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Grimma Kretschmer verschließt Grimmas Flutmauer
Region Grimma Kretschmer verschließt Grimmas Flutmauer
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15:58 02.08.2019
Unter den Augen zahlreicher Leute schließen Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, Umweltminister Thomas Schmidt und Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger das Fluttor zwischen Pöppelmannbrücke und Schloss.
Unter den Augen zahlreicher Leute schließen Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, Umweltminister Thomas Schmidt und Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger das Fluttor zwischen Pöppelmannbrücke und Schloss. Quelle: Frank Schmidt
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Grimma

Niedrigwasser. Mit gerade mal zehn Kubikmeter Wasser pro Sekunde floss die Mulde am Freitag träge an Grimma vorbei. Als wollte sie allen sagen, das friedlichste Gewässer der Welt zu sein. Doch der Schein trügt. Im Juni vor sechs Jahren führte der entfesselte Fluss die 200-fache Wassermenge. Zum zweiten Mal innerhalb von nur elf Jahren flutete er die Stadt und hinterließ erneut Schäden in Millionenhöhe.

So ein Hochwasser wie 2013 wird die Schutzanlage künftig fern halten von der reizvollen Altstadt. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, Umweltminister Thomas Schmidt (beide CDU) und Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos) nahmen sie am Freitag feierlich in Betrieb. Das 2,2 Kilometer lange aufwändige Bauwerk kostete 57 Millionen Euro.

Sabine Diecke: Das Gesicht der betroffenen Grimmaer

Während der Gesprächsrunde in der Klosterkirche avancierte Zahnärztin Sabine Diecke zum Gesicht der betroffenen Grimmaer. Die 64-Jährige wohnt und praktiziert nur Schritte entfernt in der Paul-Gerhardt-Straße – ihre Familie bekam beide Muldefluten in diesem Jahrhundert mit voller Wucht zu spüren. 2002 stand das Wasser bis an die erste Etage, im Erdgeschoss mit den teuren medizinischen Geräten ließ es Totalschaden zurück. Wie die anderen Bewohner ihrer Straße ist sie froh über den jetzigen Schutz. „Er ist sehr beruhigend für die Bürger und für Grimma überlebenswichtig“, sagte die Zahnärztin der LVZ. „Ein drittes solches Hochwasser würden die Menschen nicht verkraften.“

Mit einer lockeren Gesprächsrunde in der Klosterkirche, dem symbolischen Schließen eines Fluttores und der Enthüllung eines Reliefs wurdedie Grimmaer Hochwasserschutzanlage in Betrieb genommen.

Nach einem Gang entlang der imposanten Schutzanlage zog Regierungschef Kretschmer seine Jacke aus und krempelte die Ärmel hoch. Gemeinsam mit Minister Schmidt und Rathauschef Berger verschloss er das fünf Tonnen schwere Stahltor zwischen Pöppelmannbrücke und Schloss – die symbolische Inbetriebnahme des Schutzwalls. Spielend leicht und nahezu geräuschlos ließ sich der stählerne Gigant bewegen. Schließlich enthüllten die drei Politiker ein hohes Relief neben dem Tor, das an den Bau der Anlage erinnern soll. Es zeigt eine sich spiegelnde Mulde, den Verlauf der Mauer und die Hochwasserstände von 1771, 1954 und 2013. Eine Flut wie 2002 würde auch die nun fertig gestellte Wand nicht abhalten.

Chef der Landestalsperrenverwaltung: „Fertsch“

„Fertsch!“ – Dieses Wort umschreibe kurz und knapp seine Gefühlslage, sagte der Geschäftsführer der Landestalsperrenverwaltung (LTV), Heinz Gräfe. Nach zwölf Jahren Bauzeit sei eine der größten, kompliziertesten und anspruchsvollsten Hochwasserschutzmaßnahmen erfolgreich zu Ende gebracht worden. „In Grimma galt es, den Hochwasserschutz, den Denkmalschutz und die Stadtentwicklung unter einen Hut zu bringen“, so Gräfe. So ziemlich alles, was der moderne Hochwasserschutz zu bieten habe, sei zur Anwendung gekommen, und das Ergebnis könne sich auch im europäischen Maßstab sehen lassen. Die LTV als Bauherr band für die Grimmaer Schutzanlage 28 Planungsbüros, 15 Gutachter und 63 Baufirmen. Die Wand reicht bis zum Fels zwölf Meter in die Tiefe und integriert harmonisch die historische Bausubstanz. Im Ernstfall sind 78 Öffnungen, darunter 20 Tore, zu verschließen.

Ein riesiger Gewinn für Grimma

Von Frank Prenzel

Der 2. August 2019 geht in die Geschichtsbücher von Grimma ein. Im Beisein von Ministerpräsident und Umweltminister wurde nach zwölf Jahren Bauzeit die lang ersehnte Hochwasserschutzanlage feierlich eingeweiht. Genau genommen müsste der 17. Juni 2019 in den Annalen Widerhall finden. Denn an jenem Tag wurde das letzte Fluttor eingesetzt, seit jenem Tag ist Grimma vor einem Muldehochwasser geschützt, wie es statistisch gesehen alle 100 Jahre auftritt.

Für Grimma ist das wirklich ein großer Tag. Das erste Mal in seiner mehr als 800 Jahre währenden Geschichte hat die oft getroffene Stadt einen wirksamen Schutz vor dem unberechenbaren Fluss, der vor ihren Toren das Tal durchfließt. Noch nie konnten sich die Menschen der Altstadt so sicher fühlen wie jetzt.

Das ist aber nicht alles. Denn die reizvolle Muldestadt mit ihrer unverwechselbaren Silhouette erhielt eine Schutzanlage, die sich harmonisch ins Stadtbild einfügt. Statt einer einförmigen Wand entstand eine Wasserabwehr, die sich sehen lassen kann. Solche stilvollen Gebäude wie Schloss und Gymnasium wurden in die Anlage direkt integriert und verloren damit nicht an Strahlkraft. Das alles hat zwar seinen Preis, Grimma dadurch aber an Attraktivität gewonnen. Anders formuliert: Die Anstrengungen haben sich gelohnt.

Grimma musste nicht einen einzigen Euro für das gigantische Bauwerk beisteuern. Auch dafür können die Einwohner dankbar sein. Doch nun liegt die Anlage in den Händen der Stadt, die deren Handhabung klugerweise von Anfang an im Fokus hat. Immerhin müssen im Ernstfall 78 Öffnungen verschlossen werden, was einmal im Jahr während einer groß angelegten Übung getestet wird.

Die Mulde hat Grimma oft genug heimgesucht, selten waren die Schäden so groß wie bei den zwei Fluten in diesem Jahrhundert. Jene Menschen, die das leidvoll erfahren mussten und ihre Stadt wieder aufbauten, kommen nun als Erste in den Genuss der Schutzanlage. Am liebsten wäre ihnen wohl trotzdem, dass deren Bewährungsprobe bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag dauert.

Kretschmer: Gute Investition in die Zukunft

Der Freistaat habe finanziell und inhaltlich die Kraft, etwas Vernünftiges zu bauen, sagte Ministerpräsident Kretschmer. „Wir wollen auch in den kommenden Jahren nicht nachlassen und weitere Projekte realisieren.“ Dabei sei eine vernünftige Balance zwischen natürlichem und technischem Hochwasserschutz zu finden. Der Schutz für Grimma sei eine gute Investition in die Zukunft und in die Sicherheit der Stadt und ihrer Menschen. Umweltminister Schmidt erinnerte, dass in Sachsen seit 2002 rund 2,9 Milliarden Euro in den Hochwasserschutz gesteckt wurden. Bis 2023 seien weitere 630 Millionen Euro geplant.

Berger: Es ist etwas ganz Tolles entstanden

Grimma sei „etwas sicherer geworden, aber wir haben keinen absoluten Schutz“, merkte Oberbürgermeister Berger an und dankte allen Beteiligten. Doch selbst im Falle des Überspülens werde die Mauer helfen. „Wir sollten als Grimmaer heilfroh sein, dass wir heute die Anlage in Betrieb nehmen können“, so Berger. Es sei etwas „ganz Tolles entstanden“. Einmalig sei auch, dass die Planfeststellung seinerzeit nur zehn Monate gedauert habe. „Am Ende hatten wir fünf Klagen, und die waren in einem Jahr vom Tisch“, ergänzte LTV-Betriebsteilleiter Axel Bobbe. Das Projekt in Grimma habe in vielerlei Hinsicht Alleinstellungsmerkmale, so Bobbe, der beim anschließenden Rundgang die technischen Finessen der Anlage vor Augen führte.

Grimma plant 2020 großes Volksfest an der Flutmauer

250 geladene Gäste nahmen an der von der LTV veranstalteten Einweihung teil, an der Pöppelmannbrücke hatten sich auch einige Dutzend Schaulustige eingefunden. Ein großes Volksfest zur Fertigstellung der Schutzanlage soll es im nächsten Jahr geben. Dazu haben sich LTV und Stadt verständigt. Als Datum für „Grimma aufgetaucht 20“ steht der 20. Juni im Raum.

Von Frank Prenzel