Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Grimma Die Welt bringt Grimma zum Klingen
Region Grimma Die Welt bringt Grimma zum Klingen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:01 02.09.2018
Zur Eröffnung spielt im vollen Festzelt das JBO Grimma unter Leitung von Stadtmusikdirektor Reiner Ramlow auf. Quelle: Frank Schmidt
Anzeige
Grimma

Musik ist Völker verbindend. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn manches Mal ist sie auch der Schlüssel für ganz persönliches Glück über Ländergrenzen hinweg. Yuka wuchs in Japan auf und ging im Asahino Brass Orchester am Saxofon ihrer musikalischen Leidenschaft nach. In den Jahren 2000 und 2005 kam sie so auch ins sächsische Grimma, wo ihr Klangkörper das Internationale Musikantentreffen bereicherte. Und verliebte sich in den Sohn ihrer Gastfamilie. Das Paar gab sich das Ja-Wort, seit 2006 lebt Yuka in der Muldestadt und trägt nun den Nachnamen Buchheim.

Anzeige

Groß war das Hallo, als die 38-jährige Grafikerin am Wochenende ihre musikalischen Weggefährten von einst in die Arme schließen konnte. Denn das in der 80 000-Einwohner-Stadt Owariasahi beheimate Orchester nahm zum fünften Mal am Grimmaer Festival teil. Bei beiden Auftritten riss es das Publikum von den Sitzen.

Freude über das Wiedersehen

Yuka, die ihre japanische Staatsbürgerschaft behalten hat, freute sich nicht nur über das Wiedersehen und die Musik, sondern diente auch als perfekte Dolmetscherin. Obwohl Asahino-Chefin Tsuneyo Taguchi auch ein paar Brocken Deutsch beherrscht. „Wir haben nicht so viele Möglichkeiten, im Ausland zu spielen“, erzählte sie. Das sei eine Zeit- und Geldfrage. Das Treffen in Grimma will das 50-köpfige Amateurorchester, das etwa mit Deep Purpels „Smoke on the Water“ das Publikum mitriss, aber nicht versäumen.

Es ist ein Festival der Superlative: Beim Internationalen Musikantentreffen in Grimma haben Musiker wie Zuschauer viel Spaß.

„Wir wissen, dass die Grimmaer auf uns warten“, lachte Taguchi. Die Menschen hier würden die Musik mögen, die Stimmung sei immer toll, das Fluidum passe bestens, schwärmte die Japanerin. Genauso freuen sich die Musiker aus Fernost immer auf die neuerliche Begegnung mit ihren Gasteltern. Das Wort „herzlich“ machte die Runde.

Neunte Auflage der Veranstaltung

Zum bereits neunten Mal seit 1992 hatte das Jugendblasorchester (JBO) Grimma am Wochenende zum Musikantentreffen eingeladen. 19 Formationen aus neun Ländern folgten dieses Mal dem Ruf und brachten die Muldestadt von Freitag bis Sonntag zum Klingen. Tausende Liebhaber der Blasmusik ließen sich das Festival nicht entgehen – das Galakonzert des Gastgebers zur Eröffnung, die Musikparade und Stadion-Show, den Abend der Nationen, Konzerte an mehreren Orten oder zum Finale den furiosen brasilianischen Abend.

Weiteste Anreise aus Brasilien

Apropos Brasilien. Ohne Zweifel kann sich die Winterschneise Blaskapelle den Orden der weitesten Anreise anheften. Etwa 11 000 Kilometer liegen zwischen Grimma und dem 14 000-Seelen-Ort Bom Principio, in dem die temperamentvolle Kapelle zu Hause ist. Winterschneise? Das ist das deutsche Wort für Bom Principio, das der 1848 aus dem Hunsrück ausgewanderte Wilhelm Winter gegründet haben soll.

Noch heute pflegen die dortigen Südbrasilianer ihre deutschen Wurzeln und auch die Sprache ihre Vorfahren. Nestor Seibel etwa, viele Jahre Bürgermeister des Städtchens, spricht zu Hause „Plattdeutsch“, wie er den Hunsrück-Dialekt nennt. Der 69-Jährige war wie der jetzige Bürgermeister Fabio Persch (37) mit dem Orchester in den Flieger gestiegen – nicht nur, um das Festival an der Mulde zu erleben. Die Brasilianer machten zuvor einen Abstecher in ihre Partnergemeinde Klüsserath. Seit 2009 pflegen sie die Verbindung zum Mosel-Ort ihrer Ahnen.

15 Ensemble spielen im Festzelt

Zum Abend der Nationen, bei dem sich 15 Klangkörper im Festzelt präsentierten und das Publikum seine Lieblinge wählen sollte, setzte die Winterschneise Blaskapelle nach mehr als sieben Stunden den Schlusspunkt. Und zündete ein Feuerwerk, das die Besucher sogar zur Polonaise animierte. Die Brasilianer um Dirigent Davi Dessotti, zum dritten Mal in Grimma, hatten ein Rock’n’Roll-Medley einstudiert und sich so kostümiert, dass man glauben konnte, die internationalen Stars stünden höchstpersönlich auf der Bühne.

Brasilianer werden Publikumsliebling

Erst nach einem halben Dutzend Zugaben durften sie von der Bühne. Kein Wunder, dass sie in der offen Klasse Ausland mit 1227 Stimmen unangefochten den Pokal als Publikumsliebling holten. Seibels Prophezeiung erfüllt sich also. „Wir wollen gewinnen“, hatte er schon am Freitag verkündet. „Wir sind die Besten.“

Vier weitere Pokale vergeben

Die anderen vier Pokale sicherten sich das Jugendblasorchester Tröbnitz (Kategorie Blasorchester Inland), das japanische Asahino Brass Orchester (Kategorie Blasorchester Ausland), das Schalmeienorchester Plauen (Kategorie Schalmeienkapelle Inland) und der Musikverein Brandis (Kategorie offen Klasse Inland), der mit rund 20 Kilometern übrigens die kürzeste Anreise hatte.

Grimmaer machen viele Gegenbesuche

„Kontaktpflege ist harte Arbeit“, gibt Grimmas JBO-Chef und Stadtmusikdirektor Reiner Rahmlow unumwunden zu. Seine Truppe, die zur hochklassigen Eröffnungsgala mit Grimmaer Vereinen ihre Professionalität erneut unter Beweis stellte, war schon zu Gast bei den befreundeten Orchestern in Brasilien, Japan und halb Europa. Gegenbesuche würden erwartet, nennt er einen Grund für den enormen Aufwand des stetig gewachsenen Musikantentreffens an der Mulde.

Irritationen um einen Geburtstag

Am Sonnabend konnte sich Rahmlow übrigens zahlreicher Glückwünsche nicht erwehren. Der 1. September gilt als Geburtstag des 1972 gegründeten Jugendblasorchesters. Da diese Botschaft auf dem JBO-Facebook-Auftritt mit Rahmlows Namen gekoppelt war, glaubten nicht wenige, er habe justament seinen 46. Geburtstag. „Die 46 würde ich mir ja gern annehmen“, nahm es der Musikprofi mit Humor. Denn er hat schon ein paar mehr Jährchen auf den Rippen. Exakt am Tag der JBO-Generalprobe zum Festival am 24. August wurde er nämlich 59 und durfte sich über ein Ständchen seiner Truppe freuen – zum Feiern indes blieb in diesen Tagen keine Zeit.

Herr über 700 Musiker

Dafür war Rahmlow am Sonnabend im Grimmaer Stadion der Freundschaft Herr über 700 Musiker. Zunächst faszinierte die Zuschauer die aktuelle Show des Marsch- und Drillkontingents vom Spielmannszug Oberlichtenau. Im vorigen Jahr wurde die Formation bei der Weltmeisterschaft im holländischen Kerkrade bester internationaler Starter in der Kategorie Marsch. „Das war unser bislang größter Erfolg“, verriet Dirigent Thomas Anders (40). In der Marschdisziplin rangiere man auf Platz acht der Weltrangliste, ist er stolz.

Gänsehaut-Abschluss mit dem Steigerlied

Akkurat brachten die 60 Musiker ihre „Greatest-Hits-of-Queen“- Show auf den Stadionrasen, ehe – das JBO Grimma als Gastgeber voran – 16 weitere Formationen nach einem Sternmarsch ins Rund einzogen. Nun schlug die Stunde für ein einmaliges Weltorchester aus Brasilianern, Japanern, Österreichern, Litauern, Rumänen, Franzosen, Tschechen, Ungarn und Deutschen. Hoch auf einer Rolltreppe stehend hob Rahmlow den Stab zu vier Märschen – das Steigerlied „Glück auf“ bildete den Gänsehaut-Abschluss.

Lob für perfekte Organisation

„Das im Stadion war Weltniveau“, zeigte sich Matthias Constantin noch im 1500 Leute fassenden Festzelt beeindruckt. Der 62-jährige Grethener war sogar mit dem Wohnmobil angerückt, um gleich in der Stadt zu schlafen und keinen einzigen Ton zu verpassen. Für das Musikantentreffen „lasse ich alles stehen und liegen“, beteuerte der Autoverkäufer. „Es passiert ja jede Minute was Neues und Schönes“, sprach er vielen Besuchern aus dem Herzen und lobte Rahmlow und dessen Team für die „perfekte Organisation“. Bei den Beifallsstürmen und Jubelrufen, die oft durchs Zelt hallten, hielt sich der Grethener nicht zurück.

2022 könnten zwei Jubiläen zusammentreffen

An das zehnte Musikantentreffen mochte Reiner Rahmlow am bewegenden Wochenende noch keine Gedanken verschwenden. Er weiß jedoch, dass es 2022 auf das 50. Jubiläum seines Jugendblasorchesters fallen würde. „Das wäre eine schöne Kombination“, schweift sein Blick voraus auf zwei runde Zahlen.

Von Frank Prenzel