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Grimma Grimma – ein Standort für Wasserstofftechnologie
Region Grimma Grimma – ein Standort für Wasserstofftechnologie
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15:09 29.12.2018
Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos).
Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos). Quelle: Thomas Kube
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Grimma

Die Aufreger und Erfolge im alten Jahr, die Herausforderungen im neuen Jahr: An der Schwelle zu 2019 sprach die LVZ mit Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos).

Großer Schaden durch Sturm Friederike

2018 ist vorbei – was war denn, kommunal gesehen, der größte Aufreger für Sie?

An unschönen Dingen ist mir der Januar-Sturm Friederike in Erinnerung, der uns ziemlich lange beschäftigt und enorme Schäden, auch finanzieller Art, verursacht hat. Er brachte für unsere Feuerwehrkameraden und auch für uns mehr Ärger, Frust und Aufwand, als man das im ersten Moment wahrgenommen hat. Vor allem aber bereitet mir die allgemeine politische Lage große Sorgen, wenn man in die Zukunft schaut. Auf dieser Welt ist eine unglaubliche Unruhe.

Einzelhandel gibt Impulse

Grimma hat 2018 sein Gesicht weiter verändert. So entstanden die neuen Märkte am Altstadtrand. Was steht für Sie im alten Jahr auf der Habenseite?

Mit der Etablierung von Rewe- und dm-Markt konnten wir positive Impulse setzen, ich weiß aus Gesprächen mit Händlern aus Brückenstraße und Hohnstädter Straße, dass sie dadurch mehr Kunden zählen. Der Frischemarkt hat sich super etabliert. Und auch die Entwicklung des Aldi-Marktes in der Innenstadt wurde auf den Weg gebracht. Seit einem halben Jahr haben wir Baureife für den ersten Abschnitt des Gewerbegebietes an der Autobahn, kurz vor Weihnachten wurde diese Sieben-Hektar-Fläche an eine Firma verkauft. Und beim Hochwasserschutz ist nur noch eine kleine Lücke offen. Es geht also in vielen Bereichen in großen Schritten der Vollendung zu. Und ich hoffe, dass wir dann die Früchte ernten von Projekten, die teils jahrzehntelang vorbereitet wurden.

Interessenten für Gewerbegebiet an der Autobahn

Stichwort Gewerbegebiet: Vor Jahresfrist versprachen Sie einen Baustart im Frühjahr. Warum rollen keine Baumaschinen?

Die Kommune hat sich viel Mühe gegeben, in kürzester Zeit Baureife herzustellen. Dass der Flächenerwerb durch die Firmen so langsam ging, hing nicht am fehlenden Interesse. Vielmehr sollten die ersten sieben Hektar, von denen wir jetzt reden, an drei Unternehmen verkauft werden. Zum Schluss wollte aber eine Firma die gesamte Fläche. Da galt es ein paar Dinge zu klären. Das Unternehmen möchte dort sehr innovative Produkte herstellen.

Um wen handelt es sich?

Die Grimmaer Firma Faun Viatec GmbH. Sie hat als Produzent von Kehrmaschinen die Vision, das Thema Wasserstoff und Brennstoffzelle zu beleben. Das liegt mir sehr am Herzen, denn es passt zu einem weiteren großen Konzept unserer Stadt. Wir möchten Grimma als Technologie-Standort zum Thema Wasserstoff/Brennstoffzelle entwickeln. Dazu gibt es in der Stadt bereits eine Arbeitsgruppe unter Einbindung von großen Energiekonzernen und ein Netzwerk. Wir möchten mit anderen Firmen in Grimma Wasserstoff erzeugen und verbrauchen und auch eine Wasserstofftankstelle verorten. Das Thema Brennstoffzelle ist ein ganz wesentliches. Mittlerweile reift die Erkenntnis, dass E-Mobilität mit Akkus langfristig nicht die Lösung sein wird, sondern Wasserstoff. Wir wollen ein Standort für diese Schlüsseltechnologie werden. Dazu passt auch, dass am 1. Februar ein Wasserstoff-Zug durch Grimma rollt.

Wasserstoff-Zug rollt durch Grimma

Damit geben Sie das nächste Stichwort. Wann hält die erste S-Bahn in Grimma – eventuell angetrieben mit Wasserstoff –, und wann gibt die Stadt den ruinösen Bahnhof in potente Hände?

Die Ausschreibung für den Bahnhof läuft. Es gibt verschiedene Interessenten und bei einem von ihnen die Idee, das Thema Wasserstoff mit dem Bahnhof zu verknüpfen – über ein Start-up-Center. Beim S-Bahn-Anschluss ist das Problem, dass der Zweckverband für den Nahverkehrsraum Leipzig mit dem Bahnunternehmen Transdev, das die Strecke Leipzig-Döbeln bedient, einen Vertrag bis 2025 hat. Transdev aber darf mit seiner Uralt-Dieseltechnik nicht durch den City-Tunnel.

Also wird nicht vor 2025 die erste S-Bahn nach Grimma rollen?

Die Frage müssen Sie dem ZVNL stellen. Es gibt ein ein Jahr altes Gutachten, dass Wasserstoff getriebene Bahnen den City-Tunnel passieren können. Der französische Konzern Alstom baut solche Züge und wird mit seiner Werbetour am 1. Februar den praktischen Beweis erbringen. Der Rest ist eine Frage der Finanzen des Verbandes und seines Vertrages mit Transdev. Ich gehe davon aus, dass spätestens 2025 ein Komplettanschluss aufgrund der Wasserstoff-Technologie stattfindet. Hoffentlich ist man flexibel genug, dass es eher passiert.

Hochwasserschutz für Grimmas Altstadt kurz vor Vollendung

2019 wird die Hochwasserschutz-Anlage vollendet, das neue Stadion soll ebenso eingeweiht werden wie die wieder aufgebaute Roggenmühle. Das sind alles große Projekte. Mit welchen Erwartungen gehen Sie ins neue Jahr?

Bei der Hochwasserschutz-Anlage werden alle Bürger der Region überrascht sein. Das Ufer der Altstadt bekommt eine gestalterische Aufwertung, die die meisten noch gar nicht erahnen. Es wird erstmals in Grimmas Geschichte einen nahezu durchgehenden Weg entlang des Ufers geben. Die Sportanlage wird toll, und mit der Roggenmühle verschwindet nicht nur die letzte Ruine der historischen Altstadt, sondern entsteht ein ähnlich prägendes Gebäude wie das Alte Seminar. Ich schaue mit großem Optimismus nach vorn. Grimma wird wunderschön. Auch in den Ortsteilen passiert einiges: Die neue Kita in Großbardau wird fertig, für Zschoppach planen wir das neue Feuerwehrgerätehaus, in Nerchau liefen mit dem Sportverein erste Vorabsprachen zur Rekonstruktion der Sporthalle, und ich hoffe, dass wir die Planung 2019 in Auftrag geben können...

Wird der Bau der neuen Oberschule in Böhlen starten?

Wir gehen davon aus, dass Ende 2019 mit dem Bau begonnen werden kann. Momentanes Ziel ist es, dass im Jahr 2021 der erste Schulbetrieb im neuen Haus stattfindet. Durch die Verzögerung wegen des von Colditz angestrebten Prozesses verteuert sich der Bau um eine Million auf nun zehn Millionen Euro. Für uns ist das ein Mega-Vorhaben, zumal wir mit einer Förderung von nur 40 Prozent leben müssen.

50 Millionen Förderung für schnelles Internet

Viele Grimmaer, nicht nur in den Dörfern, bewegt das Thema schnelles Internet.

Die größte Herausforderung ist natürlich der Breitband-Ausbau. Grimma möchte jedem ein Glasfaserkabel durch die Wand schieben. Die meisten Kommunen verlassen sich auf private Investoren, ich halte das für falsch. Glasfaser ist Daseinsfürsorge. Wir können zunächst zwar nur die unterversorgten Gebiete kommunal ausbauen, langfristig sollen aber alle Grimmaer ans stadteigene Netz. Im ersten Schritt rechnen wir mit einer Förderung von 50 Millionen Euro.

Wenn Sie für 2019 einen Wunsch frei hätten. Wie sähe der aus?

Dass das Jahr 2019 dazu führt, dass uns auf Welt-, europäischer, Bundes- und Landesebene nicht alles um die Ohren fliegt. Ich würde mich freuen, wenn der derzeitige Trend, der in ein ganz unruhiges Fahrwasser führt, umgekehrt würde. Ein bewusst schlecht geredetes Verhältnis zu Russland oder ein nahezu irrer US-Präsident haben langfristig auch auf das Schicksal von Grimma Einfluss. Davon hängen zum Beispiel Arbeitsplätze ab. Auch der Brexit färbt langfristig auf unserer Stadt ab. Ich wünsche mir, dass größere Vernunft einzieht.

Von Frank Prenzel