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Grimma Holländer fischt Kamera aus dem Wasser – und findet bei Grimma ihren Besitzer
Region Grimma Holländer fischt Kamera aus dem Wasser – und findet bei Grimma ihren Besitzer
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21:43 14.06.2019
Der Kösserner Thomas Frey (l.) hat seinen kleinen Fotoapparat wieder. LVZ-Redakteur Haig Latchinian überreicht ihm das gute, wenn auch verrostete Stück.
Der Kösserner Thomas Frey (l.) hat seinen kleinen Fotoapparat wieder. LVZ-Redakteur Haig Latchinian überreicht ihm das gute, wenn auch verrostete Stück. Quelle: Thomas Kube
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Sneek/Kössern

Es gibt Geschichten, die schreibt nur das Leben. Eine solche handelt von zwei Männern – der eine Sachse im Muldental, der andere Niederländer in Friesland. Beide sind sich noch nie begegnet. Und doch fühlen sie sich nah. Ja, sie würden sich freuen, demnächst sogar persönlich Bekanntschaft zu schließen. Und das alles nur wegen eines rostigen kleinen Fotoapparats.

Besagte Kamera fischte Henk Hamstra vor zwei Monaten in der niederländischen Stadt Sneek aus dem Wasser. Er ist passionierter Magnetangler. Einer, der sich einen Spaß daraus macht, allerlei Gewässern auf den Grund zu gehen – immer auf der Jagd nach versunkenen metallischen Schätzen. Das Friesland mit seinen Flüssen, Seen und Grachten ist sein Eldorado. Auch ganz ohne Gold!

Grimmaer Kennzeichen als wichtiger Hinweis

Das Beste: Die Speicherkarte des verschlammten und mit Muscheln besetzten Fotoapparates funktionierte noch. Und das, obwohl die Kamera schon eine halbe Ewigkeit auf dem sandigen Boden des naturtrüben Wassers lag. Das hatte Spürnase Henk ermittelt. Wichtige Hinweise gaben ihm die auf das Jahr 2015 datierten über 200 intakten Fotos. Sie zeigten den Besitzer der Kamera, dessen Auto mit Grimmaer Kennzeichen und den Namen des Bootsverleihers.

Magnetangler Henk Hamstra Quelle: privat

Spätestens jetzt packte den Magnetangler vollends das Jagdfieber. Er wollte unbedingt den Eigentümer des Fotoapparats ausfindig machen. Seine Vermutung: Dem Urlauber könnte die Kamera bei einer Bootstour versehentlich aus der Hand geglitten sein. Also warf Henk erneut die Angel aus – diesmal nicht mit Magnet, sondern als E-Mail mit Anhang.

LVZ als Rettungsanker

„Es wäre toll, wenn der Besitzer die Fotos nach vier Jahren zurückbekommt“, schrieb er der LVZ, der mutmaßlichen Heimatzeitung des Grimmaers. Henk Hamstras Plan ging auf. Am 11. Mai veröffentlichte die Redaktion die etwas andere Suchanzeige des fischenden Holländers. Und tatsächlich: Der rechtmäßige Besitzer biss an. Als er den Artikel las, glaubte der 70-jährige Thomas Frey aus Kössern bei Grimma seinen Augen nicht und war glücklich.

Henk Hamstra schickte die Kamera an die Leipziger Volkszeitung. Quelle: Thomas Kube

Genau wie der Angler 630 Kilometer nordwestlich. Der steckte Kamera und Chip postwendend in ein Päckchen und schickte es der Zeitung. Die Kollegen schlossen sich daraufhin mit Thomas Frey kurz und überreichten ihm jetzt feierlich die heiße Ware aus Holland. „Ob Sie es glauben oder nicht, am Vortag der Veröffentlichung jenes Artikels kam ich gerade aus Sneek zurück.“

Kösserner liebt das Friesland

In der idyllischen Kleinstadt hatte es dem Rand-Grimmaer bei seiner Bootstour 2015 so gut gefallen, dass er in diesem Jahr ein zweites Mal dorthin reiste: „Die herzlichen Menschen, die winzigen Häuser, die alten Windmühlen!“ Die Kamera, die damals in einer Kurve versehentlich über Bord ging, war längst abgeschrieben und eigentlich vergessen. „Ich hatte die Schlaufe nicht ums Handgelenk – schon war’s passiert.“

Umso größer die Dankbarkeit. „Allein schon für die Mühe, die sich der Holländer gegeben hat“, sagt Thomas Frey. Sowohl bei seinem damaligen Reisebegleiter als auch bei seiner Frau – seit April waren mysteriös anmutende Anrufe eingegangen, die zunächst niemand einordnen konnte. Das eine Mal war die Chefin des Bootsverleihs am Apparat, das andere Mal die Polizei. „Inzwischen wissen wir, dass es um den Fotoapparat ging“, lacht Frey.

Schon bald gibt’s ein erstes Kennenlernen

Kaum zu glauben, sagt der Kösserner immer wieder. Doch nachdem er die Menschen in Friesland kennen gelernt hat, traut er ihnen nur das Allerbeste zu: „Wir waren mit unserem Boot auf einem der vielen Flüsse unterwegs, als wir an einer Ampel plötzlich Grün hatten. Extra für uns öffnete sich eine Brücke, über die – (kein Ostfriesenwitz!) – eine vierspurige Autobahn verläuft. Wir waren regelrecht erschrocken. Der ganze Verkehr wurde gestoppt, nur für unser kleines Boot.“

So wie Henk Hamstra vor wenigen Wochen den Entschluss fasste, in die Offensive zu gehen, steht nun auch für den Grimmaer fest: „Auf meine alten Tage werde ich ein drittes Mal nach Sneek fahren. Ich will dem netten Angler die Hand schütteln. Sicher kommt auch meine Frau mit.“ Wenn die ein Bild von den beiden Männern schießen möchte, muss sie allerdings eine andere Kamera dabei haben. Die verrostete, um die sich alles dreht, knipst nicht mehr. Dafür ist sie nun selbst begehrtes Fotoobjekt.

Von Haig Latchinian