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Grimma Feuerwehr beklagt „Totalausfall“ von neuer Drehleiter
Region Grimma Feuerwehr beklagt „Totalausfall“ von neuer Drehleiter
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12:49 12.12.2018
Vier neue Drehleitern wurden im Landkreis Leipzig in Dienst gestellt. Nun muss der Hersteller seine Hausaufgaben machen, um technische Mängel zu beseitigen.
Vier neue Drehleitern wurden im Landkreis Leipzig in Dienst gestellt. Nun muss der Hersteller seine Hausaufgaben machen, um technische Mängel zu beseitigen. Quelle: Frank Schmidt
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Landkreis Leipzig

Über das Investitionsprogramm „Brücken in die Zukunft“ sind im Mai dieses Jahres im Landkreis Leipzig vier zum Teil über 20 Jahre alte Drehleitern, die nicht mehr dem Stand moderner Technik entsprachen, durch neue ersetzt worden (LVZ berichtete) – zu einem Stückpreis von 750 000 Euro. Zur Feier des Tages kam sogar der Sächsische Innenminister, Roland Wöller (CDU), höchstpersönlich nach Grimma, wo die Übergabe an die Kommunen Borna, Groitzsch, Grimma und Wurzen öffentlich und medienwirksam zelebriert worden war.

Freilich mit der Hoffnung, dass diese moderne Technik zwar vorgehalten, jedoch nicht eingesetzt werden müsse. Dass dies nur ein frommer Wunsch sein konnte, war natürlich allen Floriansjüngern klar. Dass sie sich aber von Beginn an mit ihrer neuen Technik teils erhebliche technische Probleme ins Gerätehaus holen sollten, hätte keiner gedacht.

Sachsens Innenminister Roland Wöller (l.) übergibt den Grimmaer Kameraden eine neue Drehleiter, die es Monate später bis zum Totalausfall geschafft hat. Quelle: Frank Schmidt

Drehleiter von Grimma fällt im Ernstfall ganz aus

Höhepunkt war der Totalausfall einer Drehleiter bei einem Löscheinsatz in Draschwitz am vergangenen Wochenende, wo der Brand in einem Wohnhaus zu bekämpfen war. Die Kameraden mussten improvisieren, um die Drehleiter durch Anlegeleitern ersetzen zu können. Von den schimpfenden Kameraden vor Ort war zu erfahren, dass auch die anderen drei Kommunen Groitzsch, Borna und Wurzen mit ihren neuen Drehleitern Schwierigkeiten hätten.

Kommentar: Bei der Feuerwehr brennt die Luft

Von Frank Schmidt

Da brennt die Luft zurecht. Was nützen den Freiwilligen Feuerwehren in gleich vier Kommunen des Landkreises neue Drehleitern für je eine dreiviertel Million Euro, wenn diese quasi vom ersten Tag an technische Probleme haben, ja sogar vom Totalausfall betroffen sind, wie jüngst bei einem Wohnhausbrand in Draschwitz bei Zschoppach.

Vielleicht muss das ja nicht verwundern. Denn immer mehr Technik wird in diesen Gerätschaften installiert. Und wo viel Technik drin ist, so die Schlussfolgerung, kann auch viel Technik kaputt gehen. Gefährlich wird es, wenn es Technik betrifft, die im Erstfall Menschenleben retten soll.

Exemplarisches Beispiel dafür ist nun einmal so eine Drehleiter der Feuerwehr. Hier stellt sich die Frage, ob computergesteuerter Technik wirklich benötigt wird. Früher sind Drehleitern auch nur mit bloßer Muskelkraft ausgefahren worden.

Und ob, betont der Grimmaer Feuerwehrsprecher Thomas Knoblich, diese moderne Technik werde für schnelle und effektive Lösch-, Rettungs- und Bergungsarbeiten gebraucht, wie sie früher unmöglich waren. „Ja, diese Technik ist unschlagbar und unverzichtbar für jede Feuerwehr“, so die Erfahrung des gestandenen Feuerwehrmannes. Vorausgesetzt, die Technik funktioniert.

Die Technik funktionierte im jüngsten Fall nicht. Deshalb muss der Hersteller zwingend in die Pflicht genommen werden, gründlich seine Hausaufgaben zu machen. Aber nicht erst nach der Panne, sonder noch vor Auslieferung der Technik. Damit ausgeschlossen ist, dass sie im Erstfall versagt. Schließlich ist so ein Löscheinsatz wie in Draschwitz denkbar ungeeignet als praxisnahes Testfeld für Innovationen. Sollte dieses Geschmäckle aufkommen, dann brennt die Luft zurecht.

landkreis.leipzig@lvz.de

Bis hierher und nicht weiter: Die neue Drehleiter kann bei dem Wohnhausbrand in Draschwitz bei Zschoppach wegen Softwareprobleme nicht in die gewünschte Position manövriert werden und fällt damit für diesen Löscheinsatz total aus. Quelle: Frank Schmidt

Immer wieder technische Probleme

Was auf LVZ-Nachfrage auch bestätigt wurde, jedoch im Ausmaß der Störungen zu relativieren sei. In Groitzsch, so Stadtwehrleiter Norbert Keil, war es besonders in den ersten Wochen „problematisch“, da die Software nicht reibungslos funktionierte. Zeitnah aber seien vom Hersteller die Mängel behoben worden, sodass die Drehleiter voll einsatzbereit ist. „Toi, toi, toi – ich hoffe, es bleibt dabei“, sagte Keil. In Borna sprach Ortswehrleiter Toni Winkler von „Kinderkrankheiten“, die sich ebenfalls „nur am Anfang“ einstellten und seiner Ansicht nach „bei so komplizierter Technik normal“ wären.

In Wurzen sind vom Stadtwehrleiter Michel Uischner schon größere Probleme bestätigt worden. „Was heißt Totalausfall? Wir mussten die Drehleiter schon mehrmals im Notbetrieb, also ohne Anwendung der Computertechnik einfahren, weil die Software gestreikt hat.“ Probleme, so Uischner weiter, die glücklicherweise noch nicht im Ernstfall aufgetreten seien, sondern nur bei Übungen und Vorführungen. „Zum Beispiel beim Truckertreffen auf der Festwiese am Stadtwald, wo wir die Drehleiter gleich mehrfach im Notbetrieb einfahren mussten. Mittlerweile hat der Hersteller eine neue Software aufgespielt. Seitdem ist Ruhe mit Fehlermeldungen. Aber was die Zukunft bringt, „wer weiß das schon“, unkte Uischner.

Mit großem politischem Tamtam und Sachsens Innenminister Roland Wöller (r.) an der Spitze sowie den Kommunalpolitikern Matthias Berger (parteilos), Henry Graichen (CDU) und Jörg Röglin (SPD) (v.l.) sind im Landkreis vier neue Drehleitern übergeben worden, die nur wenige Monate später Defekte bis hin zu teilweisen Totalausfällen erlitten haben. Quelle: Frank Schmidt

Alle vier Einsatzfahrzeuge sind betroffen

Von genau diesen Problemen kann in Grimma der Feuerwehrsprecher Thomas Knoblich ein Lied singen. „Am 3. Oktober, beim Brand eines Strohhaufens in Pöhsig, mussten wir die Drehleiter auch mehrfach im sogenannten Notbetrieb fahren. Der Totalausfall in Draschwitz war die Spitze des Eisberges“, sagte Knoblich. Grimmas Oberbürgermeister Mattias Berger (parteilos) reagierte am Tag darauf mit Entsetzen. „Dieser Zustand ist nicht akzeptabel. Deshalb haben wir den Hersteller ultimativ zum Handeln aufgefordert.“ Was indes geschehen sei, bestätigte Knoblich. Der Hersteller habe Software-Arbeiten durchgeführt, sodass die Drehleiter nicht mehr auf Status sechs (nicht einsatzbereit), sondern wieder auf Status zwei (einsatzbereit) stehe.

Helmut Türk, der Serviceleiter von der Herstellerfirma Rosenbauer in Karlsruhe, sah sich, so wörtlich, „nicht in der Lage, irgendwelche Statements abzugeben“. Denn: „Wir reden über die Vorgänge nur mit der Feuerwehr und nicht mit der Presse“, ließ er auf LVZ-Nachfrage wissen. Später kündigte er für Mittwoch eine Stellungnahme des Geschäftsführers Michael Kristeller an.

Von Frank Schmidt