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Grimma Lockerung bei der Bildungsempfehlung – Schulen im Landkreis Leipzig reagieren gelassen
Region Grimma Lockerung bei der Bildungsempfehlung – Schulen im Landkreis Leipzig reagieren gelassen
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16:51 26.01.2017
Künftig zählt der Wunsch der Eltern, wenn es um den weiteren Bildungsweg geht.
Künftig zählt der Wunsch der Eltern, wenn es um den weiteren Bildungsweg geht. Quelle: dpa
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Landkreis Leipzig

Die letzte Entscheidung über den Bildungsweg ihrer Sprösslinge treffen ab sofort die Eltern in Sachsen. Auch wenn die Noten nichts Gutes verheißen, können Grundschüler erstmals den Gang aufs Gymnasium antreten. Bisher galt die Bildungsempfehlung als Maß aller Dinge. Nun trägt sie nur noch orientierenden Charakter.

Gunter Neuhaus, Leiter der Geithainer Paul Guenther-Schule, schätzt die Auswirkungen im ländlichen Bereich als eher gering ein. „Die Eltern sind stärker an Schul- und Wohnortnähe interessiert“, so seine Erfahrung. Auf den Rat der Grundschulpädagogen, die das Kind täglich erleben, sollten die Eltern allerdings hören. Laut der Geithainer Lehrerin Ines Schöne kommt auf die Eltern jetzt eine höhere Verantwortung zu: „In meiner Klasse sind Schüler, die auf das Gymnasium gehen könnten, doch lieber die Oberschule absolvieren wollen.“ Thomas Heilmann, Besucher zum jüngsten Tag der offenen Tür, kann der Neuregelung nichts abgewinnen: „Aus meiner Sicht ist es besser, wenn die Lehrer die Leistung des Kindes einschätzen und eine Bildungsempfehlung aussprechen. Wenn der Schüler den Anforderungen des Gymnasiums nicht gewachsen ist, bleibt ihm eine Enttäuschung erspart.“ Später könne man sich ja immer noch für das Gymnasium entscheiden.

Aus Sicht der Kreisbehörde bewertet Kultusamtsleiter Holger Pethke die Fakten: „Es wird sicher nicht dazu kommen, dass ganze Oberschulen keine neuen fünften Klassen bilden können und dafür die Gymnasien aus allen Nähten platzen.“ Einen Zuwachs an den Gymnasien erwarte er vielleicht in Höhe von fünf Prozent, wenn überhaupt. „Wir gehen davon aus, dass die Eltern das Beste für ihr Kind wollen – und das ist nicht immer der gymnasiale Bildungsweg.“ Aktuell besuchen im Landkreis 2037 Viertklässler öffentliche Grundschulen. An freien Grundschulen werden 90 Viertklässler unterrichtet, so Pethke. Die Übergangsquote ans Gymnasium lag im Landkreis Leipzig zuletzt bei 34 Prozent.

Mit einem stärkeren Ansturm auf die Abiturschmiede als in der Vergangenheit rechnet Margitta Schade, Leiterin des Gymnasiums Am Breien Teich in Borna, nicht. „Wir begrüßen, dass der Elternwille gestärkt wird. Für die Beratungsgespräche werden wir uns Zeit nehmen, um die Eltern bestmöglich in ihrer Entscheidung zu begleiten.“ Das Familien in der Vergangenheit einen Schulbesuch für ihr Kind durchboxen wollten, habe sie nicht erlebt. „Es kam nicht ein einziges Mal vor, dass Eltern die Bildungsempfehlung für ihr Kind angezweifelt haben und eine Aufnahme an unserem Gymnasium erzwingen wollten.“

Die Bildungsagentur rät dazu, Leitungsvermögen und Arbeitsverhalten der Kinder ebenso wie die Empfehlung der Grundschule zum weiteren Bildungsweg zu berücksichtigen. Quelle: dpa

Irina Salewski, Schulleiterin des Groitzscher Wiprecht-Gymnasiums, setzt auf die richtige Entscheidung der Erziehungsberechtigten: „Wir freuen uns über die neuen Freiheiten bei der Wahl des Bildungsweges. Ich vertraue den Eltern, dass sie im Interesse ihres Kind entscheiden.“ Eine wichtige Funktion erfülle das Beratungsgespräch, das verpflichtend ist, wenn die Bildungsempfehlung vom Gymnasium abrät. „Der Zensurenspiegel ist nur die eine Seite. Was ein Kind tatsächlich leistet, erweist sich erst im fünften Schuljahr“, so Salewskis Erfahrung. Der Groitzscher Gymnasial-Lehrer Frank Künzelmann gibt zu bedenken: „Wenn der Erfolg ausbleibt, müssen die Eltern verantwortungsbewusst handeln und ihrem Kind mitteilen, dass es besser ist, einen anderen Weg einzuschlagen.“ Zweifel an der Lockerung hat Klaus Henker, ein ehemaliger Pädagoge: „Die Regelung bringt bestimmt mehr Schwierigkeiten für die Schüler, die Schule durchzustehen. Wenn Kinder aufs Gymnasium kommen, die die Voraussetzungen nicht mitbringen, fällt ihnen der Unterricht wesentlich schwerer.“

Eher entspannt beurteilt Steffen Kretzschmar, Leiter der Oberschule Grimma, die Lage: „Die meisten Eltern gehen sehr realistisch an die Dinge heran. Das ist meine Erfahrung.“ Auf das Urteil der Grundschullehrer, so sein Rat, sollte man in der Regel vertrauen. Erst wenn die Anmeldungen erfolgt sind, könne beurteilt werden, wie die Eltern mit der neuen Freiheit umgehen, erklärt der Brandiser Bürgermeister Arno Jesse (SPD). „Wir können nur abwarten und gehen erst einmal von den prognostizierten Zahlen aus.“ Laut Kultusamt gab es in der Vergangenheit nur ganz vereinzelt Fälle, in denen Eltern vor Gericht gezogen seien. „Die Quote im Landkreis lag bei unter einem Prozent“, so Amtsleiter Holger Pethke.

Roman Schulz, Sprecher der Bildungsagentur, verweist zudem darauf, dass es bei zu wenig Plätzen nach wie vor zu einem Lenkungsverfahren kommen kann. „Daher gilt wie in den Vorjahren, dass neben dem Erstwunsch auch Zweit- und Drittwünsche anzugeben sind, welches Gymnasium das Kind besuchen soll.“

Von Simone Prenzel und René Beuckert