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Grimma Grimmaerin für Deutschen Buchhandlungspreis nominiert
Region Grimma Grimmaerin für Deutschen Buchhandlungspreis nominiert
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09:00 30.07.2019
Marlies Uhde, die Inhaberin der Grimmaer Buchhandlung „Bücherwurm“ am Marktplatz, lebt für die Literatur. Quelle: Thomas Kube
Grimma

Ein Buchladen wird sicher selten mit einer Kneipe verglichen. Uwe Bielefeld tut es trotzdem: „Ein guter Wirt weiß, was seine Stammgäste trinken und essen. Beinahe ungefragt stellt er ihnen das Leibgericht auf den Tisch. Genauso ist es bei Frau Uhde im ,Bücherwurm’. Sie kennt die Kunden, ihre Geschmäcker und Vorlieben. So konnte sie mich immer bestens beraten, wenn ich auf die Schnelle für meine Frau Petra noch ein Geschenk brauchte.“

Bielefeld ist Geschäftsführer eines Kulturvereins in der Region und wohnt in Grimma. Der Buchladen am Markt ist für ihn das, was für andere der Italiener um die Ecke ist. Ein Stück Lebensqualität, ein Stück Vertrautheit, ein Stück Heimat. Etwas, das er nicht missen möchte und wofür er auch bereit ist zu kämpfen. Als die Mulde den Buchladen 2013 wiederholt überflutete, rettete er die gesamten Holzregale des Geschäfts.

57-Jährige kennt alle Höhen und Tiefen ihres Gewerbes

Obwohl auch sein Betrieb in Trebsen abgesoffen war, fand er im Obergeschoss noch ein Plätzchen, um das völlig durchnässte Mobiliar zu trocknen. Zur Freude von Marlies Uhde stehen die Bücher noch heute in jenen Regalen aus unbehandeltem Echtholz. Ihre „lieben Kunden“ weiß sie zu schätzen. Zu ihnen gehört auch Ronny Kaufmann. Der Inhaber eines Bioladens gewährte der Buchhändlerin nach der zweiten Flut monatelang Unterschlupf.

Marlies Uhde und ihre Unterstützer

„Ich wollte nicht, dass Frau Uhde in der Not noch einmal aus einem Container heraus verkaufen muss – so wie es 2002 der Fall war“, sagt Ronny Kaufmann. Also rückte er mit seinen Waren und Kollegen etwas zusammen und unterstützte seine Schwester im Geiste. „Sie müssen wissen, Leute, die im Bioladen kaufen, sind schon ein bisschen wesensverwandt mit meinen Kunden“, bringt es die Buchhändlerin auf den Punkt.

Den Kunden verdankt die 57-Jährige nun gar die Würdigung ihres Lebenswerkes. Gemeinsam mit den im „Bücherwurm“ angestellten Kollegen Barbara Weil, Ines Klisch und Amelie Krebs hatten die treuen Leser die Chefin darin bestärkt, sich für den ausgeschriebenen Deutschen Buchhandlungspreis 2019 zu bewerben. „Ich hielt mich nie für preiswürdig“, stapelt Marlies Uhde tief. Sie sei davon ausgegangen, dass dies ohne Onlineshop aussichtslos sei.

„Ich freue mich natürlich riesig, dass ich unter den Preisträgern bin“, ist die Buchhändlerin den Tränen nahe. Die 7000 Euro, die dem Grimmaer Buchgeschäft schon jetzt sicher sind, werde sie komplett in den Laden stecken: „Ich weiß noch nicht, ob ich mit dem Geld weitere Autoren zu Lesungen einlade oder eine automatisch öffnende Tür anschaffe – so würden uns Rollstuhlfahrer und junge Eltern mit Kinderwagen künftig bequemer erreichen.“

Buchhändlerin seit über 40 Jahren

Marlies Uhde ist Buchhändlerin seit über 40 Jahren. Nach ihrer Lehre in Leipzig wurde sie 1980 in der Volksbuchhandlung „Georg Joachim Göschen“ in Grimma eingesetzt. Lorenzstraße 21! Unter jener Adresse direkt am Markt, wo sie noch heute Literatur verkauft. Mit dem Ort sei sie auch emotional verbunden, sagt sie: „Hier war Ingo Uhde mein Leiter und Lehrmeister. Das Buch ist ja nicht nur Kulturgut. Man muss auch die Ökonomie kennen.“

Marlies Uhde entschied sich für ein Fernstudium und brachte 1989 ihren Paul zur Welt. Ein Jahr später wurde die Volksbuchhandlung privatisiert. Nach zwischenzeitlicher Arbeitslosigkeit stieg sie 1993 als Sortimenterin im „Bücherwurm“ in der Weberstraße ein. Am 8. Mai 1995 übernahm sie den Laden. Aller Anfang war schwer. Von jährlichen Umsätzen um die zwei Millionen Mark pro Jahr wie noch zu DDR-Zeiten konnte man nur noch träumen.

Und doch herrschte Aufbruchstimmung in ihrem kleinen Kiez in der Weberstraße. Läden schossen wie Pilze aus dem Boden. Im Weberknecht gab es Wolle, im Holzwurm Spielzeug, im Bärliladen Kindersachen. Unvergessen auch der Hanfladen, die Szenekneipe „Lumpes Reinigung“, das Musikgeschäft Floh und – der „Bücherwurm“. Man wollte eine Alternative zu den Großen sein. „Kleine Welt“ hieß das Café, jährlich wurde das Weberstraßen-Fest gefeiert.

Neubeginn nach zwei Fluten

Dann kam das Hochwasser. Marlies Uhde übersiedelte in die Hohnstädter Straße. Dort mietete sich die Unverwüstliche bei der ehemaligen Buchhändlerin Martina Rische ein. Als nach der Flut 2013 die Räume in der Lorenzstraße 21 frei wurden, überlegte sie nicht lange und griff zu. „So schließt sich der Kreis“, sagt die Frau, die trotz aller guten Erinnerungen immer mit der Zeit geht – auch was die Technik betrifft: Schon 2006 hatte sie ein eigenes Computersystem. „Per Knopfdruck wissen wir, welches Buch auf Lager ist.“

Sie verkauft alles – vom gedruckten Buch über das Hörbuch bis zu E-Book und Reader. Gut gingen Romane und Erzählungen, Sach- und Reiseliteratur. Auf Interesse stießen aber auch Themen wie Gesundheit und Ernährung. „Am gefragtesten sind Kinderbücher. Da haben wir in den vergangenen sechs Jahren sogar Zuwachsraten.“ Nein, sie setze weder auf Onlinehandel noch auf Facebook & Co. „Ich versuche mich lokal bestmöglich aufzustellen. Wer in Grimma und einem Umkreis von zehn Kilometern ein Buch will, sollte zu uns kommen.“

Sie sieht sich als Kulturhaus im Kleinen, veranstaltet Lesungen, lädt zum Welttag des Buches jährlich bis zu acht Schulklassen ein. „Das kostet natürlich, wenn ich nur an die Honorare für Autoren denke“, sagt Uhde. Umso wichtiger seien Initiativen wie die des Kulturministeriums: „Ich sehe das Preisgeld als direkte Finanzspritze für die Arbeit an der Basis. Es ist hoch lobenswert, dass Staatsministerin Monika Grütters damit auch unsere Bemühungen um mehr geistigen Austausch gerade auch auf dem Lande fördert.“

Keine bessere Chefin vorstellbar

Amelie Krebs ist seit zwei Jahren Auszubildende im Grimmaer Laden. Sie könne sich keine bessere Chefin vorstellen: „Ich brauche mir nur die Bücher anzuschauen und erkenne darin Frau Uhde wieder.“ Es sei gute Tradition, jede Woche ein literarisches Werk zu besprechen und die Rezension auf die eigene Internetseite zu stellen. Nicht nur Frau Uhde verfasse die Texte, auch ihre Kolleginnen. Die Appetitmacher führten dazu, dass das Grimmaer Buchgeschäft ganz eigene Bestsellerlisten habe, die sich mit jenen im „Spiegel“ nicht immer deckten.

„Der ,Bücherwurm’ ist eine Bereicherung für unsere Stadt Grimma“, resümiert der hochbetagte ehemalige Schulleiter von St. Augustin und langjährige Stadtrat Klaus-Dieter Tschiche: „Frau Uhde ist in der Literatur zu Hause, berät jederzeit kompetent und hat die hohe Auszeichnung mehr als verdient. Ich freue mich sehr, dass die Jury das genauso sieht und sie als hervorragende Buchhändlerin deutschlandweit ehrt.“

Die Nominierung

Sieben unabhängige, inhabergeführte Buchhandlungen aus Sachsen sind unter den 118 Buchhandlungen, die aus insgesamt 467 Bewerbern für den diesjährigen Deutschen Buchhandlungspreis nominiert wurden. Sachsens Kunstministerin Dr. Eva-Maria Stange: „Ich gratuliere den ausgewählten Buchhandlungen sehr herzlich und freue mich, dass darunter drei Buchhandlungen sind, die außerhalb der drei großen städtischen Zentren liegen. Inhabergeführte Buchhandlungen als Orte der Literatur, der Inspiration, der Begegnung und des Austauschs sind undenkbar ohne großes persönliches Engagement. Mit ihrer Leidenschaft und Liebe zur Literatur und mit hartnäckigem Einsatz finden Buchhändler auch in Zeiten von Online-Handel ihre Kunden, die auf ein individuell ausgesuchtes Sortiment und persönliche Beratung Wert legen. Zunehmend gewinnen Buchhandlungen besonders im ländlichen Raum auch als Veranstaltungsorte für Lesungen und Diskussionen über gesellschaftliche Themen an Bedeutung.“

Die sächsischen Buchhandlungen, die von der Jury ausgewählt wurden, sind Art Goreliz in Görlitz, die Buchhandlung Bücherwurm in Grimma, die lesensart Buchhandlung und Richters Buchhandlung in Dresden, SeitenBlick in Leipzig, der Taschenbuchladen in Freiberg sowie Universitas in Chemnitz. Mit der Auszeichnung würdigt Kulturstaatsministerin Monika Grütters Buchhändlerinnen und Buchhändler, die ein anspruchsvolles und vielseitiges literarisches Sortiment haben, ein besonderes kulturelles Veranstaltungsprogramm anbieten, innovative Geschäftsmodelle verfolgen oder sich im Bereich der Lese- und Literaturförderung engagieren.

Alle sieben sächsischen Buchhandlungen sind für eine dotierte Auszeichnung von 7000 Euro, 15.000 Euro oder 25.000 Euro nominiert worden. Die Preisverleihung findet am 2.Oktober in Rostock statt. In welcher Kategorie die Buchhandlungen ausgezeichnet werden, wird bei der feierlichen Preisübergabe bekannt gegeben.

Der unabhängigen Jury unter Vorsitz von Sandra Kegel (Literaturkritikerin FAZ) gehören an: Regina Vogel (Verlagsvertreterin), Jo Lendle (Carl Hanser Verlag), Stefan Weidle (Kurt-Wolff-Stiftung), und Gabriele Schink (Börsenverein des Deutschen Buchhandels).

Außerdem nahmen Reinhilde Rösch (Geschäftsführerin Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Landesverband Baden-Württemberg e.V.) und Manfred Metzner (Verlag das Wunderhorn) an der Jurysitzung teil.

 

Von Haig Latchinian

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