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Grimma Gymnasiasten aus Grimma und Borna untersuchen Krisensituationen
Region Grimma Gymnasiasten aus Grimma und Borna untersuchen Krisensituationen
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14:00 04.04.2019
Bei der Präsentation der Arbeiten zum Geschichtswettbewerb: die Grimmaer Gymnasiastin Anja Höfer beschäftigte sich mit der Kartoffelkäfer-Krise. Quelle: Frank Prenzel
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Grimma/Borna

Jetzt heißt es warten: Aus den Gymnasien Grimma und Borna liegen insgesamt zehn Schülerarbeiten für den aktuellen Geschichtswettbewerb um den begehrten Preis des Bundespräsidenten vor. Auf Landesebene werden die Preise im Juni verliehen, auf Bundesebene im November.

Chancen haben die Neunt- bis Zwölftklässler aus beiden Städten allemal, wie am Dienstag die Präsentation ihrer überzeugenden Arbeiten im Kleinen Festsaal des Grimmaer Gymnasiums „St. Augustin“ vor Augen führte. Beatmusik in der DDR, Kartoffelkäfer-Krise, Aufbegehren in Plauen, der Katastrophenwinter 1978/79 – sie tauchten in bewegende Themen ein.

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Wettbewerb hat in Grimma hohen Stellenwert

Der Wettbewerb wird alle zwei Jahre ausgetragen und hat gerade an der Bildungsstätte der Muldestadt einen hohen Stellenwert. 2007 erlangte Jule Liebers für ihre Betrachtung zum DDR-Pennalismus an der Erweiterten Oberschule Grimma sogar einen Ersten Bundespreis. Für die 26. Auflage, die unter dem Rahmenthema „So geht’s nicht weiter. Krise. Umbruch. Aufbruch“ stand, erfolgte die Ausschreibung am 1. September vorigen Jahres. Bis Ende Februar hatten die Schüler Zeit, sich in ein Thema zu vertiefen und die Arbeit vorzulegen.

Körber-Stiftung organisiert Geschichtswettbewerb

„Die Schüler müssen sich ein Thema suchen, das regionalgeschichtlich ist oder einen extrem familiären Bezug hat“, erklärt Herma Lautenschläger, Geschichtslehrerin am Grimmaer Gymnasium und zugleich die Landesbeauftragte für den von der Körber-Stiftung organisierten Geschichtswettbewerb. Man wolle erreichen, dass die Schüler nach dem Motto „Grabe, wo du bist“ vor Ort forschen, in die Archive gehen und sich mit Zeitzeugen unterhalten. „Das ist richtige wissenschaftliche Arbeit“, weiß Lautenschläger. Und das außerhalb des Unterrichts – auch wenn die Forschung in die Facharbeit der 10. Klasse oder als besondere Lernleistung ins Abitur einfließen kann.

Geschichtswettbewerb: Grimmas Geschichtslehrerin Herma Lautenschläger führt in die Präsentation der Gymnasiasten aus Grimma und Borna ein. Quelle: Frank Prenzel

Die Schüler aus Grimma und Borna sind in guter Gesellschaft. 5500 Kinder und Jugendliche hätten fast 2000 Beiträge eingereicht, erläuterte Lautenschläger. Das sei seit 1993 die höchste Beteiligung. „Das Rahmenthema hat offenbar viele angesprochen“, so die Pädagogin aus Grimma. Am Gymnasium Borna betreute Geschichtslehrerin Steffi Kohlmetz die Teilnehmer.

Präsentation von sechs Arbeiten

Markus Barthel, einer der zwei Wettbewerbsteilnehmer aus Borna, machte zur Präsentation von sechs Arbeiten den Auftakt. Auch sein wichtigster Zeitzeuge hatte auf den Besucherplätzen Platz genommen und hörte dem Zwölftklässler zu: Günter Weinelt, der sich am 31. Oktober 1965 eingereiht hatte in die Beatdemo auf dem Leipziger Leuschnerplatz, auf der junge Leute gegen das Verbot von Beatmusik und Bands protestierten. Markus Barthel hatte seinen Vortrag über die „Beatmusik der 60er-Jahre in der DDR“ mit einem provokanten Bild begonnen: Eine Beatles-Schallplatte im Emblem der DDR-Fahne.

Bei der Präsentation der Arbeiten zum Geschichtswettbewerb: der Bornaer Gymnasiast Markus Barthel. Quelle: Frank Prenzel

Max Langer (10. Klasse) nahm die „Kohle- und Energiekrise 1978/79“ unter die Lupe – am Beispiel seiner Heimatregion Borna, wo im Katastrophenwinter die Braunkohle gefror und die Energieversorgung wie in weiten Teilen der DDR in sich zusammen fiel. Max Langer untersuchte auch die Sichtweise der damaligen DDR-Medien.

Bei der Präsentation der Arbeiten zum Geschichtswettbewerb: der Bornaer Gymnasiast Max Langer. Quelle: Frank Prenzel

Anja Höfer, die am Grimmaer Gymnasium die 11. Klasse besucht, beschäftigte sich mit einem ausgefallenen Thema und fertigte mit Augenzeugen-Zitaten sogar einen kleinen Trickfilm: „Vernichtet den Kartoffelkäfer!“ Im Kalten Krieg kolportierte die DDR-Propaganda den Begriff des Ami-Käfers. Angeblich warf der Gegner aus Flugzeugen den Schädling ab, um die Versorgung und die Wirtschaft in der DDR zu destabilisieren, hat Anja Höfer recherchiert. Es ist aber nur ein Detail ihrer umfangreichen Arbeit, die sie noch fortsetzen möchte.

Bei der Präsentation der Arbeiten zum Geschichtswettbewerb: die Grimmaer Gymnasiastin Anja Höfer. Quelle: Frank Prenzel

Caroline Röder (9. Klasse/Grimma) untersuchte mit zwei Mitschülern unter dem Titel „Kaffee-Mix? – Kaffee-Nix!“ die Kaffee-Krise in der DDR, 1976 aufgrund von Missernten in den Exportländern hervor gerufen. Aus der Not wurde damals der Kaffee-Mix erfunden, der nur zu 51 Prozent richtige Bohnen enthielt. „Er stieß auf Unzufriedenheit und verstopfte die Kaffeemaschinen“, hat die Schülerin herausgefunden. Westpakete hätten damals 20 Prozent des DDR-Kaffeeverbrauchs gedeckt.

Bei der Präsentation der Arbeiten zum Geschichtswettbewerb: die Grimmaer Gymnasiastin Carolin Röder. Quelle: Frank Prenzel

Celina Schaller griff unter dem Titel „Wir haben viel zu lange geschwiegen“ ein sehr wichtiges Ereignis ihrer Geburtsstadt Plauen auf. Zwei Tage vor der entscheidenden Demonstration in Leipzig gingen hier am 7. Oktober 1989 rund 20.000 Menschen auf die Straße und lehnten sich gegen das DDR-Regime auf. Der Verlauf dieses Tages bildet den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Anlässlich des 30. Jahrestages der Friedlichen Revolution sei das ein perfektes Thema, sagte die Zwölftklässlerin aus Grimma, die auch die Ursachen für den Aufbruch in Plauen recherchierte.

Bei der Präsentation der Arbeiten zum Geschichtswettbewerb: die Grimmaer Gymnasiastin Celina Schaller. Quelle: Frank Prenzel

Richard Eißner (10. Klasse/Grimma) bricht mit seiner Arbeit zeitlich aus. Er untersuchte unter der Zitat-Überschrift „Gott Lob! Nun ist erschollen das edle Fried- und Freudenwort“ die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) auf Grimma, die drei sächsischen Fürstenschulen und den Kirchendichter Paul Gerhardt, einem der berühmtesten Schüler in Grimma. Die Muldestadt büßte damals auch ihre Brücke durch Zerstörung ein.

Bei der Präsentation der Arbeiten zum Geschichtswettbewerb: der Grimmaer Gymnasiast Richard Eißner. Quelle: Frank Prenzel

Von Frank Prenzel