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Grimma 40 Vertreter litauischer Wohlfahrtsverbände besuchen den Landkreis Leipzig
Region Grimma 40 Vertreter litauischer Wohlfahrtsverbände besuchen den Landkreis Leipzig
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20:43 22.05.2019
Im BSW Tanndorf interessieren sich die litauischen Gäste für die Berufsausbildung. Quelle: Frank Schmidt
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Grimma/Colditz

Margarita Venzloviene ist nicht mit leeren Händen gekommen. Im Namen der 40-köpfigen litauischen Delegation überreicht sie ihren Gastgebern lecker Kräutertee, Konfekt und Kümmelbrot. Die Sozialdezernentin des Landkreises Kaunas bedankt sich bei ihrer Amtskollegin Ines Lüpfert. Die parteilose Beigeordnete des Landrats hatte dem Besuch aus dem Baltikum zuvor die Sozialpolitik des Landkreises Leipzig näher gebracht.

Mit 258 000 Einwohnern sei der Kreis vor den Toren Leipzigs eine wachsende Region. 30 Städte und Gemeinden gehörten ihr an. Die Arbeitslosigkeit liege bei fünf Prozent, die Ausländerquote bei unter vier Prozent. Es gebe 210 Krippen, Kindergärten und Schulhorte. Der Anteil der über 65-jährigen Einwohner betrage 26 Prozent und sei steigend. Im Landkreis seien 52 000 Menschen mit Behinderung zu Hause, über 12 000 seien pflegebedürftig, damit gut 3000 mehr als noch 2011.

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Eine Delegation aus Litauen hat im Landkreis die Stadt Grimma und das BSW Tanndorf besucht

Dem gegenüber fehle es wegen des Geburtenknicks in den 1990er-Jahren an Nachwuchs bei Pflegern, Betreuern und Erziehern, sagt Ines Lüpfert. Sehr zur Verwunderung der Gäste aus Litauen: „Bei uns ist es genau anders herum“, schüttelt Anita Spakauske ungläubig den Kopf. Die Reiseleiterin fungiert als Dolmetscherin. Sie stammt aus Klaipeda, der drittgrößten litauischen Stadt. Sie wirbt für den Brunnen mit Ännchen von Tharau, die Kurische Nehrung und das Thomas-Mann-Wohnhaus.

Über Vermittlung der Europäischen Union reisen die Litauer, allesamt aus Pflege- und Sozialberufen, derzeit durch Sachsen. Im Landkreis Leipzig machen sie sich ganz konkret ein Bild von der Arbeit ihrer deutschen Kollegen vor Ort. Allein unter Frauen ist Ervis Mankevicius. Der 44-Jährige ist so etwas wie ein Exot. Soziale Berufe sind in Litauen nach wie vor fest in Frauenhand. Aber, sagt Reiseleiterin Anita Spakauske, es tue sich was. Während die Frauen bislang zumeist angestellt seien, machten sich inzwischen immer mehr selbstständig. Es gebe dafür sogar einen Verein, dessen Vorsitzende sie ist.

Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos) begrüßt die Gäste im Rathaussaal. Weil er weiß, dass Litauer ungern Russisch sprechen, parliert er auf Englisch. 64 Dörfer gehörten zu Sachsens flächenmäßig viertgrößter Stadt. Auf 21 800 Hektar lebten 29 000 Einwohner. Er berichtet über den in Grimma aufgewachsenen Schauspieler und Oscar-Preisträger Ulrich Mühe, von Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald und über Luthers Ehefrau Katharina von Bora, die sich zwischen 1509 und 1523 im Kloster Nimbschen aufhielt. Die Augen der Gäste werden immer größer.

Als die Besucher dann noch erfahren, dass die Stadt 2002 und 2013 von einem verheerenden Hochwasser heimgesucht wurde, die Schäden etwa 250 beziehungsweise 150 Millionen Euro betrugen, zeigen sich die Litauer überrascht. Aus dem Staunen kommen sie schließlich nicht heraus, als sie hören, dass in der Perle des Muldentals die modernste Hochwasserschutzanlage der Welt, die zwei Kilometer lange, zwölf Meter mächtige und 65 Millionen Euro teure Flutmauer, kurz vor ihrer Fertigstellung stehe.

Grimma werde oft von internationalen Delegationen besucht, weiß Stadtsprecher Sebastian Bachran. Für die Flutmauer interessierten sich vor einigen Jahren 20 Experten aus Laos, Vietnam, Kambodscha und Thailand, allesamt Anrainerstaaten des Flusses Mekong. Auch 40 Gäste aus den Niederlanden, die im Gefolge des Königspaares Willem-Alexander und Maxima nach Deutschland reisten, besuchten offiziell Grimma. Genauso wie 250 Fachleute des Europäischen Netzwerkes Hochwasserschutz, die im Kloster Nimbschen tagten. Iranische Eisenbahnspezialisten, die Chefredakteure von New York Times und Washington Post sowie pensionierte japanische Offiziere auf den Spuren von Schriftsteller Mori Ogai – sie alle zog es nach Grimma.

Der frühere schwedische Ministerpräsident Carl Bildt erkundigte sich vor zwei Jahren in Grimma, wie der Osten tickt, am Freitag wird der Stadtplaner aus Montpellier (Frankreich) erwartet. Da gerät die Visite der Vertreter von Wohlfahrtsverbänden aus Litauen für die Muldentaler beinahe zur Routine. Doch auch die Gäste aus dem Landkreis Kaunas sind durchaus weltgewandt: Jedes Jahr reisen sie zu Fortbildungen in die Schweiz, nach Lettland oder Polen.

Sie erfahren, dass es im Landkreis Leipzig 42 Standorte für Betreutes Wohnen gibt, entsprechend 1511 Wohnungen, dazu eine WG für Demenzkranke in Borna mit zwölf Plätzen sowie 78 verschiedene Standorte von ambulanten Pflegediensten und Sozialstationen. Zudem weist die Statistik 49 Pflegeheime mit 3235 Plätzen, vier stationäre Häuser mit 34 festen Kurzzeitpflegeplätzen sowie 23 Tagespflegeeinrichtungen mit 336 Plätzen aus.

Eine solche Tagespflege für 14 Senioren besuchen die Litauer in Tanndorf bei Colditz. Das Bildungs- und Sozialwerk (BSW) betreibt die Tagespflege im ehemaligen Tonwarenwerk. Nur ein Standbein von vielen. So engagiert sich der anerkannte Träger der Jugendhilfe und Berufsausbildung auch für rund 100 sozial benachteiligte und lernbehinderte junge Leute. Christof Schneider weiht sie in der Holzwerkstatt in die Geheimnisse des Hobelns und Sägens ein, Ulf Born in der Metallwerkstatt lehrt Schweißen und Fräsen. Peggy Fiedler erntet mit dem Nachwuchs in der Gärtnerei jedes Jahr Kohlrabis und Gurken.

Die Litauer interessieren sich auch für den Kinder- und Jugendnotdienst in Tanndorf. Ob drei Tage oder drei Monate – hier findet Schutz, wer in familiäre Krisensituationen gerät, sagt Thomas Dittmann, stellvertretender Geschäftsführer des BSW. Vaida Blazaitiene und all die anderen Litauer wollen wissen, ob es Heime für Kinder gibt, deren Eltern mittellos seien. Ines Lüpfert, die Vertreterin des Landrats, verneint. Deutschland sei ein Sozialstaat, da stünde jedem zumindest eine Grundsicherung zu.

Aber, und das mache allen Verantwortlichen sehr zu schaffen, es gäbe immer mehr Eltern, die nicht in der Lage seien, angemessen für ihre Kinder zu sorgen, sagt Lüpfert. Befänden sich Kinder in Gefahr, müsse das Jugendamt des Landkreises aktiv werden. „Knapp 300 Mädchen und Jungen sind in Kinderheimen untergebracht, ungefähr noch mal so viele in Pflegefamilien.“

Die 40 Litauer reisen nun weiter nach Stollberg, Meißen und Dresden. Von dort geht es über Polen zurück in die Heimat. Aivaras Malakauskas, der Busfahrer, hat also 1300 Kilometer vor sich. Die reine Fahrzeit beträgt 18 Stunden – gefühlt sind sich die Landkreise Kaunas und Leipzig ab jetzt jedoch weitaus näher.

Von Haig Latchinian