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Grimma 70. Mathematische Vortragsreihe am Grimmaer Gymnasium
Region Grimma 70. Mathematische Vortragsreihe am Grimmaer Gymnasium
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12:00 19.02.2019
Dr. Michael Schroeder, hier mit Dr. Peter Göthner (r.), war bereits Gast der Mathematischen Vortragsreihe in Grimma. Göthner ist der Spiritus Rector der einzigartigen Reihe.
Dr. Michael Schroeder, hier mit Dr. Peter Göthner (r.), war bereits Gast der Mathematischen Vortragsreihe in Grimma. Göthner ist der Spiritus Rector der einzigartigen Reihe. Quelle: privat
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Grimma

Weit und breit beispiellos dürfte die Mathematische Vortragsreihe am Grimmaer Gymnasium „St. Augustin“ sein. Jetzt steht sie vor zwei runden Zahlen. Zum einen geht am 7. März der 70. Vortrag über die Bühne, zum anderen wurde die Reihe im Februar vor 15 Jahren aus der Taufe gehoben. Dass beide Zahlen durch fünf teilbar sind, sei nur am Rande erwähnt.

„Es ist ein Novum in Sachsen: Wissenschaftler bringen Mathematik an die Basis“, freut sich Dr. Peter Göthner, der Spritus Rector der offenen Vortragsreihe, die sogar im Jahresbericht des Sächsischen Landeskomitees zur Förderung mathematisch und naturwissenschaftlich begabter und interessierter Schüler Niederschlag findet.

Auch Prof. Andreas Keller von TU Ilmenau war bereits Gast der Mathematischen Vortragsreihe in Grimma. Quelle: privat

Der heute 86-Jährige hielt im Februar 2004 den Premierenvortrag, gab seinerzeit beim Thema „Finite und transfinite Kardinalzahlen“ einen Einblick in die Grundlagen der Mathematik. Seitdem ist viel Wasser die Mulde hinab geflossen, gaben sich mathematische Koryphäen in Grimma die Klinke in die Hand und erreichten bislang fast 2500 interessierte Zuhörer.

Ziel: Förderung talentierter Schüler

„Ich wollte das Gymnasium bei der Förderung mathematisch talentierter Schüler unterstützen“, nennt Göthner den Grund, warum er 2004 die Reihe ins Leben rief. Mit Jens Negwer, Fachlehrer für Mathematik am Grimmaer Gymnasium, und Prof. Bernd Fritzsche, dem früheren Dekan des Mathematischen Instituts an der Leipziger Uni, fand er richtige und wichtige Partner, um das Projekt auf die Beine zu stellen. „Jens Negwer ist ein engagierter Organisator unserer Reihe“, betont er.

Jens Negwer (r.) dankt Prof. Jürgen Stückrad aus Eisenach nach seinem Auftritt innerhalb der Mathematischen Vortragsreihe in Grimma. Quelle: privat

Nach dem Studium verdiente sich Göthner ab 1961 als Lehrer für Mathematik und Astronomie seine ersten Sporen an der damaligen Erweiterten Oberschule Grimma. Bis 1970 unterrichtete er hier – aus seiner letzten Matheklasse, die er zum Abitur führte, nahmen später drei Schüler eine Professur auf.

Danach wechselte der Grimmaer ans Mathematische Institut nach Leipzig, promovierte (1976), habilitierte (1985), wurde zum Hochschuldozenten berufen (1989) und brachte es bis zum stellvertretenden Leiter. Göthners Herz schlug aber auch immer fürs Grimmaer Gymnasium, und so fand er im Ruhestand die Idee und Zeit für die Mathematische Vortragsreihe. „Ich wollte mich auch ein bisschen nützlich machen“, meint er augenzwinkernd.

Reihe ist quantitativ und qualitativ gewachsen

Die Reihe sei quantitativ und qualitativ stets gewachsen, konstatiert der 86-Jährige. Ursprünglich für Abiturienten des Leistungskurses Mathematik gedacht, ziehe sie zunehmend interessierte Leute aus Grimma und Umgebung an.

Dr. Tim Netzer, der hier Blumen von Jens Negwer(r.) erhält, war bereits Gast der Mathematischen Vortragsreihe in Grimma. Quelle: privat

Eintritt muss keiner zahlen, und die Dozenten erhalten auch kein Honorar. „Ihnen genügt ein Händedruck und Blumenstrauß“, weiß Göthner zu berichten. Sogar auf die Vergütung der Fahrtkosten würden sie verzichten. „Ihr Beruf ist eine Berufung. Dazu gehört, das Wissen an junge Menschen weiterzugeben“, betont der Grimmaer.

Eine Namensliste – das schönste Geschenk

An eine Episode erinnert sich Göthner übrigens, als wäre es gestern gewesen. Zu seinem 75. Geburtstag, den er im kleinen Festsaal des Gymnasiums feierte, war auch Bernd Fritzsche eingeladen. Der frühere Dekan überreichte dem Jubilar eine Namensliste von Professoren und Dozenten, die allesamt bereit waren, in Grimma beim Vortrag ein mathematisches Thema zu vertiefen. „Das war mein schönstes Geburtstagsgeschenk“, strahlt Göthner noch heute.

Allerdings sei die Liste längst abgearbeitet. Auch seine drei Vorzeigeschüler vom Abi-Jahrgang ’70 – Prof. Klaus-Detlef Kürsten, Prof. Andreas Keller und Dr. Michael Schroeder – reihten sich ein in die Schar der Vortragenden.

Prof. Bernd Fritzsche vom Mathematischen Institut Leipzig bei einem Vortrag in Grimma. Quelle: privat

Es bleibt etwas Außergewöhnliches: Die Schüler gehen nicht wie sonst üblich in den Hörsaal zum Dozenten, sondern der Dozent kommt zu den Schülern ans Gymnasium. Zum 70. Vortrag am 7. März ab 16 Uhr, wie immer ein Donnerstag, steht Prof. Peter Borneleit vor dem Publikum. Er wird über Elemente der Graphentheorie sprechen.

Prof. Laszlo Szekelyhidi bei seinem Vortrag in Grimma im Januar 2018. Quelle: privat

Die Planung für 2019 ist übrigens abgeschlossen, Göthner hat mit Jens Negwer („Ohne ihn geht gar nichts“) auch schon die Termine für 2020 abgesprochen. Man brauche einen langen Vorlauf, weiß der 86-Jährige, der bislang ein halbes Dutzend Mal selbst auftrat und auch sonst bei keinem Vortrag fehlte.

Zeit sei bei der Organisation ebenso ein Faktor wie Fingerspitzengefühl, berichtet er. Und das ist kein mathematisches Wunder: Immerhin umwirbt Göthner Koryphäen, die wie der ungarische Prof. Laszla Szekelyhidi auch auf internationalen Kongressen gefragt sind – und trotzdem nach Grimma kommen.

Von Frank Prenzel