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Grimma Die Russen sind in Grimma zurück
Region Grimma Die Russen sind in Grimma zurück
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09:47 12.10.2018
Preisgekrönte Aufnahme: Der freudig erregte russische Offizier entdeckt kurz vor der Grimmaer Garnison seine Frau und die Kinder..
Preisgekrönte Aufnahme: Der freudig erregte russische Offizier entdeckt kurz vor der Grimmaer Garnison seine Frau und die Kinder.. Quelle: Gerhard Weber
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Grimma

Es sei eine historisch wertvolle Bilderserie, ein echtes Zeitdokument und – wenn man so will – ein Stück Weltgeschichte, sagt Thomas Kube, 54-jähriger Leiter des Grimmaer Fotovereins und LVZ-Fotograf: „Zu der Zeit war es streng verboten, militärische Objekte, Technik und erst recht Soldaten zu fotografieren. Gerhard Weber bekam die Chance und nutzte sie.“ Sein direkter Vorgänger, so Kube, habe die Szenerie aus voller Bewegung heraus festgehalten, was bemerkenswert sei: „Weder stoppten die Sowjets für ihn noch posierten sie.“ Ja, auch er hätte damals so gehandelt wie Weber, betont Kube. Dafür sei er viel zu sehr Vollblutreporter. Wenngleich man aus heutiger Sicht wisse, dass es nichts zu jubeln gegeben habe: „Den Menschen in Grimma und überall im Osten wurde damals weisgemacht, die Russen und ihre Verbündeten hätten in Prag den Weltfrieden verteidigt. In Wahrheit war es die blutige Niederschlagung einer Demokratiebewegung.“

Weber hörte die Panzer auf den Straßen von Colditz

Der Fotograf Gerhard Weber, heute 78 Jahre alt, war in den Tagen des Prager Frühlings 28. Quelle: Gerhard Weber

Damals, im Jahr 1968, war Gerhard Weber Kreiskulturhausleiter in Grimma, gleichzeitig Fernstudent an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Er leitete den Grimmaer Fotoklub und arbeitete als Fotokorrespondent für die LVZ. Er wohnte in Colditz und hörte in jener Nacht vom 20. auf den 21. August das stundenlange Rumoren der Panzer. „Noch am Vormittag standen die Militärposten auf der Straße. Ich hatte denen erstmal was zu trinken und zu essen gebracht.“ Wohin die Reise der Sowjets ging, erfuhr er erst später aus den Nachrichten.

Am 4. November bekam er in Colditz offiziellen Besuch von Werner Knur, damals LVZ-Lokalredakteur. Der fragte an, ob es dem Studenten möglich sei, am nächsten Tag eine Reportage über die Rückkehr der sowjetischen Soldaten zu machen. Weber sagte zu. Was er in dem Moment nicht wusste: Die Russen waren bereits in nächster Nähe, mussten bei empfindlicher Kälte noch eine ganze Nacht im Colditzer Forst zubringen, um den Genossen in Grimma genug Zeit zu geben, den triumphalen Empfang zu organisieren. Am 5. November stand Weber dann wie ausgemacht bereit, um den Konvoi auf den letzten Kilometern zu begleiten.

Die endlose Fahrzeugkolonne in der Nimbschener Aue. Die Technik ist festlich geschmückt, das Lachen der Soldaten eher gequält. Quelle: DDR_Bildband-Gerhard Weber

In Schönbach steht Webers Frau an der Straße

Glück für ihn: Er durfte auf einen der offenen gepanzerten Wagen klettern: „Es war ein nebliger, trüber Tag. Ich bekam eine Wattejacke verpasst, dazu noch eine Schapka. Zur Sicherheit hatte ich zwei Kameras dabei. Mit der einen fotografierte ich, die andere presste ich unter der Jacke fest an meinen Bauch, um sie warm zu halten. Denn bei Temperaturen um Null setzte sie oft aus.“ Die Straßenränder seien von Menschen gesäumt gewesen. In Schönbach hatte seine Frau Brigitte ihre erste Lehrerstelle. Deren Kinder glaubten ihren Augen nicht: „Frau Weber, Frau Weber, dort oben, das ist doch ihr Mann!“ Weber war schon damals ein Hingucker: Schwarze Haare, gute Figur, schicke Klamotten – der Stoff, aus dem Helden sind.

Phänomenale Stimmung in Grimma

Über Leisenau und Großbothen, wo überall Menschen mit Fähnchen und Blumen winkten, ging es in die Nimbschener Aue. Dort gelang Weber ein Schnappschuss, der die unendliche Fahrzeugkolonne zeigt. „In Grimma war die Stimmung phänomenal. Die extra freigestellten Werktätigen und Schüler jubelten den Sowjets zu. Fast wie nach einem gewonnenen Krieg.“ Kurz vor Erreichen der Garnison fotografierte Weber einen russischen Offizier, der auf dem Trittbrett stehend seine Frau und die Kinder entdeckt. „Freudig, mit offenen Armen und der Schirmmütze auf halb acht jubelt er den Seinen zu.“ Für die Aufnahme wurde Weber beim Festival der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft in Magdeburg mit der Goldmedaille geehrt. Verbunden war der Preis mit einer 14-tägigen Reise nach Moskau und Leningrad.

Sympathie für die Reformbewegung in Prag

Was Weber bei der Durchsicht der Fotos erst später bemerkte: „Die einfachen Soldaten, die auf der Ladefläche standen, jubelten nicht. Ihnen sah man die Strapazen der vergangenen Wochen deutlich an. „In gebrochenem Schulrussisch hatte ich sie auf der Fahrt vergeblich versucht anzusprechen – sie waren in sich gekehrt und in Gedanken versunken.“ Im Stillen habe er schon damals mit Alexander Dubček und dessen Reformbewegung sympathisiert, sagt Weber: „Aus heutiger Sicht war der Prager Frühling der wohl letzte Versuch, den Sozialismus menschlich zu machen. Die Niederschlagung war der Anfang vom Ende des Systems. Der Sozialismus ist ja an sich keine schlechte Idee, nur an der Umsetzung fehlte es.“

Brot und Salz für die Sowjets in Grimma

Am Nachmittag des 5. November empfing der damalige 1. Sekretär der Kreisleitung den Kommandeur der in Grimma stationierten sowjetischen Streitkräfte mit Brot und Salz. Weber schoss auch davon Fotos. Die damals herrschende Atmosphäre im Stadion der Freundschaft beschreibt er als ausgelassen. Es habe etliche Geschenkpäckchen gegeben und immer wieder Drushba-Freundschaft-Rufe. Was die Grimmaer damals wirklich dachten – Weber vermag es auch heute noch nicht zu sagen. „Sicher, es gab auch Kritiker, aber von ihnen war nichts zu sehen. Wie auch?!“

Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings wird der Kommandeur der sowjetischen Truppen in Grimma mit Brot und Salz empfangen. Quelle: Gerhard Weber

NVA durfte nicht einmarschieren

Rudolf Priemer (81), damals Museumsdirektor, war an besagtem Tag auch im Stadion. Er spricht von einem, so wörtlich, furchtbaren Tumult. „Die Stimmung kochte hoch, alle jubelten, die Kinder schrien noch Jahre später Drushba-Freundschaft.“ Ihm sei das auch im Nachhinein noch peinlich. Offenbar habe kaum einer gewusst, worum es wirklich ging. „Offiziell hieß es, die Russen und die Bruderstaaten hätten in Prag die Nazis besiegt und damit den Weltfrieden gerettet. Es war schlicht eine Okkupation. Mit über 100 Toten!“ Priemer wusste schon damals mehr als andere. In einer tschechischen Zeitschrift hatte er das Manifest der 2000 Worte gelesen und empfand das Programm der tschechoslowakischen Reformer als Offenbarung: „Da war die Rede von einer toleranten Gesellschaft!“ Er traf sich regelmäßig mit tschechischen Wanderern im Gebirge. Nichts ahnend verabschiedete er sich von ihnen am Vorabend jenes schicksalhaften 21. August am Bahnhof Liberec. Alle Briefe, die er ihnen in der Folgezeit schrieb, kamen ungelesen zurück: „Die patriotisch gesinnten Freunde haben mir diese Okkupation nie verziehen.“ Ironie des Schicksals: Erst später stellte sich heraus, dass die NVA zwar bereit stand, aber auf Weisung Moskaus nicht mit einmarschieren durfte.

Kritik an deutsch-sowjetischer Freundschaft in Grimma

Priemer bezeichnet die Deutsch-Sowjetische Freundschaft als Luftnummer. „Getafelt und vor allem gebechert wurde in der Garnison ausschließlich mit Offizieren. Kontakt zum Fußvolk war unerwünscht.“ Überhaupt empfinde er Mitleid gegenüber dem einfachen russischen Soldaten, so Priemer: „Der wusste 1968 sicher noch weniger als wir alle zusammen.“ Ähnlich äußert sich auch Klaus Büchner, heute 79, damals Lehrer, unter anderem für Russisch: „Nur im kleinsten Kreis wurde offen gesprochen. Auch über den Einmarsch in Prag. Protest hätte sich bitter rächen können. Schon zaghafte Unmutsäußerungen verlangten Mut: Ich erinnere mich, wie man meiner Familie vorwarf, dass die DDR-Fahne am Fenster zu klein sei. Da sagte ich, sie entspreche unseren beengten Wohnverhältnissen.“ Es habe keinen Grund zum Jubel gegeben.

Gerhard Weber stieg wenig später als Fotoredakteur bei der LVZ ein. Als eine Stelle frei wurde, überlegte er nicht lange. Als er das seinem Professor an der Leipziger Hochschule sagte, fiel der aus allen Wolken: „Du Idiot!“ Weber beherzigte jedoch dessen Rat, zumindest nicht in die Hauptredaktion zu gehen, sondern in die Provinz. „Dort bleibst du länger Mensch“, gab ihm der Lehrer mit auf den Weg. Manchmal schreibt man auf dem Dorf sogar ein Stück Weltgeschichte. Wie in jenen Tagen des Jahres 1968.

Von Haig Latchinian