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Grimma Gerhard Weber zeigt seine Sicht auf die Wende
Region Grimma Gerhard Weber zeigt seine Sicht auf die Wende
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09:03 05.09.2019
Der bekannte Grimmaer Fotograf Gerhard Weber bereitet seine Open-Air-Ausstellung „WendeZeitBilder“ vor, die zum 30. Jahrestag der friedlichen Revolution auf dem Döbener Schlosshof gezeigt wird. Quelle: Frank Prenzel
Grimma/Döben

Die „Wir-sind-das-Volk“-Rufe auf dem Leipziger Ring, die große Kundgebung am 6. November in seiner damaligen Heimatstadt Colditz – der Fotograf Gerhard Weber war mit seiner Kamera mitten im Geschehen, als 1989 binnen Wochen die DDR hinweg gefegt wurde. 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution eröffnet er nun gemeinsam mit dem Freundeskreis Dorf und Schloss Döben zum Tag des offenen Denkmals am 8. September eine Open-Air-Ausstellung, die sich „WendeZeitBilder“ nennt. Etwa 100 Fotos sind auf dem Gelände und in den Räumen des Döbener Schlosses zu sehen. Zur Eröffnung, die am Sonntag um 10.30 Uhr beginnt, können Besucher mit Weber über viele besondere Momente ins Gespräch kommen und Erinnerungen aufleben lassen.

Kein historischer Abriss der Friedlichen Revolution

Es sei schwierig gewesen, aus all seinem Material eine passende Ausstellung zu machen, gesteht der weit bekannte Bildautor, der seit 20 Jahren in Grimma lebt. Letztlich fokussiert er sich nicht nur auf die bewegenden Herbsttage 1989, sondern spannt einen zehn Jahre reichenden Bogen. „Es ist kein historischer Abriss der Friedlichen Revolution, es sind meine persönlichen Wendezeit-Bilder“, betont der 79-Jährige.

Webers Maxime ist seit je her, mit fotografisch-künstlerischen Mitteln „so ehrlich und wahrhaftig wie möglich“ das Geschehen zu dokumentieren. Ihm geht es dabei nicht um die graue Masse. Er will den Menschen ins Gesicht schauen und so in ihre Seele vordringen. Er wolle nah heran und festhalten, „was aus den Gesichtern spricht“, unterstreicht der Grimmaer. In der Ausstellung kann sich der Betrachter davon überzeugen.

Veranstaltung in der Colditzer Kirche. Quelle: Gerhard Weber

Foto-Streifzug beginnt 1988 an der Mauer in Berlin

Webers fotografischer Wende-Streifzug beginnt im Januar 1988, als er zur goldenen Hochzeit seines Westberliner Onkels reisen durfte und einen Tag lang in Kreuzberg die Mauer auf der anderen Seite erkundete. „Dieses Erlebnis hat mich bedrückend beeinflusst“, erinnert sich der 79-Jährige. An der Mauer lebten „verlorene Leute“ in Pappverschlägen und Wohnwagen. Am Sehnsuchtsort der Ostdeutschen sei für sie die Welt zu Ende gewesen.

Weber wusste aus seiner Arbeit als Fotograf, dass es in der DDR-Bevölkerung gärte. Die plötzliche Wucht der Friedlichen Revolution hatte er aber nicht erwartet. „Für mich war es ein wahnsinniges Ereignis.“ Erstmalig fuhr Weber mit seiner Frau Brigitte am letzten Oktober-Montag 1989 nach Leipzig und dann noch zweimal im November und reihte sich – immer seine Minolta am Mann – ein. „Damals konnten nur wenige im Dunkeln wirkungsvolle Bilder machen“, weiß der 79-Jährige.

Friedensgebet und Kundgebung in Colditz

Am 6. November 1989 dokumentierte Weber in seiner Heimatstadt Colditz das Friedensgebet in der Stadtkirche und den Marsch zum Markt, ebenso in jenen Tagen die erste freie Kundgebung im Porzellanwerk.

Demo im Porzellanwerk Colditz. Quelle: Gerhard Weber

Nicht viele Fotografen bannten das Geschehen der Friedlichen Revolution im ländlichen Raum auf Film. Einer von ihnen war auch der 2018 verstorbene Wolfgang Jahn, Zeitzeuge der Demonstration in Grimma. Seine Bilder gingen in Webers Besitz über, einige von ihnen sind in der Döbener Ausstellung zu sehen.

Colditz am 6. November 1989. Quelle: Gerhard Weber

Stutzen dürften die Betrachter der Schau, wenn sie Nahaufnahmen von Günther Schabowski, Hermann Axen, Egon Krenz oder Markus Wolf sehen. Weber bekam die einstigen DDR-Größen vors Objektiv, als er nach dem Mauerfall Wolfgang Leonhard auf Recherche begleitete. Der westdeutsche Historiker hatte 40 Jahre zuvor das in der DDR verbotene Buch „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ herausgebracht und begab sich 1990 und 1991 in Berlin für ein Nachfolge-Buch auf Spurensuche. Dabei sprach er auch mit einstigen Politbüro-Mitgliedern der SED. Von besonderer Bedeutung waren für Weber Begegnungen mit Außenminister Hans-Dietrich Genscher, dem russischen Dissidenten Lew Kopelew oder Treuhand-Chefin Birgit Breuel.

Letzte Montagsdemo in Leipzig ebenfalls in Schau

Webers Wendezeit-Bilder umfassen auch den ersten Streik 1992 im Colditzer Porzellanwerk, die dahingehend unrühmliche Rolle der Treuhand und sogar den späteren Abriss des einstigen Vorzeigebetriebes. Und er wählte Fotos der letzten Leipziger Montagsdemo im März 1991 aus. „Die hat mich damals erschüttert“, sagt Weber. Statt in strahlende Gesichter wie 1989 habe er in deprimierte Gesichter geschaut: „Es waren die ersten Verlierer der Vereinigung. Auch das gehört für mich zur Wendezeit.“

Webers Bilder führen eindrucksvolle Augenblicke und faszinierende Begegnungen vor Augen. Die Offerte ist bis zum 30. November auf dem Schloss zu sehen. Einer Ankündigung zufolge werden als Rahmenprogramm Führungen und Ausstellungsgespräche angeboten.

Von Frank Prenzel

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