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Grimma Entlang der Mulde zwischen Wurzen und Grimma
Region Grimma Entlang der Mulde zwischen Wurzen und Grimma
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12:26 15.06.2018
Zeit für eine Rast an der „Wüsten Kirche“, ein Flächennaturdenkmal für das Dorf Mark Söllnitz. Quelle: Andreas Döring
Wurzen/Grimma

Hoi, heute mal radelnder statt rasender Reporter, scherzt Gästeführer Wolfgang Ebert in der Wurzener Wenceslaigasse. Es gehe nach Grimma, rufe ich ihm zu, über den Muldentalbahn-Radweg. So, so. Er winkt mich ran, so viel Zeit müsse sein, zeigt mir auf der Postmeilensäule den güldenen Vermerk: Grimma 3 St. 7/8. Keine Zeitstunden, sagt er: „Eine sächsische Stunde sind 4,531 Kilometer – da können Sie sich’s ausrechnen. Na, dann, ab die Post. Aber hüten Sie sich vor den Inlineskatern!“

Zunächst nirgendwo ein Hinweis auf den Radweg. Ich folge den Schildern „Dehnitz“ und „Wachtelberg“. Auf der Straße, etwa so glatt wie die Mondoberfläche, holpere ich an Villen vorbei Richtung Landgasthof. Gut geschüttelt gibt’s von Altbauer Friedrich Lehne den aktuellen Wetterbericht. Er muss es wissen. Auf seinem Hof hat er 90 Schwalbennester. Seine Gertraud lässt mich nicht vorbei, ehe ich einen Blick ins Bauernmuseum werfe. Wie einst Willi Schwabe führt sie auf den Dachboden – alles andere als eine Rumpelkammer: Erntekrone, Milchkontrollbücher und ein riesiger Schlitten. Den zogen früher Lotti und Mori. Die Pferde wurden kriegsverpflichtet und fielen im „Polenfeldzug“. Die Todesnachricht kam schriftlich.

Teil 4 – der Muldentalbahn-Radweg zwischen Wurzen und Grimma

Gertraud ist ein Star. Sie war die Allererste, die Weihnachten 2004 auf dem Muldentalbahn-Radweg fuhr. Jetzt gibt’s auch die ersten Wegweiser. Am Gasthof geht es rechts runter, vorbei am Kriegerdenkmal und dann Richtung Ortsausgang. Gerade erst in Tritt gekommen lockt auch schon die erste Bank. Und was für eine! Ob Goethe hier seinen Osterspaziergang verfasst hat? Der war ja mal in Wurzen. Der Blick ist fantastisch: Sanfte Hügel, saftige Wiesen, grasende Schafe. Dazu die Mulde und die Grundmauern der wüsten Kirche. Eine Tafel verrät: Einst war hier der Mittelpunkt des Dorfes Söllnitz. Die Hussiten hätten es 1429/30 zerstört. Der Name Söllnitz lebt fort: Sirko Wedekind hat sein Ausflugsschiff entsprechend getauft.

Betriebliches Gesundheitsmanagement an der Mulde

Eine scharfe Linkskurve führt zu „Karls Hütte“. Einzig ein Papierkorb erinnert noch an das rustikale Häuschen aus Robinienholz. Der langjährige Wurzener Bauhofleiter Karl Gehres hatte sich damals für die Schutzhütte stark gemacht, weshalb man sie nach ihm benannte. Nach wiederholtem Vandalismus musste sie inzwischen abgebaut werden.

Der Bahnradweg

Der Radweg verläuft auf der Trasse der ehemaligen Muldentalbahn. Diese war ein Teilstück der alten Strecke von Glauchau nach Wittenberg. Am 30. Juni 1877 wurde der Abschnitt Großbothen-Wurzen für den Schienenverkehr freigegeben. Nach der Stilllegung der traditionsreichen Strecke griff der damalige Wurzener Bürgermeister Gerald Lehne im November 2002 die Idee eines Muldentalbahn-Radweges auf. Lehne fungierte im Folgenden auch als Projektverantwortlicher. Im Januar 2003 starteten die Grundstücksverhandlungen mit der Bahn AG, im Oktober unterzeichneten Vertreter der fünf beteiligten Kommunen (Wurzen, Kühren-Burkartshain, Trebsen, Nerchau und Grimma) sowie das Straßenbauamt Döbeln-Torgau eine entsprechende Bauvereinbarung. Im Juli 2004 genehmigte das Regierungspräsidium die Pläne, die Ausschreibung konnte starten. Erster Spatenstich war im August 2004, Verkehrsfreigabe bereits im Dezember. Am 1. Mai 2005 weihte der damalige Sächsische Staatsminister und Chef der Staatskanzlei Hermann Winkler den Weg ein. Die Kosten beliefen sich auf 2,75 Millionen Euro. Der Freistaat förderte das Projekt fast zu 100 Prozent. Seitdem müssen Radler nicht mehr auf der engen, kurvenreichen und somit gefährlichen S 11 fahren.

Weiter geht es, gegen die Strömung, gegen den Wind. Die Landschaft ist offen, es gibt kaum Bäume, der Blick kann wandern. Aber Vorsicht! Nicht träumen! Ab und zu stehen Poller in der Mitte des Weges. Es soll schon etliche Zusammenstöße gegeben haben. Bahne frei, Kartoffelbrei! Vor Nitzschka etliche frei laufende Personen. Es sind Thomas Stamm, Volkmar Beier, Cornelia Langner und weitere Mitarbeiter der Agentur für Arbeit, die sich an den Kirschen gütlich tun. Damit es kein Leser in die falsche Kehle bekomme, stellen die mit Namensschildern (hoch)dekorierten Wandersleut’ klar: „Wir machen hier weder Wandertag noch Belustigung. Die Maßnahme dient allein dem betrieblichen Gesundheitsmanagement.“ Alles klar.

Altes Bahnwärterhäuschen ist Blickfang

Der Weg verläuft kerzengerade. Der Asphalt ist derart eben, dass ich dahingleite wie in einem ICE. Dabei erinnert nichts an eine ehemalige Bahnstrecke. Bis ich ans Wohnhaus, früher wohl ein Bahnwärterhäuschen, von Wilfried Eiding komme. Irgendjemand in Reichsbahnuniform sitzt in einem mit DDR-Fahne geschmücktem Bretterverschlag. Ich rufe, keiner hört. Es war nur eine Puppe. Keiner zu Hause. Schade, der Hausherr muss ein Eisenbahnfan sein. Bahnhofsuhr, Signalanlage, an der Bank ist sogar ein guter alter DR-Aschenbecher befestigt.

In Trebsen kreuzt die Mulde-Elbe-Radroute

Großer Bahnhof in Neichen! Unweit der einstigen Mitropa, in der Wirt Moritz Kauerhof einst seine legendäre Biberbrühe an die Reisenden brachte, wirbt der örtliche Heimatverein mit Sitzgruppe und Informationstafeln für Trebsen und Umgebung. Wie früher ist Neichen auch heute eine Art Knotenpunkt: Hier kreuzt die Mulde-Elbe-Radroute, hier hängen die Plakate fürs große Kinderfest, von hier aus führt Original Bernd Fichtner auf Wunsch zum riesigen Bussard-Nest. Mit dem 71-Jährigen ist gut Kirschen essen. Er hat derzeit immer welche dabei. Nach dem Hagelschlag erst kürzlich müssten sie alle schnell aufgefuttert werden. Fichtner liebt den Radweg: „Meine Frau, die Gisela, ist Sportlerin. Sie radelt jeden Tag zweimal nach Grimma und einmal nach Wurzen.“ Wahnsinn, platze ich heraus, die Rentner von heute! Wieso, fragt Herr Fichtner. Es seien doch nur 40 Kilometer...

Ein Biobier zur Erfrischung

Eine Inlinerin kommt des Weges. Komisch, sie ist gar nicht egoistisch. Sie grüßt sogar. Der Radweg ist die Leib- und Magenroute von Jochen Rockstroh. Der Nerchauer Brauherr und Trebsener Schlossherr war früher Kanurennsportler, hält sich heutzutage mit Ausdauerlauf fit. Elf Sorten Biobier produziert er in seiner Brauerei, sechs davon hat er im Schloss auf Lager. Ob auf Freisitz, Terrasse oder im Hof – Radler gehörten bei ihm zum Stammpublikum. Es sei ja nur ein kurzer Abstecher. Das Schankbier gehe gut, das habe nur drei Prozent, sagt er. Klar, man könne das Bier auch zum Radler mixen, aber dafür sei das Nerchauer zu schade, winkt Rockstroh ab.

Ab Bahnhof Nerchau wird es waldiger. Die Mulde, die lange abgetaucht war, ist rechter Hand nun wieder ständiger Begleiter. Links erhebt sich das felsige Steilufer, vorn spannt sich die lärmende Autobahnbrücke übers Tal. Radrenner sollten nicht zu tollkühn sein: Wurzeln brechen die Piste hie und da auf, es gibt Bodenwellen. Ab und zu ragen auch Zweige in den Weg. Ich folge dem Abzweig Schmorditz und fahre bis zur Straße. Dann sofort wieder rechts, und schon bin ich am reich bepflanzten Italienergrab – ein absolutes Muss auf der Strecke. In den letzten Kriegstagen fanden hier elf italienische Soldaten den Tod.

Wieder zurück auf dem Damm geht es vorbei an Loreley, Feueresse und manchem Kilometerstein in Richtung Dorna. Für Claus Woldt ist der Radweg ohnehin nur die Zielgerade einer noch viel längeren Tour: Er kommt aus Merseburg und besucht seine Nichte Carolin in Schmorditz. „150 Kilometer!“ Auch ich erreiche in der Aue vor Grimma die Zielgerade. In der ehemaligen, inzwischen knallbunt bemalten Spitzenfabrik machen sich junge Leute die Welt, wie sie ihnen gefällt: Der Verein für Jugendkulturen und Zwischenmenschlichkeit verwandelt das Erdgeschoss in einen Veranstaltungsraum – frei von Rassismus, Sexismus und Antisemitismus, wie Marco und Ruven verraten. Ob Skater oder Sprayer – alle fühlen sich hier wohl. Es gibt Grillplatz, Fußballfeld, Bühne, Gewächshaus, sogar einen Badestrand. Für die Radfahrer steht eine Selbsthilfewerkstatt zur Verfügung, genauso wie das Containercafé mit veganem Kuchen. Kosten kann ich nicht, geöffnet ist nur an Wochenenden. Dafür werde ich Zeuge einer nicht alltäglichen Aktion: Die beiden Jungs mähen ein riesiges Peace-Zeichen in die Muldewiese: „Falls Google-Earth drüber fliegt und Bilder schießt.“ An der Grimmaer Steinbrücke schaue ich auf die Uhr: Ich hab’ tatsächlich 3 St. 7/8 gebraucht, so wie es auf der Postmeilensäule in Wurzen steht. Eher Bummelzug statt ICE.

Die Tour

Der Radweg von Wurzen bis Grimma ist rund 20 Kilometer lang. Da es sich nicht um einen Rundweg handelt, endet der Ausflug dann oder man muss zurückfahren. Wahlweise kann auch von Grimma gestartet werden. Unterwegs gibt es genügend Zu- und Abfahrten, so dass nicht die ganze Strecke bewältigt werden muss. An Wochenenden kann es mitunter voll werden. Achtung: Es sind auch Spaziergänger, Inlineskater, Radrennfahrer und Rollstuhlfahrer unterwegs. An kreuzenden Straßen unbedingt Vorfahrt beachten! Poller, die unter anderem verhindern, dass Autos auffahren, können bei Unachtsamkeit zur Gefahr werden! Mit lediglich 60 Höhenmetern eignet sich der Radweg auch bestens für Neueinsteiger.

Die Serie:

Teil1: Bergbaugeschichte am Störmthaler See

Teil 2: Küstenfeeling am Zwenkauer See

Teil 3: Natur pur am Hainer See

Von Haig Latchinian

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