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Grimma Amt verbietet Werkstatt in Rohrbacher Hof
Region Grimma Amt verbietet Werkstatt in Rohrbacher Hof
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08:29 09.09.2019
Lehmwände, alte Balken und dazu passende neue Möbel: Adrian Prager im Küchen- und Wohnraum des Rohrbacher Gebäudes. Quelle: Thomas Kube
Belgershain/Rohrbach

Über ein halbes Jahr stand ein alter Bauernhof in Rohrbach leer, als ihn Adrian und Kerstin Prager entdeckten. „Wir suchten damals einen Ort, in den wir unseren Lebensmittelpunkt verlagern konnten und in dem sich meine Werkstatt einrichten ließ“, sagt der selbstständige Tischlermeister. Mit ersterem hat es geklappt, das Paar wohnt seit Anfang Juni im Dorf. In Sachen Gewerbeansiedlung stieß der Handwerker aber auf für ihn ungeahnte Hindernisse.

Das Problem ist der Strukturwandel auf dem Lande, wie Bürgermeister Thomas Hagenow (parteilos) erläutert. „1990 waren fast alle Höfe im Gemeindegebiet landwirtschaftlich genutzt worden, jetzt sind es noch zwei im Haupt- und zwei im Nebenerwerb.“ Das heißt, aus den Dörfern, in denen es früher allerorten muhte, blökte und gackerte, wurden mehr und mehr reine Wohngebiete.

Tischlerei gilt als störendes Gewerbe

„Die Bauern hörten auf. Aber das Baugesetz stellt hohe Hürden, wenn jemand einen Hof mit Wohnen und Arbeiten reaktivieren will“, sagt Prager, der seine Firma „Möbel die bleiben“ nach wie vor in Markkleeberg betreibt. Den Umbau in eine Software-Schmiede hätte ihm das Bauordnungsamt des Landkreises sicherlich längst genehmigt. Aber eine Tischlerei, das ergab sich für ihn im Laufe des Genehmigungsverfahrens, gilt als störendes Gewerk. Da kommt es auch nicht darauf an, dass, wie Prager versichert, in seiner Nachbarschaft niemand etwas dagegen hätte.

Unverständnis äußert Bürgermeister Hagenow. „Es geht um einen Betrieb, der zur normalen Arbeitszeit Geräusche machen würde“, sagt er. „Das sollte erlaubt sein. Hier fehlt die Flexibilität.“

Prager will lebendiges Dorf

Adrian Prager, der drei Jahre auf der Walz in mehreren Staaten war, erkannte, dass das Handwerk seinen Ursprung auf dem Lande hatte. „Jeder, der heute nach Bayern kommt, freut sich über lebendige Dörfer, in denen Gewerbe angesiedelt ist, wodurch sich auch ein Laden lohnt“, argumentiert er. „Wir aber neigen dazu, in Wohn- und Gewerbegebiete zu trennen.“

Landratsamt verweist auf Gesetze

Sein Wunsch, auf dem 2015 gekauften Grundstück zunächst zwei Stallgebäude und eine Scheune abzureißen und durch einen Winkelbau zu ersetzen, in dem er eine Werkstatt einrichten wollte, blieb unerfüllt. Das Landratsamt verweist auf die Baunutzungsverordnung, nach der Dorfgebiete „der Unterbringung der Wirtschaftsstellen land- und forstwirtschaftlicher Betriebe, dem Wohnen und der Unterbringung von nicht wesentlich störenden Gewerbebetrieben sowie der Versorgung der Bewohner des Gebiets dienenden Handwerksbetrieben“ dienen.

Dörfer brauchen das Gewerbe

Kommentar von Frank Pfeifer

Was wurde nicht alles orakelt nach der Landtagswahl in Sachsen! Als einen Grund für das schlechte Abschneiden der bisher etablierten Parteien nannten Analysten häufig den abgehängten ländlichen Raum. Sei mal dahingestellt, ob das wirklich die Hauptursache war, so muss in der Tat festgestellt werden, dass auf dem Dorfe etwas schiefläuft. Und dieses Problem ist hausgemacht – von den bisher etablierten Parteien.

Nicht nur Rohrbach zeigt, wie sich die Politik der jüngsten Zeit in den ländlichen Gemeinden auswirkte. Nach 1989 gelang es nicht, die Höfe wiederzubeleben, von denen noch viele durch die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften mitgenutzt worden waren. Die Vorherrschaft der großen Agrarbetriebe blieb erhalten; Wiedereinrichter hatten es schwer, sich zu etablieren. Die Folge: Ohne Nutzung wurden viele Güter zur Last.

Die einen Eigentümer verkauften Land für neue Wohngebiete und setzten damit ihre Immobilien in Stand. Andere Höfe verfielen. Die Auswirkungen glichen sich in einem Punkt: An der einen Stelle bauten Zuzügler ihre Einfamilienhäuser und wollten fortan das Landleben genießen, ohne durch Lärm und Gestank belästigt zu werden. Und rund um die verwaisten Höfe wurde es ebenso still.

Heute haben wir Gemeinden, die sich als reine Wohndörfer bezeichnen lassen. Und das nicht nur in der Lausitz, sondern auch und gerade im Speckgürtel der Großstadt, in den viele Leipziger Familien zogen. Hier stört schon, wenn der Nachbar zur Unzeit den Rasenmäher anwirft. Geduldet wird allenfalls Kinderlärm – zumindest, solange der eigene Nachwuchs noch im Hause ist. Die Eltern arbeiten auswärts, kommen erst abends heim.

In solchen Dörfern sind die Straßen tagsüber leer. In ihnen wird nichts mehr erwirtschaftet, und die Gesetze zementieren diesen Status quo. Will jemand, wie in Rohrbach, einen Betrieb eröffnen, wird ihm das verboten. Dabei spielt keine Rolle, dass Tischlereien und andere Handwerksbetriebe neben der Landwirtschaft zum traditionellen Mix in jedem Dorf gehörten. Was tot ist, muss nach Recht und Ordnung tot bleiben.

Wenn es den Landespolitikern nach der Wahl ernst damit ist, den ländlichen Raum aufzuwerten, dann müssen sie jetzt umsteuern. Wir brauchen Gesetze, die beschauliche Idylle mit neuem Gewerbe eng verbinden. Dann findet vielleicht mancher Zugezogene seinen Arbeitsplatz vor der Haustür. Und dann lebt das Dorf nicht erst nach 17 Uhr.

Landgemeinden, so Sprecherin Brigitte Laux, könnten sich aber weiter entwickeln. „Das bedeutet, entscheidend ist immer das aktuelle Bild, das sich ergibt. Wenn der Dorfcharakter über Jahre hinweg komplett verschwunden ist, verändern sich damit auch die zulässigen Nutzungen“, erläutert sie. „Das ist eine Entwicklung, die dem Schutz der Bewohner dient.“

Investor beginnt Umbau

Weil Prager seine Werkstatt momentan nicht nach Rohrbach verlegen kann, machte sich der gebürtige Leipziger mit Fachfirmen zunächst an die Sanierung des ehemaligen Wohnhauses. „Familie Erler aus der Nachbarschaft war immer zur Stelle, wenn eine helfende Hand gebraucht wurde“, betont er.

Nach der Entkernung des hauptsächlich aus Lehmwänden bestehenden Gebäudes begann im März vergangenen Jahres der Umbau. Der neue Grundriss der Räume sollte nicht nur dem Ehepaar, sondern auch dem Haus guttun. Damit die Außenmauern atmen können, wurden sie freigehalten und alle Schränke sowie der Technik- und Heizungsraum in der Mitte der Grundfläche angeordnet. Rundherum verläuft auf beiden Etagen eine Randsockelheizung, die die Lehmwände von unten her warm hält, so dass Kondensat und Schimmel keine Chance haben.

Bürgermeister steht zu Prager

Alte Deckenbalken, die ursprünglich mit Lehm verputzt waren, wurden freigelegt. „Die Kastenfenster stellten wir selber her; 320 Scheiben haben wir gekittet“, berichtet der Tischlermeister. Aus seiner Werkstatt stammen auch die Möbel, die trotz ihres modernen Designs in dem historischen Umfeld stimmig wirken. „Mit einem einzigen Detail kann ich die Atmosphäre zerstören“, sagt Prager, der sogar Lichtschalter und Steckdosen auftrieb, die aussehen, als stammten sie noch aus der Bakelit-Zeit.

Ein Jahr werden die Pragers wohl noch brauchen, bis das Gebäude fertig saniert ist. „Es wäre schön, wenn wir dann mit der Werkstatt loslegen könnten“, sagt der Neu-Rohrbacher. Das hofft auch Bürgermeister Hagenow, der versichert: „Leute wie er haben meine volle Unterstützung.“

Von Frank Pfeifer

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