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Grimma Göschenhaus: Das Klein-Weimar im Landkreis Leipzig
Region Grimma Göschenhaus: Das Klein-Weimar im Landkreis Leipzig
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19:33 12.07.2019
Das Göschenhaus ist umgeben von einem 4300 Quadratmeter großen Garten. Quelle: Frank Schmidt
Grimma/Hohnstädt

 „Ich glaube ich habe mir einen Zuwachs an Gesundheit und Leben erkauft in einem artigen Gebäude und einem Garten in einer der schönsten Gegenden der Welt.“ Enthusiastisch beschreibt Georg Joachim Göschen im Brief an Freund und Dichter Christoph Martin Wieland sein Landhaus. 1795 hatte er das ehemalige Pferdnergut in Hohnstädt als Sommersitz für seine Familie erstanden.

Der aus Bremen stammende Göschen (1752-1828) besaß erst in Leipzig, später in Grimma eine der angesehensten Verlagsbuchhandlungen Europas mit eigener Druckerei. Göschens Prachtausgabe der Werke Wielands in 42 Bänden gilt bis heute als größte zu Lebzeiten erschienene Edition für einen deutschsprachigen Schriftsteller. Dabei setzte er als erster Drucker in Sachsen statt der bis dahin üblichen Frakturbuchstaben lateinische Lettern, die sogenannte Antiqua-Schrift, ein.

Klein-Weimar mitten im Landkreis Leipzig. In Grimmas Vorort Hohnstädt ist die Goethe-Ära noch heute präsent. Das Göschenhaus – Deutschlands einziges Verlegermuseum – in Bildern:

Für Johann Wolfgang von Goethe druckte Göschen zwischen 1787 und 1790 die Erstausgabe seiner bisherigen Werke in acht Bänden. Exakter Blockdruck, großer Zeilendurchschuss, breite Ränder, dazu kunstvolle Kupferstiche, Papier aus Basel und verbesserte Druckerschwärze – Göschens Handwerk galt als elegant. Der Ästhet, der auch einen Roman und ein Theaterstück verfasste (anonym), liebte die Natur. Für die Gestaltung seines Gartens beauftragte er keinen großen Baumeister, sondern bewies an der Seite von Gärtner Würfel (Vorname unbekannt) selbst einen grünen Daumen.

Er propagierte die Kartoffel! Der Verleger der Werke Schillers, Kloppstocks und Wielands ist ein Vorreiter der Autorenrechte und ein Vordenker der Grimmaer Sparkasse. Immer wieder zeigt er ein Herz auch für seine Drucker. Er gründet die erste Zeitung für Grimma und arbeitet als leitender Redakteur. Als Wohltäter unterstützt er die Armen der Stadt, finanziert einigen sogar die Ausbildung.

Der Silberahorn, der schon am Haus wurzelte, als Göschen dort einzog, steht symbolhaft für den wachen Geist Göschens: Zwar wirkt der Baum in der kalten Jahreszeit arg bemitleidenswert, im Frühjahr treibt er aber immer wieder neu. Im Garten werden im Oktober zu den bestehenden drei Pappeln drei weitere gepflanzt. Meine sechs Pappeln um mein Haus – so ist ein Gedicht Göschens überschrieben, mit dem er auf seine sechs lebenden Kinder anspielt.

Johann Gottfried Seume abgebildet auf einem Kupferstich von K. A. Schwerdgeburth. Quelle: LVZ-Bildarchiv

Johann Gottfried Seume

Paschacis Serenis, der Wirt des Hohnstädter Lokals „Athen“, kommt aus Griechenland. Er schwört Stein und Bein: Der Stiefel, der bei ihm in der Vitrine steht, sei echt. Er gehöre zum originalen Schuhwerk, mit dem Dichter Johann Gottfried Seume (1763-1810) einst von Grimma nach Syrakus spazierte und der Muldestadt damit auch international ein literarisches Denkmal setzte. Der Grimmaer Heimatforscher Rudolf Priemer findet gut, dass der Grieche den Stiefel seines Vorgängers übernommen hat: „Ich habe aber meine Zweifel an der Echtheit des Stiefels. Wie viele Hüte hat Napoleon liegen gelassen ...“ Garantiert echt ist das höhenverstellbare und im Göschenhaus zu besichtigende Stehpult, an dem Seume zwischen 1797 und 1801 als Korrektor in Göschens Druckerei am Markt arbeitete. Der 1,63 Meter große Seume spottete über seinen Job, nannte diesen Silbenstecherei und sich selbst einen Buchstabeninspektor. Die Tätigkeit füllte jedoch seine Reisekasse: Am Nikolaustag (vielleicht deshalb der hohe Stiefel) des Jahres 1801 begab er sich auf den Spaziergang nach Syrakus (Sizilien). Für Hin- und Rücktour (4000 Kilometer) brauchte er neun Monate. Geboren ward sein „Kind“ jedoch erst 1803. Das Buch wurde zum Erfolg und wird noch heute verlegt. Seume, der nur 47 Jahre alt wurde und dessen Grab in Teplice (Tschechien) zu sehen ist, war weit gereist: Er schlug sich bis Nordamerika, Moskau und rund um die Ostsee durch. Er war hessischer, englischer, preußischer und russischer Soldat. Der kritische Geist blieb ein Leben lang freundschaftlich mit Göschen verbunden. Er war zeitweise der Hauslehrer seiner Kinder, lief mit den Jungs bis Leipzig. Göschen widmete seinem Freund Seume einen Erinnerungsstein in seinem Hohnstädter Garten. Darauf das noch immer gut lesbare Schillerwort: „Eil, in die Furche der Zeit Gedanken und Thaten zu streun, die, von der Weisheit gesät, still für die Ewigkeit blühn.“ Es war Göschen höchstselbst, der die angefangene Autobiografie seines Freundes nach dessen Tod vollendete.

Friedrich Schiller Gemälde von Anton Graff. Quelle: Archiv

Friedrich Schiller

Friedrich Schiller (1759-1805) bezeichnete seinen Aufenthalt in Göschens Gut später als einen seiner „fröhlichsten Tage“ überhaupt. Am 16. September 1801 übernachtete er mit seiner Frau Charlotte und Sohn Karl bei seinem Freund und Verleger in Hohnstädt. Er befand sich in jenem Herbst auf der Reise von Dresden nach Leipzig. Im Kreise vieler Gäste wurde im Garten „Don Quichotte“ gespielt, Schiller rezitierte aus der „Jungfrau von Orleans“. Es heißt, das Manuskript lag auf jenem Empiretisch aus Mahagoniholz, der noch heute im Göschenhaus bewundert werden kann. Doch damit nicht genug: Die blau-weiße Wedgwood-Tasse, aus der Schiller in Hohnstädt angeblich Tee getrunken haben soll, befindet sich in der Vitrine neben einer kleinen Büste. Schiller soll der erste „Fremde“ überhaupt gewesen sein, der den Freundschaftspavillon in Göschens Garten besichtigte. Den Liebestempel schenkte Göschen nur wenige Tage später seiner Frau Johanna Henriette zu deren 36. Geburtstag. Im Innern sind noch heute die beiden Liegebänke mit Eckschrank zu bewundern. Unterhalb des Tempels posiert Hebe, die Halbgöttin der griechischen Sagenwelt, mit Trinkschale. Der Legende nach soll sie Zeus die Getränke gereicht haben. Dagegen gilt als sicher: August Wilhelm Iffland, der bedeutendste Schauspieler der Goethezeit, gab auf der Theaterwiese einige Kostproben seines Könnens – an der Stelle des Hohnstädter Gartens, wo bis vor kurzem Schulklassen noch den Sommernachtstraum aufführten. Der Schillerverein Leipzig brachte 1906 eine Tafel am Göschenhaus an, die an die Übernachtung Schillers erinnern soll. Die bis heute erhaltene Tafel war letztlich wohl auch der Grund dafür, dass das Anwesen lange als Schillerhaus galt. Erst viel später sorgte Renate Sturm-Francke dafür, dass sich der Name Göschenhaus durchsetzte.

Das Museum

Bis 1934 befand sich das Haus Schillerstraße 25 im Besitz der Nachkommen Göschens. Fortan wurde es von der nachfolgenden Eigentümerin Renate Sturm-Francke wieder im Stil der Klassik gestaltet. Sturm-Francke, engagierte Kulturfreundin, Denkmalpflegerin und Initiatorin der „K-K-K-Nachmittage“ (Kultur bei Kaffee und Kuchen), gilt als die Museumsgründerin. Aus Anlass des 40. Sterbetages der charismatischen Frau ist derzeit im Göschenhaus eine Sonderausstellung über ihr Leben und Werk zu sehen. Von 1967 bis zu ihrem Tod 1979 war das Museum der heutigen Klassik Stiftung Weimar zugeordnet und stand damit in einer Reihe mit Goethe- oder Schillerhaus. 1979 ging das Göschenhaus an das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig, ehe es 1995 von der Stadt Grimma übernommen wurde. Biedermeierzimmer (unter anderem mit dem Tonofen von 1798 sowie wertvollen Göschendrucken), Seumezimmer (mit klassizistischen Möbeln und Originalstücken aus Seumes Besitz), Göschenstube (mit Küchensammlung sowie kleiner Druckerei), Kaminzimmer (mit sehenswerter Deckenbemalung) und 4300 Quadratmeter großer englischer Garten auf vier Terrassen (dreimal in der Woche kommt Gärtner Alexander Stichling) sind mittwochs bis sonntags 11 bis 16 Uhr zu besichtigen. Die Führung startet zu jeder vollen Stunde und ist im Eintrittspreis von drei Euro (ermäßigt 2,50 Euro, Kinder 1,50 Euro) enthalten. Achtung: Letzte Führung 15 Uhr. Für nächstes Jahr ist die Einführung von Audioguides, für 2021 die Sanierung des Hauses geplant. Der hochgelobte Leiter des Museums mit jährlich knapp 10 000 Besuchern heißt Thorsten Bolte. Er ist studierter Literatur- und Musikwissenschaftler, stammt aus dem Sauerland, wohnt in Grimma und ist Angestellter der Stadt. Er will den Besuchern die Schätze jener Zeit nicht nur nahe bringen. Bei ihm ist sogar Anfassen erlaubt. Und solange der Vorrat reicht, gibt es eine Flasche „Göschens Traubensaft“ für nur 2, 90 Euro.

Von Haig Latchinian

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