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Grimma Alt wie ein Baum: Naunhofer Holzbildhauer zeigt Luther, wie ihn noch keiner gesehen hat
Region Grimma Alt wie ein Baum: Naunhofer Holzbildhauer zeigt Luther, wie ihn noch keiner gesehen hat
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17:14 20.02.2017
Holzbildhauer Günther Schumann zählt zu den nimmermüden Aktivposten in Naunhof. Quelle: Thomas Kube
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Naunhof

Nach dem Abhörskandal um Kanzlerin Merkel kreierte er eine „Mini-Lauschi“ mit zwei Ohren für Gartenlauben. Nach dem Naunhofer Wahlkampf 2013 – für ihn ein Qualkampf – werkelte er für jeden Kandidaten eine Klapsmühle. Nach offensichtlich einschlägigen Erfahrungen mit Behörden schuf er gar einen Faultierpokal. Günther Schumann, 83-jähriger Holzbildhauer aus Naunhof, ist und bleibt ein kultiger Querkopf.

Aus Anlass von 500 Jahren Reformation wechselt Schumann jetzt ins ernste Fach. Zumindest scheinbar. Denn ganz ohne Augenzwinkern geht es auch bei seiner aktuellen Arbeit, der vielbeachteten Lutherbüste, nicht ab: „Ich werde sie der Erdmannshainer Kirche schenken. Dort veranstaltet Wolfram Just zweimal im Monat seine Führungen und sagt jedem Besucher, dass auch Martin Luther schon mal da war. Das ist zumindest umstritten. Aber eben nicht mehr lange. Sobald wir ein passendes Plätzchen gefunden haben, war Luther nicht nur da, sondern ist fortan immer da. Basta.“

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Das Stück Lindenholz, das ihm der befreundete Belgershainer Bürgermeister Thomas Hagenow zur Verfügung stellte, sei mindestens genauso alt wie er selbst, eben alt wie ein Baum: „Da wollte ich keinen jungen Luther darstellen, wie ihn Lucas Cranach gemalt hatte. Sondern einen alten, nachdenklichen, vom Leben gezeichneten, mit grauen Haaren. So einen, wie ihn noch niemand zuvor gesehen hat.“ Das dürfte Schumann gelungen sein.

Nach überstandenen zwei Schlaganfällen wollte ihn der Arzt vor Jahren zur Kur schicken. Doch das Naunhofer Original winkte nur ab: „Ich werde nie aufhören, in meine Werkstatt hoch zu krabbeln, Arbeit ist meine Kur.“ In seiner „Sperlingslust“ fühlt er sich zu Hause – er, der Ur-Naunhofer, der in der sogenannten Malzpiepe das Licht der Welt erblickte, der sich zunächst im Brunnenbau verdingte, später bei Sachsenpelz und im RAW, bevor er 1978 die Holzbildhauerwerkstatt seines einstigen Lehrmeisters Erich Hille übernahm.

Sein mit Bienenwachs, Firnis und Farbpulver patinierter Luther passt zu Naunhof wie die Weißwurst nach Bayern: Im nahen Kloster Eicha verkehrte Luther, hier predigte ab 1530 der evangelische Pfarrer Johann Pfeffinger, jener Mann, der die Reformation neun Jahre später auch in der Leipziger Nikolaikirche einführte. Die vorerst letzte „Wallfahrt“ nach Eicha soll sich übrigens am 31. Mai 1839 zugetragen haben. Damals brachen etliche Leipziger mit 60 Kutschen auf, um auf den Grundmauern der abgerissenen Klosterkirche zu Eicha Pfeffingers Leipziger Predigt und der 300-jährigen Reformation in Leipzig zu gedenken.

Wolfram Just, Ehrenmitglied im Kirchvorstand, freut sich riesig auf die Lutherbüste: „Wir sind uns ganz sicher, dass Martin Luther auf dem Weg von Wittenberg nach Grimma auch durch Erdmannshain kam.“ Die Kirche des Ortes gehöre zu den ältesten weit und breit, gehe zurück auf das Jahr 1150. 2022 feiert das Dorf Erdmannshain seinen 750. Geburtstag, entsprechend würdigt Just die Lutherbüste als vorfristiges Jubiläumsgeschenk.

Er verfasste und bebilderte einen Roman über das Karussellpferd Lotte. Er schuf nach dem Rathausbrand einen Florian für die Stadt. Er vermachte dem Leipziger Zoo zwei Massaifiguren. Nun setzte sich Günther Schumann mit dem in Würde ergrauten Martin Luther selbst ein Denkmal.

Von Haig Latchinian

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