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Grimma Lehrer in Großbardau widerstehen Lockruf nach Beamtenstatus
Region Grimma Lehrer in Großbardau widerstehen Lockruf nach Beamtenstatus
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18:58 20.12.2018
Im Eingangsbereich des Schulzentrums in Großbardau stellen sich an der Wandzeitung auch die Pädagogen vor. Quelle: Frank Prenzel
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Grimma/Grossbardau

Beamtenstatus lockt – freien Schulen laufen die Lehrer davon“,titelte die LVZ im November. Muss auch das Evangelische Schulzentrum Muldental im Grimmaer Ortsteil Großbardau einen Aderlass befürchten, nachdem die Landesregierung inzwischen ihr Lehrerprogramm auf den Weg gebracht hat?

Geringe Fluktuation in Großbardau ist Alltag

„Ein bis zwei Lehrer pro Jahr haben unserer Schule schon immer den Rücken gekehrt“, sagt Geschäftsführer Niko Kleinknecht. Auch in Richtung Sachsen-Anhalt, wo Lehrer schon länger als Beamte angestellt werden. Dass ihm nun durch das sächsische Programm die Lehrer davon laufen, erwartet er nicht. Als der Freistaat die Verbeamtung der Lehrer bis 42 Jahre forcierte, konnten lediglich zwei Lehrer dem Lockruf nicht widerstehen und verabschiedeten sich Ende vorigen Schuljahrs an staatliche Schulen. Auch zwei Referendare sagten ade.

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Weniger Ausfall als in anderen Schulen

Kleinknecht konnte im Gegenzug drei neue Lehrer einstellen. Lücken gibt es dennoch. „Wir bräuchten an den weiterführenden Schulen einen Förderpädagogen Inklusion und einen Geografie-/Sportlehrer.“ An der Grundschule fehlt ein Englischlehrer. „Wir sind aber gut aufgestellt und haben viel weniger Ausfall als andere Schulen“, bekräftigt der 49-Jährige.

Das Evangelische Schulzentrum Muldental im Grimmaer Ortsteil Großbardau zählte zu den 17 auserwählten Schulen in ganz Deutschland, die sich Hoffnung auf den Deutschen Schulpreis im Jahr 2016 machten. Quelle: Thomas Kube

Kleine Klassen und freier Unterricht haben Methode in Großbardau

Kleinknecht glaubt dennoch, dass auch sein Schulzentrum das Sachsen-Programm zu spüren bekommt – „wenn es etabliert ist“. Er weiß aber, dass unter Pädagogen auch andere Werte zählen als der Beamtenstatus mit seinen Vorteilen und gute Bezahlung. Die Lehrer halte in Großbardau „weniger das Geld, sondern die Art und Weise, wie wir Schule machen“, sagt er und verweist auf die kleinen Schülergruppen, den offenen Unterricht und die Methodenvielfalt. „Man fühlt sich hier wahrgenommen.“ Nicht wenige Lehrer wollen seinen Worten zufolge ihren Arbeitsplatz frei wählen, während man als Beamter auch an einen unliebsamen Platz versetzt werden kann.

Das 1999 gegründete Schulzentrum wird von einem Verein getragen, in dem Eltern und Lehrer Mitglied sind. Alle drei Schularten sind staatlich anerkannt, derzeit unterrichten die 45 Pädagogen in der Grundschule 120, in der Oberschule 106 und im Gymnasium 130 Schüler. Im Hort arbeiten neun Erzieher. Die Lehrer, von denen etwa jeder Zweite jünger als 42 ist, verdienen 15 bis 20 Prozent weniger Geld als an staatlichen Schulen.

Weiche Faktoren wie Freiräume zählen für Lehrer

Der Trägerverein gewährt aber andere Vergünstigungen. „Wir übernehmen den kompletten Elternanteil der Kinderbetreuung in Kita und Hort“, verdeutlicht Kleinknecht. Für monatlich 15 Tage und eine Entfernung zahlt der Verein auch die Fahrtkosten zwischen Wohnung und Arbeitsstelle. Das sei steuerlich günstiger, so der Geschäftsführer. Neben diesen harten Faktoren zählten weiche Faktoren wie das Miteinander, die Beteiligung an der Schulentwicklung und der Freiraum bei der Arbeit.

Die Arbeitsgemeinschaft der sächsischen Schulen in freier Trägerschaft hatte kritisiert, dass der Freistaat mit seinem Programm, das auch ältere Lehrer finanziell besser stellt, nicht an die freien Schulen denke.

Kultusministerium stockt Zuzahlungen bis 2020 auf

Das Kultusministerium hatte gekontert, dass bis 2020 auch die Zahlungen an die freien Schulen um 70 Millionen Euro aufgestockt würden. Kleinknecht rechnet das für sein Schulzentrum durch und kommt zu dem Schluss, dass die Gehälter damit um etwa acht Prozent angehoben werden könnten. Und da habe die Schule – neben der üblichen Fördersatz-Anpassung von jährlich zwei bis drei Prozent – „noch keinen Cent mehr für Ausstattung und Sachkosten. Es reicht also definitiv nicht aus“, sagt der 49-Jährige.

Ausstattung schlechter als in staatlichen Schulen

„Wenn wir merken, dass uns die Lehrer weglaufen, können wir schnell reagieren“, betont Kleinknecht. So habe man die Möglichkeit, Gelder zuungunsten von Investitionen zu verschieben. Schon jetzt aber ist die Ausstattung in Großbardau schlechter als an anderen Schulen. „Wir haben zum Beispiel nur einen Raum mit White-Bord“, weiß Kleinknecht zu berichten. „Da wir uns kleine Gruppen und zwei Inklusionsteams leisten, müssen wir eben an anderer Stelle sparen.“

Das Schulzentrum Muldental erhält in diesem Schuljahr 2,2 Millionen Euro vom Freistaat. Seine Ausgaben liegen um eine halbe Million Euro höher. Neben dem Schulgeld, das die Eltern zahlen, schließen unter anderem Spenden und Geld für Ganztagsangebote die Lücke. Die Entlohnung der Lehrer und Erzieher bleibt an der freien Schule dabei ein Dauerthema. „Wir streben an, eines Tages die Bezahlung mit den staatlichen Schulen gleich zu stellen“, sagt Kleinknecht.

Von Frank Prenzel