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Grimma Der Grimmaer Gerhard Weber zeigt mehr als Porträts – Spuren gelebten Lebens
Region Grimma Der Grimmaer Gerhard Weber zeigt mehr als Porträts – Spuren gelebten Lebens
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11:28 20.01.2017
Quelle: Gerhard Weber
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Grimma

 Nah, näher geht nicht. Die Porträts, die der Grimmaer Fotograf Gerhard Weber ab 21. Januar in seiner Ausstellung in der Rathausgalerie seiner Heimatstadt zeigt, verwundern. Diesmal ist alles ganz anders. Seine Erwartungen, aufgeladen in der großen Freiluftschau in Höfgen oder vor sieben Jahren in der Ausstellung in der Klosterkirche, kann der Besucher getrost vergessen.

„Der andere Blick“, so der Titel der Schau, überrascht in seiner Unmittelbarkeit, im Ausblenden jeglicher Milieuschilderung. Seit zehn Jahren hält Weber mit unterschiedlicher Konsequenz Künstler, Politiker, regionale Prominenz sowie einfache Menschen aus dem Muldenland in Porträts eher klassischen Zuschnitts fest. Dabei spielt er seine Stärke eindringlicher Beobachtung aus. Sie äußert sich in der Fähigkeit, mit schlafwandlerischer Sicherheit und beim richtigen Licht entscheidende Momente zu erfassen, den Porträtierten eher ungeläufige Facetten ihrer Persönlichkeit abzugewinnen.

So offenbart schon mal ein Minister, der in der offiziellen Wahrnehmung eher trocken und unpersönlich wirkt, erstaunlich sympathische Züge. Andere, deren Gesichter man gut zu kennen glaubt, geben im Profil ganz neue Nuancen frei. Oft aber gelingt es Weber, als wäre er mit dem Teufel im Bunde, genau den Zeitpunkt zu erfassen, in dem für einen Sekundenbruchteil Wehmut, grenzenlose Erleichterung oder äußerste Ratlosigkeit aufblitzen. Immer wieder aber trifft der Fotograf einen jener Augenblicke, in denen sich die Porträtierten unbewusst ganz öffnen. Dann entstehen wunderbare Fotos, und jenseits von landläufigen Schönheitsvorstellungen scheint realistische Fotografie von großer Tiefe auf. Sie bezieht aus dem direkten Zugriff der Kamera Authentizität und Lebendigkeit. Die Schwarz-Weiß-Formate konzentrieren sich ganz auf das Gesicht, das oft in Überschärfe die Spuren gelebten Lebens spiegelt. Etlichen seiner Modelle hat Weber so ein feinfühliges Denkmal gesetzt. Der Schlagersänger Ecki Göpelt aus Nerchau, die Oswald-Enkelin Gretel Brauer, der Sprachforscher Horst Naumann und die Bäckersfrau Traudel Pommer aus Grimma, der Installationskünstler Harald Bauer und der Aktfotograf Günter Rössler sind inzwischen verstorben.

Modelle fand Weber auch in Leisnig, Döbeln, Kössern und Cannewitz. Seine Originale sind oft Menschen, die einer Lebenslinie folgen, die sie an den Rand der Gesellschaft führt, aber ihre Würde bewahren lässt. Altersarmut und eine Perspektivlosigkeit, die nur von Hartz IV aufgefangen wird, sind Themen, denen sich Weber nicht verschließen kann.

Normalerweise nimmt sich der Fotograf viel Zeit, auf Menschen zuzugehen und sie in ihrer Eigenart und in ihrem Umfeld zu begreifen. Das war auch das Erfolgsgeheimnis seiner Colditzer Familienporträts und der Bildfolge der Leute von Erlln, richtungsweisender sozialdokumentarischer Fotografie, die dem diplomierten Fotografiker, Jahrgang 1940, auch international renommierte Preise eintrug. Doch diesmal ist alles anders. Weber gelangen nach endlosen Beobachtungen Schnellschüsse, die in der Rathausgalerie nicht nur gezeigt werden, sondern zum großen Teil auch hier entstanden. Bei Vernissagen und Podiumsgesprächen des Grimmaer Kunstvereins fand der Fotograf Inspiration, Menschen, die er mit jahrzehntelang erworbener Sicherheit ganz im Vertrauen auf den Augenblick bannte. Freilich sind die 55 Fotos, die in Galerie und Gewölbe gezeigt werden, nur die Essenz aus einem Konvolut von rund 250 Bildern, die über ein Jahrzehnt ohne jede Einflussnahme und ganz aus der Situation entstanden. Das Teleobjektiv verschafft Weber dabei eine Distanz, die er zu schätzen weiß: Sein Gegenüber bleibt unbefangen. Der Computer ersetzt heute die Arbeit in der Dunkelkammer. Um die Glätte der digitalen Ergebnisse aufzuheben, Tiefe und Spannung zu erzeugen, aktiviert Weber am PC gern die bevorzugte Körnung seiner alten Orwo-Filme. Um seine Aussage zu verdichten, verändert er Bildausschnitte, setzt Weichzeichner oder Härten ein.

Der Fotograf hat von den Vorgängern gelernt, die das Lichtbild im 19. Jahrhundert salonfähig machten. Fürs Erinnerungsfoto musste man seinerzeit geduldig ausharren. Doch die lange Belichtungszeit, so scheint es, löste die Spannung, machte die Menschen eher lebendig. Diese simple Erkenntnis hat sich Weber in seinen bekannten Bildfolgen zunutze gemacht. Bei den eigenwilligen Porträts, die er jetzt in der Rathausgalerie vorstellt, genügt seiner Perfektion inzwischen der Bruchteil einer Sekunde für ein starkes Ergebnis.

id: Der andere Blick des Fotografen Gerhard Weber, Persönlichkeiten, Originale, Prominente aus Grimma, dem Muldenland und Sachsen, Rathausgalerie Grimma, Vernissage am 21. Januar, 11 Uhr. Bis 5. März, geöffnet Dienstag, Donnerstag, Freitag, Sonnabend, Sonntag 15 bis 17 Uhr

Von Ingrid Leps