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Grimma Apotheker Eberhard Jasinski geht in Ruhestand und hält Colditz die Treue
Region Grimma Apotheker Eberhard Jasinski geht in Ruhestand und hält Colditz die Treue
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00:19 02.02.2018
Noch bis 5. November wird im Saalhaus vom Schloß Colditz eine besondere Ausstellung präsentiert: Bilder, Grafiken und Skulpturen von Irmgard Sander. Die ehemalige Lehrerin wurde 103 Jahre alt und hatte sich nur hobbymäßig mit bildnerischer Kunst und Plastiken beschäftigt. Ausstellungsinitiator Eberhard Jasinski freut sich über die zahlreichen Einträge ins Gästebuch der Ausstellung. Foto: Thomas Kube
Noch bis 5. November wird im Saalhaus vom Schloß Colditz eine besondere Ausstellung präsentiert: Bilder, Grafiken und Skulpturen von Irmgard Sander. Die ehemalige Lehrerin wurde 103 Jahre alt und hatte sich nur hobbymäßig mit bildnerischer Kunst und Plastiken beschäftigt. Ausstellungsinitiator Eberhard Jasinski freut sich über die zahlreichen Einträge ins Gästebuch der Ausstellung. Foto: Thomas Kube Quelle: Thomas Kube
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Colditz

Es gibt sie noch, jene auszusterben drohende Spezies, tief im Osten, in Colditz: den rundum glücklichen Menschen! Wie ein Schuljunge vor den Sommerferien freut sich der 63-jährige Eberhard Jasinski auf seinen heutigen letzten Arbeitstag. Nun kann er also kommen – der längste Urlaub seines Lebens, sogar ganz ohne vorherige Zeugnisübergabe.

Eine Übergabe gibt es für ihn und seine Frau Ute dann doch: Das Pharmazeuten-Ehepaar verkauft sowohl Engel- als auch Sophien-Apotheke an Nachfolger Gerd Förster, der mit Schwager Volco Korn und dem angestammten Personal beide Adressen fortführen wird. Volco Korn war zuvor bei Eberhard Jasinski angestellt und braute mit ihm aus Brennnesseln und Löwenzahn das unvergleichliche Reib. Reib? „Verkehrt herum geschrieben bedeutet das Bier, das wir aber wegen des deutschen Reinheitsgebotes so nicht nennen dürfen.“

Tausendsassa Jasinski: Für „Apotheker ohne Grenzen“ leistete er im Tsunami-Notstandsgebiet von Sri Lanka erste Hilfe. Und auch für Colditz ist er ein Sechser im Lotto: Das Stadtgefängnis sanierte er genauso wie das Königlich-Sächsische Amtsgericht. 16 altersgerechte Wohnungen samt Begegnungsstätte sind entstanden. Nicht genug, dass der Apotheker in der Töpferstraße einen eigenen Kräutergarten anlegte, dort auch etliche Führungen und Vorträge veranstaltete, kreierte er noch dazu seine unschlagbaren Liköre: Antonius-Bitter, Bucher Klosterfeuer, Colzer Kräuter. Spektakulär sein vielbeachteter Versuch, aus Colditzer Erden richtiges Porzellan herzustellen: „Leider, trotz verschiedenster Brenntechniken kam immer nur Steingut raus“, lacht der vielleicht fitteste Ruheständler unter der Sonne.

Ab Mittwoch muss sich der Apotheker weder mit Konkurrenten aus dem Internet noch mit Versand-Apotheken herumschlagen: Endlich könne er sich ganz seiner größten Leidenschaft widmen – der Fotografie. Mit 14 verdiente er sich auf dem Bau seine erste Exa 500. Inzwischen hat er 120 Kameras, dekoriert damit diverse Fotoausstellungen, für deren Zustandekommen sich das Mitglied der Gesellschaft Schloss Colditz immer wieder maßgeblich einsetzt: 150 Jahre Fotografie in Colditz, Tierfotograf Helmut Drechsler, Deutschlands 100 Bilder des Jahres, Irmgard Sanders Lebenswerk – zahlreiche, auch überregional ausstrahlende Schauen gingen im Saalhaus über die Bühne. Als Mitglied eines Leipziger Kunstvereins plant Jasinski weitere Workshops: Porträt, Mode, Akt – seine Schnappschüsse von freizügigen jungen Frauen sind eh schon lange heiß begehrt.

Cornelia Hippe-Kasten, stellvertretende Bürgermeisterin, ist voll des Lobes über den Kunstmäzen: „Am 24. März eröffnen wir im Schloss die in Deutschland wohl einmalige Fotoschau von Harald Lange ,Poesie des Waldes’. Da hat der Eberhard auch seine Hände mit im Spiel.“

1981 war der Mann mit der sanften Stimme von Greifswald nach Sachsen übergesiedelt. Das DDR-Gesundheitswesen „lenkte“ ihn zunächst nach Leipzig. Weil es dort für die Familie keinen Wohnraum gab, heuerte Eberhard Jasinski als Krankenhausapotheker in Zschadraß an: „Zschadraß, als ich den Namen zum ersten Mal hörte, hatte ich gedacht, das liegt irgendwo in Ungarn!“ Längst ist der frischgebackene Ruheständler bekennender Colditz-Fan, er dankt aus vollstem Herzen seiner treuen Kundschaft und verspricht, der Stadt auch im Ruhestand die Treue zu halten: „Meine Frau und ich fühlen uns im Markt 3 sehr wohl, 1990 hatten wir das Haus vor einem möglichen Verfall gerettet.“ Nun freut er sich auch auf mehr Zeit mit seinen drei erwachsenen Kindern. Die Tochter ist Physiotherapeutin, der jüngste Sohn freischaffender Pilot, der mittelste behindert: Die Woche über ist Peter in Höfgen, am Wochenende kommt er zu den Eltern. Dann startet er seine Runde durch die Stadt, spricht laut vor sich her, schimpft über Verschwendungssucht und Unrat. Er sammelt Flaschen und liest auch den kleinsten Papierschnipsel auf. Dazu der Vater: „Peter ist in Colditz viel bekannter als ich.“

Von Haig Latchinian