keine Kommunikation über die Medien und verweisen ausdrücklich auf die Pressestelle des Landratsamtes des Landkreises Mittelsachsen.“

Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv): „Dass die Situation an der Bushaltestelle verbesserungswürdig ist, ist wohl unstreitig. Wenn die örtliche Verkehrsbehörde beziehungsweise die Unfallkommission hier eine Unfallhäufungs- oder Gefahrenstelle feststellt und darauf basierend bauliche Änderungen an der Verkehrsanlage als erforderlich festlegt, wird das Lasuv gemeinsam mit den übrigen Verantwortlichen selbstverständlich die Umsetzung angehen.“

Oberhainer Unfall muss zu Taten führen

Kommentar von Ekkehard Schulreich

Es ist nicht zu fassen: Da werden Heranwachsende, grade zehn Jahre alt geworden, nach einem langen und intensiven Schultag fernab ihres Dorfes an einer viel befahren Straße förmlich aus dem Bus gekippt. Danach müssen sie – aus einer völlig abwegigen und unübersichtlichen Situation heraus – heil auf die andere Seite kommen. Über Monate und Jahre wurde das von den für den Schülerverkehr Verantwortlichen so „organisiert“, von den anderen Verantwortungsträgern zumindest hingenommen. Das Risiko war und ist eindeutig. Die Katastrophe, die jetzt geschah, musste erwogen werden. Sie geschah mit Ansage, denn Eltern hatten immer wieder mehr Sicherheit gefordert – vergeblich.

Es geht bei aller Trauer, aller Fassungslosigkeit um Grundsätzliches. Um die Frage: Was tun wir unseren Kindern an, in dem wir sie, dem Kindergarten kaum entwachsen, tagtäglich auf Reisen schicken? Gerade auf dem Land sind die Wege zu den Schulen für viele sehr weit. Sie fressen Zeit. Schränken Alltag und Lebensqualität von Kindern und Eltern ein. Sind gefährlich. Sind zerstörerisch für soziale Bindungen, weil Mitschüler sich nach dem Unterricht aus den Augen verlieren. Sind zerstörerisch für die Struktur in den Dörfern, weil sie kaum noch die Möglichkeit haben, sich einzubringen.

„Wenn die Kostenanalyse dazu führt, dass Kinder solchen Gefahren ausgesetzt sind, dann stimmt etwas nicht in unserem Land.“ – Zu diesem bitteren Fazit kommen die Oberhainer Eltern in ihrem Brief. Sie legen den Finger in eine Wunde. Es braucht einen breiten gesellschaftlichen Diskurs. Endlich einzügige Oberschulen auf dem Land zu akzeptieren und so der Konzentration auf Bildungskombinate – nichts gegen die Qualität dort! – entgegenzuwirken, ist ein kleiner Schritt. Die Sache ist komplexer. Sie muss angegangen werden.

Mail an den Autor: e.schulreich@lvz.de

Von Ekkehard Schulreich