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Grimma Die Hall of Fame wird in Colditz zur Wall of Shame
Region Grimma Die Hall of Fame wird in Colditz zur Wall of Shame
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15:37 11.07.2019
Die größten Söhne der Stadt fristen seit nunmehr vielen Wochen ein trostloses Dasein hinter Gittern. Quelle: Haig Latchinian
Colditz

Unglaublich, aber wahr: Die größten Söhne der Stadt Colditz – hinter Gittern! Die Rede ist von den großformatigen Bildern jener Persönlichkeiten, die einst im Ort gewirkt hatten. Gedacht als Hall of Fame ist die Fassade der alten Brauerei längst zur Wall of Shame, zur Wand der Schande, verkommen.

Colditz sichert leerstehendes Haus am Markt

Weil sich das leer stehende Haus am Markt in beklagenswertem Zustand befindet, mussten die Stadtväter reagieren. Sie stellten Gitterzäune auf, um zu verhindern, dass Passanten von herab stürzenden Dachziegeln erschlagen werden. So weit, so gut. Doch immer mehr Colditzer befürchten nun, dass die Notlösung gar zum Dauerzustand werden könnte.

Wolf-Dieter Padberg ist fassungslos: „Warum wird das Dach nicht repariert? Stattdessen reißt man zwei intakte Kreisverkehre auf und macht sie für 600000 Euro neu. Die halbe Stadt ist lahm gelegt. Ein Schwachsinn.“ Er selbst sei Bauingenieur, wettert der Rentner. Er wisse, wovon er rede. „Der Unterbau ist tadellos, es gab nicht mal Schlaglöcher.“

Colditz möchte die Immobilie erwerben

Auch ihn betrübe die Fassade, räumt Bürgermeister Robert Zillmann (parteilos) ein. Untätig aber sei die Kommune nie gewesen: „Der langjährige Verwalter der Immobilie ist verstorben. Daher wurde ein Liquidator eingesetzt. Die Stadt ist jetzt dabei, das Haus zu erwerben.“ Fördergelder seien beantragt, um denkmalgerecht zu sichern.

Projekt erfordert Engagement privater Investoren

Allein könne die Stadt das Projekt nicht leisten, so Zillmann. Es handle sich nicht nur um ein einzelnes Haus. „Das baufällige Grundstück reicht viel weiter nach hinten – bis fast hinunter zu Lidl.“ Die Kommune suche nun nach guten Ideen und möglichen Investoren: „Es gab schon Gespräche, aber alle haben abgewunken. Ihnen ist die Sache zu groß.“

So fristen die Porträts der honorigen Colditzer weiter ein Schattendasein. Hinter dem schmucklosen Bauzaun verbirgt sich eine ganze Riege von Persönlichkeiten: Luthers Freund Wenceslaus Linck, Johann David Köhler, Begründer der deutschen Münzkunde, Günter Gottlebe, Direktor des Porzellanwerkes, Tierfotograf Helmut Drechsler sowie Pfarrer Christian Führer.

Zuletzt wurde noch eine Gedenktafel zu Ehren des vor über 40 Jahren getöteten Piloten der „Landshut“, Jürgen Schumann, angebracht. Dieser wurde am 29. April 1940 in Colditz geboren und am 16. Oktober 1977 in Aden (Südjemen) von Terroristen erschossen. Neben dem Porträtfoto und einer Abbildung der Unglücksmaschine sind wichtige Lebensstationen Schumanns sowie der Hergang der Flugzeugentführung vermerkt.

Zustand könnte Image von Colditz beschädigen

Rentnerin Gerda Urban wünscht sich eine rasche Lösung – gerade auch wegen der vielen Touristen, die dort vorbei kämen. „Die Bilder können ja nicht woanders hin. Sie müssen schon am Markt bleiben.“ Sie selbst habe Pfarrer Christian Führer noch erlebt, ihre Mutter sei bei ihm sogar in die Predigt gegangen. So einen Anblick hätten alle Sechs nicht verdient.

Unterdessen führen die Raben auf dem Dach weiter muntere Tänze auf. Weil sie sich an dem Moos zwischen den Dachziegeln gütlich tun, steht zu befürchten, dass sich weitere Steine lockern und zu Boden gehen. Somit müssen die Betrachter vor den Gittern weiter auf Abstand gehalten werden. Hoffentlich haben sie wenigstens die Brille dabei!

Von Haig Latchinian

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