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Grimma „Jakobs Erzählungen“ – Ein Apfelbaum aus Naunhof erzählt
Region Grimma „Jakobs Erzählungen“ – Ein Apfelbaum aus Naunhof erzählt
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10:24 12.08.2019
Ungewöhnliche Zwillingsbrüder: Günther Schumann und sein Apfelbaum der Sorte Jakob Lebel, der im Buch als Erzähler auftritt. Beide sind gleich alt. Quelle: Thomas Kube
Naunhof

 Günther Schumann plaudert viel den lieben Tag lang, weshalb er auch gern eingeladen wird, um seine humorvollen Gedanken zum Besten zu geben. Noch nie aber hat der 85-Jährige davon gesprochen, dass er einen Zwillingsbruder hat. Keinen eineiigen, denn die Beiden könnten kaum unterschiedlicher aussehen. Aber genauso redselig. In einem Buch erzählt dieser jetzt die Geschichte der Familie, eingebettet in die Naunhofer Lebensumstände.

Mit seiner Höhe von sieben Metern und einer Taille von – so Schumann – „geschätzten haargenauen 138,5 Zentimetern“ lässt sich der Bruder, der steif und fest im Garten des bekannten Holzbildhauers steht, kaum übersehen. „Gestatten, mein Name ist Jakob, Jakob Lebel, und ich bin ein Apfelbaum vom Gärtnermeister Paul aus Naunhof“, stellt er sich zu Beginn einer Erzählung voller kleiner Episoden und großer Historie vor. Festgehalten im neuesten Buch des Holzbildhauers, der auf die Idee kam, nicht von sich selbst zu berichten, sondern in märchenhafter Weise aus der Perspektive seines stattlichen Gehölzes reichlich acht Jahrzehnte Revue passieren zu lassen.

Buch regt zum Nachdenken an

„Ich will zum Nachdenken anregen an eine Zeit, die wir erlebt haben“, sagt der Rentner. Und das gelingt ihm ohne Zweifel. Bei den Lesern der gleichen Generation weckt er zahlreiche Erinnerungen. Jüngere werden, soweit sie Interesse zeigen, das Eine oder Andere von ihren Eltern oder Großeltern erfahren haben. An sie alle ergeht der Rat des Apfelbaums am Ende des Werks: „In der Gegenwart leben, an die Zukunft denken und doch die Vergangenheit nie vergessen!“

Geschichte beginnt 1935

Und Letztere begann im Buch für das Gehölz der Sorte Jakob Lebel und Schumann 1935 im zarten Alter von einem Jahr. Der Baum beschreibt, wie ihn Oma Lina kaufte und mit ihm per Handwagen durch ein Naunhof zuckelte, in dem aus den Bauerngärten die Hühner gackerten. Er reflektiert, wie das arbeitsame Leben der Menschen aussah, wie die Großmutter zur Geburtstagsfeier ihre Haare mit dem Brennstab ondulierte und wie aus dem Volksempfänger-Radio, das der Volksmund Goebbels-Schnauze nannte, markige Reden ertönten.

Buchcover "Jakobs Erzählungen" von Günther Schumann aus Naunhof (Engelsdorfer Verlag). Quelle: Engelsdorfer Verlag

Jakobs Erzählungen

Jakobs Erzählungen“ von Günther Schumann

66 Seiten,

Engelsdorfer Verlag,

Preis: 8,10 Euro,

ISBN 978-3-96145-743-4

Der Zweite Weltkrieg wirkte sich auf jeden aus. Oma Lina, ihre Tochter und Enkel Günther mussten ihr Haus verlassen, damit amerikanische Soldaten alle Zimmer belegen konnten. Jeden Tag aber kamen sie zum Grundstück mit dem Baum zurück, um ihre Kaninchen zu füttern. Die Zeit danach scheint für die Selbstversorger Naunhofs, denen auch Jakob Lebel seine Äpfel schenkte, etwas einfacher gewesen zu sein als für die Leipziger Großstädter.

Leben im geteilten Deutschland

In Gesprächen am Gartenzaun spielte die unterschiedliche wirtschaftliche Lage im geteilten Deutschland oft eine Rolle. Neue Begriffe entstanden: HO und LPG. Als das Fernsehen Einzug hielt, trugen die Vögelchen dem Apfelbaum zu, dass viele versuchten, Westsender zu empfangen.

Gerhard Schumann, den der hölzerne Bruder stets im Auge behielt, wurde Holzbildhauer, konnte sich damit aber zunächst nicht über Wasser halten. Nach mehreren Hilfsarbeiten in Betrieben ließ er sich zum Schweißer ausbilden. In den 1970ern kehrte er aber zum alten Beruf zurück, erhielt einen Gewerbeschein und errichtete bald darauf seine Werkstatt, bis an deren Fenster heute die Zweige von Jakob Lebel heranreichen. Der Rathausbrand von 1991 verschaffte ihm einen Großauftrag, seine „Eiertrude“ hält am Eingang des Naunhofer Bürgersaals Wacht. Auftragswerke gingen nicht nur in verschiedener Teile Deutschlands, sondern auch nach Österreich und in die Schweiz. Viel kreierte er auch aus Lust und Laune.

Beide Brüder altern

Reisen zogen Schumann in mehrere ferne Länder, während der Baum daheim genauso wie er alterte. Beide sind etwas gebrechlich geworden. Aber als der eine von ihnen wegen eines Schwammbefalls einzugehen drohte, füllte der andere mit anderthalb Säcken Betonmörtel dessen hohlen Stamm und rettete ihm somit das Leben. So leben die Zwei fort und schauen zu, wie Roboter zum Leidwesen der Vögel Zierrasen mähen, wo früher Insektenwiesen blühten.

Buch ab jetzt erhältlich

Schumann, der schon mit „Lotte“ die Geschichte eines Karussellpferds beschrieb, in „Jahresringe“ eigene Lebensabschnitte schilderte und in „Jambo Afrika“ Reiseerlebnisse wiedergab, veröffentlicht mit „Jakobs Erzählungen“ sein viertes Buch. 50 Exemplare hat er im Engelsdorfer Verlag von Tino Hemmann aus Ammelshain drucken lassen. „In der Hauptsache will ich sie verschenken, ich habe einen großen Bekanntenkreis“, sagt er.

Wer das Werk aber kaufen will, der sollte zu dem alten Mann und seinem Baum in der Brandiser Straße 53 kommen. „Hier muss er dann in meinem Allwetterstrandkorb zur Probe sitzen, einen Dialog mit zwei Neandertalern und einem weisen Raben führen und mit Winnetou eine Friedenspfeife rauchen“, erklärt der Holzbildhauer verschmitzt. Was damit gemeint ist, wird derjenige dann merken. Nur soviel: Es lohnt sich.

Von Frank Pfeifer

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