Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Grimma „Der Schmerz, die Familie zu verlieren – für Außenstehende unvorstellbar“
Region Grimma

„Der Schmerz, die Familie zu verlieren – für Außenstehende unvorstellbar“

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:12 12.12.2020
Trauernde Kinder, die vom Verein Wolfsträne begleitet werden, halten zusammen.
Trauernde Kinder, die vom Verein Wolfsträne begleitet werden, halten zusammen. Quelle: privat
Anzeige
Grimma/Leipzig

Wenn Kinder nahe Angehörige verlieren, ist die Sprachlosigkeit oft groß. Vor lauter Unsicherheit wenden sich nicht wenige ab, um bloß keinen Fehler zu machen. Doch wer kümmert sich in dieser Ausnahmesituation um die jungen Leute? Das fragte sich vor gar nicht langer Zeit auch die heute 39-jährige Katrin Gärtner. Weil die Leipzigerin damals vergeblich nach Begleitung für ein betroffenes Mädchen suchte, wurde sie im März 2017 selbst aktiv.

Sie gründete „Wolfsträne“, den Verein für trauernde Kinder und Jugendliche. Bis heute konnten die überwiegend ehrenamtlich arbeitenden Mitglieder rund 300 Kids helfen. Aktuell begleiten sie 180 Mädchen und Jungen in 13 Trauergruppen, aber auch individuell. Vor wenigen Wochen konnte der Verein in der Windmühlenstraße Leipzigs erstes eigenständiges Trauerzentrum für Kinder und Jugendliche eröffnen. Seit Sommer gibt es eine Außenstelle in Torgau.

Verein bietet geschützten Raum

Drei liebevoll gestaltete Gruppenräume bieten den Kindern einen geschützten Rahmen. In der Mitte des Sitzkreises befindet sich eine große Schale mit Naturmaterialien je nach Jahreszeit. In Erinnerung an die Verstorbenen entzündet jeder Teilnehmer zu Beginn der jeweils zweistündigen Sitzung ein Teelicht. Dieses pustet er am Ende auch wieder selbst aus. Zwischendrin werden Kerzen bemalt, Gestecke gebastelt, Erinnerungskisten beklebt.

Auch Max aus Grimma war schon bei einer Sitzung dabei. Der 13-Jährige verlor bei einem Wohnungsbrand seine Mutter und die Geschwister. Seitdem wohnt er bei Oma und Opa im Nachbardorf. Julia Enoch vom Verein begleitet Max von Anfang an und steht auch mit den Großeltern in Kontakt. Ausdrücklich dankt sie den Lesern der LVZ, die sich seit Wochen an der Spendenaktion „Ein Licht im Advent“ beteiligen.

LVZ-Leser spenden für Urlaubsreise

Wie berichtet, ist das Geld für eine Urlaubsreise des Jungen gedacht. Er soll an der Seite seiner Großeltern für ein paar Wochen auf andere Gedanken kommen. Der Betrag, der übrig bleibt, soll Max später den Einstieg ins Berufsleben erleichtern. „Max war in diesem Sommer der jüngste Teilnehmer bei unserer Ferienfahrt in die Uckermark“, sagt Julia Enoch. Sie ist die Stellvertreterin der gleichaltrigen Geschäftsführerin Katrin Gärtner.

Der Verein, dessen Angebote für die Betroffenen kostenlos sind, finanziert sich ausschließlich über Spenden. „Verlieren Kinder ihre Eltern, bricht für sie eine Welt zusammen. Sie glauben, sie seien die einzigen auf Erden, die so ein Schicksal erlitten. Wenn sie dann in unsere Gruppen kommen, sehen sie, dass es anderen ähnlich ergeht.“ Das schweißt zusammen. Seit 2017 sind etliche Freundschaften entstanden.

Die Kinder besuchen und schreiben sich, mitunter gehen sie auch zusammen auf den Friedhof. Der Verein begleitet die jungen Leute auch schon, wenn Mama oder Papa im Sterben liegen. Die Mädchen und Jungen würden aktiv in das Abschiednehmen eingebunden. Ist der Tod eingetreten, dürfen Kinder ihre Angehörigen noch einmal berühren. Es gehe darum, dass Unfassbare zu begreifen, sagen die Vereinsmitglieder, die mit Kindern auch schon Särge bemalt haben.

Verein ist mehrfach preisgekrönt

2018 ehrte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Leipziger Initiative mit dem „startsocial“-Sonderpreis. Im Juni 2019 erhielt „Wolfsträne“ den Familienfreundlichkeitspreis der Stadt Leipzig. In diesem Monat zeichnete Bundesfamilienministerin Franziska Giffey den Verein mit dem Deutschen Engagementpreis in der Kategorie „Leben bewahren“ aus. Für die Mitglieder kein Grund, sich zurück zu lehnen – im Gegenteil.

Sie gehen in die Klassen, um mit Kindern etwa den Verlust eines Mitschülers zu verarbeiten: „Die Mädchen und Jungen sind dabei sehr einfallsreich. Sie lassen Luftballons mit daran befestigten Grüßen steigen. Sie kochen das Lieblingsessen des Verstorbenen, spielen seine Lieblingslieder oder erscheinen mit Klamotten in dessen Lieblingsfarbe“, sagen die Vereinsmitglieder. Ihnen stellen die Kinder auch Fragen, die sonst kaum einer beantworten kann.

Verein kommt auch im Muldental zum Einsatz

Die Ehrenamtler werden zum Trauerbegleiter für Kinder und Jugendliche qualifiziert. Die Mitstreiter, die auch im Muldental aktiv werden, kommen aus ganz unterschiedlichen Berufen. Vom Erzieher über die Krankenschwester bis zum Polizisten ist so ziemlich alles vertreten. Oft würden die Hilfesuchenden über Krankenhäuser, Kriseninterventionsteams oder Polizeibeamte an den Verein vermittelt. Manchmal finden Betroffene auch nach eigener Recherche zur „Wolfsträne“.

Aber wie kam es eigentlich zum Namen „Wolfsträne“? Der Verein sagt es so: „Die Träne steht für Trauer. Und der Wolf für ein Lebewesen, das dem Menschen in seinem sozialen Verhalten sehr ähnlich ist.“ Julia Enoch hofft, dass noch möglichst viele Spenden zugunsten von Max eingehen mögen. Er müsse an einem besonders schweren Schicksal tragen. Die Eltern zu verlieren und die Geschwister – wie schlimm das ist, können sich Außenstehende nicht vorstellen.“

Von Haig Latchinian